Plauze passé Schönheit macht Karriere

Manager entdecken die Schönheit als Karrierebeschleuniger. Wer sie richtig einsetzt, verdient nicht nur mehr – er führt auch sein Unternehmen zu größeren Erfolgen.

Lin Freitag, wiwo.de | , aktualisiert

Schönheit macht Karriere

Foto: BigLike Images/Fotolia.com

Das Streben nach Erfolg kostet ihn viel Zeit, viel Geld; vor allem aber auch alle paar Jahre einige Schmerzen. Jeden Abend und jeden Morgen cremt Herbert Lehmann sich Anti-Falten-Präparate auf Gesicht und Augen. Alle zehn Tage geht er zu Maniküre und Pediküre. Alle vier bis sechs Wochen besucht er eine Kosmetikerin. Zusätzlich lässt er sich so oft, wie es sein straffer Terminplan als Geschäftsführer eines großen Arbeitgeberverbandes zulässt, im Spa verwöhnen.

Zehn geschenkte Jahre

Rund 300 Euro kostet ihn das pro Monat. All die Kosmetik aber reicht dem 58-Jährigen, der seinen richtigen Namen nicht in dieser Geschichte lesen möchte, nicht. Und deswegen vereinbart er alle paar Jahre einen Termin bei seinem plastischen Chirurgen Uwe Herrboldt. Der soll garantieren, was Lehmanns Hausmittel nicht schaffen: ewige Jugend. Die beiden kennen sich seit mehr als 15 Jahren. Damals ließ Lehmann sich Haare transplantieren.

Sechs Jahre später das erste Face-Lifting: Ein kleiner Schnitt jeweils rechts und links der Schläfe, die Haut wird angehoben, nach hinten gezogen, festgenäht: macht optisch zehn Jahre harte Arbeit gut. Im Januar diesen Jahres folgte das zweite Lifting, zusätzlich ließ Lehmann sich noch Bauchfett absaugen. Rund 30.000 Euro bezahlte er für seine Eingriffe.

Schöne Menschen verdienen mehr

"Eine gute Investition", findet er. "Ich stehe viel in der Öffentlichkeit, ein attraktives Äußeres gibt mir Selbstsicherheit." Und: Die Konkurrenz schläft nicht. "Die nächste Generation steht in den Startlöchern, da muss ich auch äußerlich mithalten", sagt Lehmann.

Deutschlands Manager entdecken die Schönheitschirurgie. Um sich ihren Wunsch nach Attraktivität und Jugend zu erfüllen. Um sich die Spuren der vielen Überstunden aus dem Gesicht schneiden zu lassen. Um sich gegen die Konkurrenz zu rüsten. "Je attraktiver ein Manager ist, desto erfolgreicher ist er", sagt der Soziologe Ulrich Rosar von der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. Studien zufolge verdienen schöne Menschen mehr und werden häufiger befördert.

Unternehmen, die von attraktiven Managern geführt werden, sind wertvoller als solche mit einem unansehnlichen Chef an der Spitze. Wechselt ein attraktiver Manager an die Spitze eines Unternehmens, steigt der Aktienkurs schon mit der Ankündigung.

Die Rendite stimmt also bei der Anlage in den eigenen Körper. Dementsprechend viel wert ist Deutschlands Unternehmensführern die gute Figur: 500 Millionen Euro setzte allein die Kosmetikindustrie im vergangenen Jahr mit Männerprodukten um. In Waxingstudios und Kosmetiksalons liegt der Anteil der männlichen Kunden bei rund 20 Prozent, bei den Schönheitschirurgen laut Deutscher Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie bei 15 Prozent (nach zehn Prozent vor fünf Jahren).

