Porträt Die bayerischen Traumfängerinnen

Aus der Provinz in die weite Welt - was die Schwestern Hintermann und Pangerl selbst nicht gemacht haben, schaffen ihre Produkte. Von einem verschlafenen Nest aus versorgen sie Nobelherbergen rund um den Globus mit Federbetten.

Martin Wocher | , aktualisiert

Wer aus der Tiefe der Provinz die Welt erobern will, muss schon besondere Qualitäten mitbringen. Ein kurzer Blick auf die mit bunten Nadeln gespickte Weltkarte neben der Bürotür zeigt, dass Elisabeth Hintermann und Maximiliana Pangerl schon weit gekommen sind.

Europa? Ein Farbenmeer. Asien? Leuchtend. Südamerika: Überall rote und weiße Tupfen. Russland? Da tut sich was. "Afrika ist aber spannend und auch der Iran", sagt Hintermann. Man ahnt, dass es wohl nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Hintermann und ihre ebenfalls blonde Schwester auch diese Regionen erobert haben.

Und das alles von einer 800-Seelen-Gemeinde aus, im Dreiländereck von Deutschland, Tschechien und Österreich. Hier in Haidmühle, am Rande des Bayerischen Waldes, steht ihre Bettenfabrik. Puren Luxus aus Daunen und Federn stellen die Schwestern her - das teuerste Oberbett aus isländischer Eiderdaune kostet 2 000 Euro.

Prominente Kundschaft

Wer sich so teuer bettet? Die Nobelhotels dieser Welt ihre Gäste. Und Menschen, die Schlafkomfort zu schätzen wissen, darunter so illustre Namen wie der Designer Georgio Armani, der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber und Scheich Ahmed al Maktoum. Letzterer ist niemand Geringerer als der Chef der Fluglinie Emirates und prominentes Mitglied der Herrscherfamilie Dubais.

Pangerl und Hintermann gönnen sich das Beste aus zwei Welten, weil sie es geschafft haben, den geografischen Nachteil in einen Vorteil zu verwandeln. Sie haben sich auf die Stärken der Region konzentriert: die eingespielte Belegschaft, die Vorzüge wie das kalkfreie Wasser, das aus der Quelle am nahegelegenen Dreisesselberg entspringt und die Federn flauschiger macht als anderswo. Und so haben sie ein Produkt geschaffen, das weltweit einzigartig und gefragt ist.

Dafür leben sie den Kontrast: Heute Bayerischer Wald, übermorgen Schanghai - ein stets gepackter Reisetrolley steht nicht zufällig in jedem der beiden schlichten Büros. Rund 40 Termine rund um den Globus absolviert jede von ihnen im Jahr. Sie sind immer dort präsent, wo neue Luxushotels hochgezogen werden. Derzeit vorzugsweise in Asien und im arabischen Raum. Ihr jüngster Coup: Die VIPs der Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi dürfen sich 2014 in Kissen und Oberbetten "made in Germany" kuscheln. Vor sechs Jahren haben Hintermann und Pangerl dafür die ersten Kontakte geknüpft.

Mit Hartnäckigkeit und einem bodenständigem Charme haben sie es binnen zwei Jahrzehnten geschafft, aus dem lokalen Bettenhaus Mühldorfer am äußersten Rand der Republik einen Weltmarktführer zu schaffen: Die Nische ist klein und exquisit. Sie konzentrieren sich auf Fünf-Sterne-Häuser.

Wachstum auf Bestellung

Drei von vier Kunden sitzen im Ausland und der Umsatz wird dieses Jahr rund sieben Mio. Euro erreichen - und das wird natürlich mehr sein als im Jahr zuvor und im Jahr davor. Rund 200000 Kissen, Oberbetten und Matratzenauflagen produziert Mühldorfer und verarbeitet dafür mit seinen 45 Mitarbeitern rund 200 Tonnen Federn, Daunen und Kunstfasern.

