Das Erfolgsportal von
Handelsblatt & WirtschaftsWoche
Alles, was erfolgreich macht.

Planlose Gesellschaft: Wenn Last Minute zum Alltagsprinzip wird

Planlose Gesellschaft Wenn Last Minute zum Alltagsprinzip wird

Smartphones ermöglichen ein Leben nach dem Last-Minute-Prinzip. Doch der Verzicht aufs Planen stresst den Einzelnen – und die ganze Gesellschaft.

Kommentar von Ferdinand Knauß, wiwo.de | , aktualisiert

Wenn Last Minute zum Alltagsprinzip wird

Foto: alphaspirit/Fotolia.com

Wer im vergangenen Jahrhundert aufwuchs, kann sich vielleicht noch an dieses Gefühl erinnern: Man war verabredet und merkte, dass man es nicht rechtzeitig zum vereinbarten Treffpunkt schaffte. Man steckte im verspäteten Zug oder im Stau – und wusste, da sitzt oder steht jemand und weiß nicht, wo ich stecke, wird allmählich sauer, glaubt, versetzt worden zu sein.

Doch die Gefahr besteht nicht mehr. Denn das verpasste Rendezvous ist ausgestorben. Aus der Welt geschafft durch die Erfindung und flächendeckende Ausbreitung des Mobiltelefons. "Ich komme 5 (10, 20, 30) Minuten später" ist schon als Standard-SMS in jedem Mobiltelefon gespeichert. Wir können jeden Menschen stets auf dem Laufenden halten, wo wir sind – vorausgesetzt, beide haben ein Smartphone.

Vom Aussterben bedroht ist aber auch das im Voraus verabredete Treffen selbst. Man muss sich nicht mal mehr im Vorhinein auf einen festen Ort einigen. "Dann telefonieren wir nochmal", sagt man bis kurz vor dem Treffen.

Keine Verbindlichkeit

Die allgegenwärtige Mobilkommunikation verführt zum Leben auf die letzte Minute. Sie lässt das verbindliche Planen des Alltags als unnötige Beschränkung der Möglichkeiten erscheinen. Warum noch einen festen Einkaufsnachmittag planen, wenn man jederzeit bei Zalando shoppen kann? Wieso sich Gedanken über das nächste Abendessen machen, wenn man mit der richtigen App für jeden Geschmack das passende Schnellrezept findet?

Total verändert hat die völlig losgelöste Kommunikationsmöglichkeit im Verbund mit billigen Fortbewegungsmitteln unser Reisen. Eine Zugfahrt von Unna nach Saarbrücken zu den Enkelkindern wollte noch in den 1980er Jahren Wochen im Voraus geplant werden. Man ging an den Schalter, ließ sich beraten, wo man am besten umsteigt. Das Gepäck gab man bereits Tage zuvor auf.

Spontan verreisen

Heute sucht man dank Bahn-App im Taxi die nächste Verbindung. Und wer schmiert noch Butterbrote für die lange Reise?

Familien diskutierten spätestens in den Weihnachtsferien, ob man wieder auf Norderney oder doch mal in Rimini buchen solle. Heute sind Fuerteventura, Hurghada und die Malediven dank diverser Lastminute-Portale nur einen Smartphone-Wisch voneinander entfernt – und noch am Tag des Abflugs kann man sich entscheiden, lieber doch im Indischen Ozean als im Mittelmeer zu plantschen.

In Großbritannien, so ergab eine Umfrage, die wohl in Deutschland nicht viel anders ausfiele, buchten 44 Prozent der Befragten ihre letzte Urlaubsreise spontan. Und stolz verkündet lastminute-CEO Matthew Crummack, dass es immer mehr mobile Hotelbuchungen nach 18 Uhr für denselben Abend gäbe.

Ist das nicht toll? Diese Freiheit, stets alles noch schnell umwerfen zu können, ein Leben ganz spontan im Moment, befreit von jedem Plan!

Pläne schaffen Sicherheit

Vielleicht. Aber dauernde Planlosigkeit ist auch extrem anstrengend und nervenzehrend.

Denn ein Plan ist nicht nur eine Fessel, sondern auch eine Stütze: Er verschafft einen Erwartungshorizont. Während sich heute viele Menschen kaum noch regelmäßig zu einem gemeinsamen Essen versammeln, gab es in den vormobilen Generationen Hausfrauen, die am Montag planten, was sie am nächsten Sonntag kochen würden.

Hinter solcher Planmäßigkeit steht das Bedürfnis, wenn schon nicht nach absoluter Sicherheit, so doch immerhin nach der einigermaßen großen Wahrscheinlichkeit, dass das Leben in der nahen Zukunft halbwegs in geordneten Bahnen verlaufen wird. Und dass eben gerade nicht unablässig zwischen verschiedenen Optionen entschieden werden muss.

Planlosigkeit überfordert

Ohne Erwartungshorizont wird das Leben auf Dauer unruhig und anstrengend. An Kindern sieht man das besonders deutlich: Kinder, die ohne ritualisierte Abläufe dauernd entscheiden dürfen, was sie als nächstes tun wollen, werden schnell unruhig, unzufrieden, unausstehlich.

Erwachsene haben sich – meistens – besser im Griff. Sie quengeln nicht sofort los. Aber die psychischen Wirkungen dauernder Spontaneität dürften bei ihnen ähnlich sein.

Kollektive Unzuverlässigkeit

Und schließlich: Als Massenphänomen betrifft das Last-Minute-Leben nicht nur jeden einzelnen mobilen Planlosen. Wenn Planlosigkeit und dauernder spontaner Entscheidungszwang zum Lebensmodell wird, hat das gesellschaftliche Folgen. Ein kollektiver Erwartungshorizont, also ein möglichst verlässlicher, gemeinsamer Plan für die nächste Zukunft, an den sich alle halten müssen, ist Bedingung dafür, dass so etwas wie eine Gesellschaft überhaupt existiert.

Regelmäßigkeiten, die dauernde spontane Entscheidungen überflüssig machen, waren für den Soziologen Pierre Bourdieu eine Hauptvoraussetzung jeder Gesellschaft.

Bedrohliches Chaos

Eine Menge von Menschen, die dauernd kurzfristige Entscheidungen treffen, die dauernd improvisieren (müssen oder wollen) und sich nicht mehr darauf verlassen können, dass morgen gilt, was gestern galt, ist keine Gesellschaft mehr – sondern nur noch eine unberechenbare, unzuverlässige Menschenmasse.

Soziologen nennen diesen Prozess der Störung oder Auflösung gesellschaftlicher Ordnung „Anomie“. Émile Durckheim behauptete vor 120 Jahren, dass solch eine Anomie die Menschen seelisch krank mache, Angst hervorrufe – und sogar zum Selbstmord führen könne.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die neuesten Karriere-Themen informieren? Sie erhalten 1 bis 2 Meldungen pro Woche.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.karriere.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Ab sofort bleiben Sie bei den aktuellsten Karriere-Themen auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 2 Meldungen pro Woche.
Lade Seite...