Die Macht der Bilder

Wie so vieles beginnt auch der Hang zum Schönen am Manager mit der Medialisierung unserer Gesellschaft. Weil Bilder immer wichtiger werden, steigt auch die Bedeutung des Aussehens. Unternehmenslenker wie der ehemalige EnBW-Chef Utz Claassen oder der Ex-RWE-Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann, die ihrer Macht auch körperlich viel Raum gaben, haben es schwer. Wer soll mit seinem Konzern die Weltspitze erobern, wenn er bei jedem Spendenlauf der örtlichen Kreissparkasse abgehängt wird?

"Der Körper ist auch für Manager zum Kapital geworden", sagt Soziologe Rosar. "Die Kleinen, Dicken und Hässlichen wird es immer weniger auf der Chefetage geben – zumindest müssen sie sich sehr viel mehr anstrengen als früher." Dass er einer vergangenen Generation von Unternehmenslenkern angehört, ist auch dem ehemaligen RWE-Chef Jürgen Großmann bewusst. In einem Interview sagte er kürzlich: "Der moderne Entscheider läuft Marathon, zählt täglich seine Schritte und misst kontinuierlich seinen Body-Mass-Index."

Askese liegt im Trend

Heute signalisiert die Plauze nicht mehr Willen zur Lebensfreude, sondern mangelnde Disziplin. Selbst Genussmensch Großmann sah sich in den ersten 1 000 Tagen seiner RWE-Regentschaft genötigt, auf Alkohol zu verzichten. Sein Nachfolger ist da noch ausdauernder.

Peter Terium ist zwar auch nicht gerade von zarter Statur, verzichtet aber auf Fleisch, meditiert und macht Yoga. Veranstaltungen verlässt er spätestens um 23 Uhr. "Worüber man sich nach dem achten Glas Bier austauscht, dient selten den Unternehmensinteressen", sagte Terium der Zeit. Auch Henkel-Chef Kasper Rorsted ist dafür bekannt, sich bei Anlässen in Sachen Alkohol zurückzuhalten und rechtzeitig zurückzuziehen. Dass er seine Freizeit zudem gerne im Laufdress verbringt? Nicht der Rede wert. Airbus-Kollege Tom Enders macht es schließlich genauso. Bertelsmann-Primus Thomas Rabe ebenfalls. Der enthält sich zudem schon seit Jahren des Alkohols. Selbst Kaffee steht auf seiner Sündenliste und wird konsequent durch Ingwertee ersetzt.

Und was die Chefchefs vorturnen, macht der hierarchische Mittelbau gerne nach: Seit einigen Jahren hat etwa der Frankfurt-Marathon eine eigene Bewertungskategorie nur für Manager.

Der asketische Lebenswandel fällt den Lauf- und Führungskräften umso leichter, als dass für Ingwertee, Lifting und Co. das Gleiche gilt wie für die lukrative Unternehmensbeteiligung: der Return on Investment stimmt.

Attraktives Gehalt

Oder, wie es Daniel Hamermesh, Wirtschaftsprofessor der Universität Texas, in einem Buch 2011 ausdrückte: "Beauty Pays". Hamermesh gilt als führender Wissenschaftler auf dem Gebiet der Ökonomie der Schönheit. Er beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Rolle der körperlichen Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt. Dazu hat er Daten von mehr als 2 700 Männern und Frauen ausgewertet, die Forschern der Universität Michigan nicht nur ihr Gehalt mitteilten, sondern deren Aussehen auch noch in die Kategorien wunderschön, gut aussehend, durchschnittlich, unansehnlich und hässlich unterteilt wurden.

Ergebnis der Studie: Attraktive Angestellte verdienen im Schnitt jährlich bis zu fünf Prozent mehr als ihre unansehnlichen Kollegen. Im Laufe eines Berufsleben kommt da einiges zusammen: So verdienen schöne Menschen 230 000 Dollar mehr – zumindest in den USA. "Zum einen wird den Attraktiven von vornherein mehr geboten, zum anderen verhandeln sie aber auch besser", sagt Soziologe Rosar.