Ihr Vorteil: "Sie sind Lieferanten, auf die man sich voll verlassen kann", lobt der Einkaufschef des Berliner Nobelhotels Adlon, Jan Meghari. Die beiden Schwestern springen auch kurzfristig ein. Notfalls wird in Haidmühle in drei Schichten rund um die Uhr gearbeitet. 800 Kissen und 300 Oberbetten? Kein Problem. Doch eines verlangen sie immer: Vorkasse. "Wir brauchen keine Bank", sagt Hintermann. Und produziert wird nur streng auftragsbezogen. Sie führen ein straffes Regiment - doch es gibt nur wenige Momente, in denen man es ihnen anmerkt.

Sie sind der Heimat und ihren Wurzeln treu geblieben, und das, obwohl sie die Enge der Heimat früh hinausgetrieben hatte. So flüchteten sie zunächst aus der Region, die Spötter gern auch bayerisch Sibirien nennen, weil es hier immer einige Grade kälter ist als sonstwo in der Republik. Hintermann studierte Steuerrecht in München und auch Pangerl ging nach der Ausbildung beim Vater in die bayerische Landeshauptstadt.

1987, sie waren gerade 21 und 27 Jahre alt, stand dann aber die Frage im Raum: Sollen wir in den Betrieb unseres Vaters, einem lokalen Bettenhaus, einsteigen? Und in vierter Generation das Erbe der Familie fortführen? Und sollen wir dafür die eigene Idee verwerfen, einen Konkurrenzbetrieb aufzubauen? Die beiden anderen der insgesamt vier Schwestern winkten ab, und auch Pangerl und Hintermann zögerten.

"Für die Familie war immer klar, dass wir den Betrieb übernehmen werden", sagt Hintermann. "Für uns selbst aber nicht." Schon während der Ausbildung hatte Pangerl mitbekommen, was alles schief lief unter der Regie des Seniors: Sein Betrieb war ein Warenhaus mit einem bunten Sortiment von Postkarten, Schürzen, Eiscreme - und Bettenabteilung. Zu viele Lieferanten, zu viele Produkte, zu viele Mitarbeiter. Und Hintermann, die während des Studiums in die Bücher geschaut hatte, wusste: "Der Betrieb war praktisch insolvent."

Das Warenhaus mausert sich

Aber die beiden Schwestern hatten Gefallen gefunden an der Branche, und es reizte sie, genau dort zu arbeiten. Ihre Bedingung: Der Vater, gerade mal Mitte 50, solle sich bitte zurückziehen. Der zögert erst, stimmt aber schließlich zu. "Irgendwann muss man als Jüngerer sagen: Ich mach's, geh!", sagt Hintermann, die Kämpferischere der beiden.

Die Schwestern krempeln den Laden komplett um, werfen Lebensmittel und Postkarten aus dem Sortiment - und entlassen die Hälfte der Leute. Harte Zeiten. Der Randbereich, hochwertige Bettwaren, soll zum Kerngeschäft werden. "Am Anfang waren sie alle gegen uns," erinnert sich Pangerl: "Die Banken, die keinen Kredit geben wollten, die Belegschaft, die Familie. Wir haben so häufig gedacht: Lieber Gott, was haben wir uns da aufgeladen." Es folgten viele schlaflose Nächte, "obwohl wir gute Betten hatten", erzählt Hintermann.

Hintermann und Pangerl sind ein gutes Team. Pangerl, die sechs Jahre jüngere und impulsivere, übernimmt den repräsentativen Part. Sie fühlt sich wohl auf den vielen Messen, wagt sich in neue Märkte. Hintermann, die Betriebswirtin, kümmert sich um die Mitarbeiter, die Finanzen, den Einkauf. "Eine Gans rupfen kann ich auch," sagt die 49-Jährige. Das sei zwar nicht unabdingbare Voraussetzung für den Job einer Geschäftsführerin, könne aber bei den Gesprächen mit den Feder-Lieferanten aus Ungarn und Rumänien schon mal hilfreich sein.