Geheimes Nachhelfen

Kein Wunder, dass der Markt da munter wächst. In Kürze eröffnet etwa die Düsseldorfer Kö-Klinik einen eigenen Ableger namens "Men’s Aesthetic". Eingerichtet im Stil eines altenglischen Herrenklubs und mit diskretem Eingang, sollen den interessierten Herren letzte Ängste genommen werden. Denn obwohl sich immer mehr Manager unters Messer legen – darüber sprechen will so gut wie niemand. Prominente wie BVB-Trainer Jürgen Klopp, FDP-Politiker Christian Lindner und zuletzt Diskuswerfer und Sportler des Jahres Robert Harting, der sich in Anwesenheit eines Kamerateams Haare transplantieren ließ, sind immer noch die Ausnahme.

Vielleicht, weil dem Optik-Doping der Ruf des irgendwie unredlich erlangten Vorteils anhaftet. Oder, wie es die britische Soziologin Catherine Hakim ausdrückt: es gibt einen Schönheitsbonus. Das Geheimnis attraktiver Menschen liegt schon im Kindesalter verborgen: Hübsche Babys werden öfter angelächelt, stärker umsorgt und entwickeln deshalb mehr Selbstbewusstsein. 

Sexuelle Benachteiligung 

"Das zieht sich durch die gesamte Biografie", bestätigt Rosar. "In der Schule schätzen Lehrer schöne Kinder als schlauer ein, was wiederum zu besseren Noten führt", sagt er. Später finden attraktive Menschen schneller einen Job. Kurz: Wer schön ist, steigt schneller auf.

Einziges Hindernis dabei, dem nachzuhelfen: das Geschlecht, was sich bekanntlich nur mit beherzteren Maßnahmen ändern lässt. Für Frauen gilt, wie Wissenschaftlerin Hakim in ihrem Buch "Erotisches Kapital. Das Geheimnis erfolgreicher Menschen" schildert: Je schöner eine Bewerberin war, als desto weniger geeignet wurde sie für eine Stelle im Management angesehen. Für Hakim eine "neue Form der sexuellen Diskriminierung". Und bei Weitem nicht die einzige Ungerechtigkeit in Bezug auf Schönheit.

Denn während schönen Frauen offenbar eher zu wenig zugetraut wird, ist es bei den Herren genau andersherum. Wie der Fall des ehemaligen Arcandor-Chefs Thomas Middelhoff zeigt. Groß gewachsen, stets tadellos gekleidet, braun gebrannt und mit einem strahlend weißen Lächeln konnte der Manager mit Spitznamen "Big T" sowohl Anteilseigner wie auch Öffentlichkeit jahrelang blenden.

Glamour in der Finanzbranche

Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang vom "Glamour-Effekt". "Attraktiven Menschen werden Fehler schneller verziehen", sagt Rosar. "Außerdem ist man bei einem Fehlverhalten eher geneigt, die Schuld nicht beim Menschen selbst zu suchen, sondern sie den äußeren Umständen zuzuschreiben."

So verwundert es wenig, dass gerade in Frankfurt der Schönheitswahn besonders grassiert. Norbert Kania leitet die Novolinea-Klinik im Frankfurter Bahnhofsviertel. Seit 20 Jahren schneidet und spritzt er seine Patienten glatter, jünger oder markanter. Jeder vierte von ihnen ist männlich. "60 Prozent meiner männlichen Patienten kommen aus der Finanzbranche", sagt Kania. "Banker bewegen sich in einem höchst kompetitiven Umfeld – viele von ihnen glauben, dass ein attraktives Äußeres das Zünglein an der Karriere-Waage ist."

Botox-Karriere-Spritze

Sein durchschnittlicher männlicher Kunde ist zwischen Anfang 40 und Anfang 60 und arbeitet meist auf der Ebene unterhalb des Vorstands. Peter Kuntz, der eigentlich anders heißt, ist einer von ihnen. Seit fünf Jahren lässt er sich alle sechs Monate von Kania das Nervengift Botox spritzen.

Vor allem in die Stirn, manchmal auch ein bisschen was in die Augenfalten. Der Bankfachwirt berät Dax-Unternehmen bei ihrer Anlagestrategie. "Alle erfolgreichen Manager, mit denen ich zusammenarbeite, sind schlank, dynamisch und attraktiv", sagt Kuntz. Da will er mithalten. "Das Botox bringt mir berufliche Vorteile – schließlich arbeitet jeder Mensch lieber mit den Attraktiven als mit den Ungepflegten zusammen", sagt Kuntz.

Attraktivität – ob in die Wiege gelegt oder mit dem Skalpell geschnitzt – zahlt sich nicht nur für den einzelnen Manager aus. Auch die Arbeitgeber ziehen Kapital aus der Schönheit ihrer Führungskräfte.

Schöne Führung

Als Paul Jacobs im Juli 2005 zum Chef des US-amerikanischen Technologiekonzerns Qualcomm ernannt wurde, dümpelte der Aktienkurs bei mageren 30 Dollar. Das sollte sich mit Jacobs Amtsantritt ändern: Er konnte den Wert der Aktie mehr als verdoppeln. Anfang 2014, als Jacobs als CEO abtrat, lag die Aktie bei rund 75 Dollar.

Liegt das an den großartigen Führungsqualitäten des Managers? Nicht ausschließlich, sagen zwei Wissenschaftler der University of Wisconsin-Milwaukee. In einem Arbeitspapier haben sich die beiden mit den Auswirkungen attraktiver CEOs auf den Aktienkurs ihrer Unternehmen beschäftigt.

Perfekter Paul

Für die Analyse griffen die Autoren auf den "Facial Attractiveness Index" der Seite Anaface.com zurück. Die Software errechnet auf Grundlage der Symmetrien im Gesicht einen Schönheitswert. Die Skala reicht von einem bis zehn Punkten, wobei zehn als besonders schön gilt. Die Wissenschaftler luden 677 Fotos von CEOs hoch, durchschnittlich erreichten sie einen passablen Wert von 7,29. Selbst Hollywoodstars wie Angelina Jolie oder Brad Pitt kommen bei dem Test nur auf Werte zwischen acht und neun.

Paul Jacobs erreichte 8,19 Punkte und gehörte zu den attraktivsten CEOs. Die Autoren der Studie stellten fest, dass der Aktienkurs eines Unternehmen stieg, sobald ein gut aussehender Manager im Fernsehen auftrat. Außerdem erzielten sie in Verhandlungen bessere Ergebnisse als ihre unansehnlicheren Mitstreiter. Für die Wissenschaftler logisch, gingen sie doch von der Hypothese aus, dass attraktivere CEOs Verhandlungspartner besser in ihren Bann ziehen und so für ihr Unternehmen den besseren Deal herausschlagen können.

Renditesteigerung

Um diese These zu belegen, untersuchten die Forscher knapp 600 Übernahmen, an denen die Vorstandsvorsitzenden selbst beteiligt waren. Das Ergebnis: Ein zehn Prozent höherer Schönheitsindex des Verhandlungsführers ließ die Rendite innerhalb der folgenden zwei Monate um fast 1,7 Prozent höher ausfallen.

Ob das Botox in Peter Kuntz’ Stirn oder Herbert Lehmanns straffes Gesicht die beiden zu besseren Verhandlungspartnern machten, ist wohl nicht zu nachzuweisen.

Fest steht, dass sowohl Kuntz als auch Lehmann weitere Besuche bei ihren Ärzten planen. Kuntz möchte sich die Lider straffen lassen, Lehmann hingegen denkt über Unterspritzungen mit Botox oder Hyaluronsäure nach – schließlich sind beide noch nicht am Ende ihrer Karriere angekommen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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