Doch erst einmal mussten sie Fuß fassen. In den ersten Jahren nahmen sie das Essen auf die Messen mit, Brot und Schokolade, um möglichst wenig Geld auszugeben. "Wir haben kaum was verdient, haben alles in den Betrieb gesteckt", sagt Hintermann. Die Mutter hielt sie mit ihrem Gehalt als Lehrerin in den mageren Anfangsjahren finanziell über Wasser. Doch die persönlichen Belange den Erfordernissen der Firma unterzuordnen, das kannten sie schon vom Vater. "Wenn Kunden da waren, mussten wir vier Schwestern zurückstecken", sagt Hintermann.

Sie selbst versuchen so gut es geht, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. So ist es Konsens, dass sich eine der beiden Schwestern immer um den Betrieb kümmert und abends zuhause sein kann. Aber auch Pangerls sechsjährige Tochter und Hintermanns 22-jähriger Sohn mussten Abstriche machen. "Die Kinder haben sich daran gewöhnt", sagt Pangerl.

Die internationale Expansion war kein Selbstläufer. Mit dem Fall der Mauer 1989 begriffen sie, dass sie raus konnten aus der einsamen Ecke im Dreiländereck, dass die Welt ihnen offen stand. "Wir hatten schon früh an Export gedacht, vom Bayerischen Wald allein konnten wir ja nicht leben", sagt Hintermann. Doch der erste Anlauf, das Nachbarland Tschechien zu erobern, floppte. Für die Bettwaren fanden sich keine Käufer, die gegründeten Filialen blieben leer. "Die Leute wollten reisen oder Schmuck kaufen, aber nicht das erste Geld für ein neues Bett ausgeben", sagt Pangerl.

Der zweite Anlauf brachte den Erfolg, wenn auch nicht direkt. 1993 schlossen sie sich den Ausstellern einer Hotelmesse in Dubai an. Zwar noch etwas unbedarft, witterten sie doch die Chance: "Wir haben an die vielen Kissen gedacht, auf denen die Araber immer sitzen", sagt Hintermann und lacht.

Den ersten Eindruck, den sie dann allerdings vor Ort in ihren weißen Hosenanzügen und mit ihrer Plastikgans machten, war nicht der beste. Die Araber hielten sie für Ärztinnen und das Tierchen kannten sie nicht. Dafür saß der zweite Eindruck. Mit ihrem Vortrag über die Vorzüge von Federbetten auch in der Wüste überzeugten sie und legten die Basis für ihren internationalen Durchbruch und Erfolg. Vier Jahre später statten sie das Burj al Arab aus, eines der teuersten Hotels der Welt. Und heute beliefert Mühldorfer fast alle Edelherbergen dieser Welt: Steigenberger, Interconti, Kempinski, Peninsula, Rezidor, Mövenpick.

Die beiden Schwestern aus der Provinz jetten um die Welt, sprechen und scherzen mit Kunden und Lieferanten. Die Garne kommen aus der Schweiz, die Stoffe aus Norddeutschland, die Hüllen ihrer Kissen und Oberbetten von zwei Nähbetrieben aus der Ukraine und Rumänien, und in Haidmühle läuft alles zusammen. Und wie ganz selbstverständlich gehen Hintermann und Pangerl, wenn sie im heimischen Betrieb sind, mittags zur Mutter zum Essen.

VITAE

Die beiden Schwestern werden 1961 (Elisabeth) und 1966 (Maximiliana) in Passau geboren.

Für ihr Studium geht Hintermann an die FH München und macht dort 1985 ihren Abschluss als Betriebswirtin. Danach arbeitet sie in einer Passauer Steuerkanzlei. Pangerl absolviert 1987 im väterlichen Betrieb eine Ausbildung zur Handelsfachwirtin und geht anschließend nach München, wo sie als Assistentin der Geschäftsführung eines Einrichtungshauses arbeitet.

In die väterliche Firma steigt Hintermann 1987 als Geschäftsführerin ein. Ihre Schwester folgt ihr zwei Jahre später. Beide bauen den Betrieb zu einem führenden Anbieter von hochwertige Bettwaren für die Top-Hotels der Welt aus .

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