Plädoyer für die Arbeit Wer braucht schon Freizeit?

Der Freizeitstress schlägt Wellen. Eine neue US-Studie zeigt: Daheim stehen wir stärker unter Druck als im Büro. Probleme zuhause liegen uns schwerer im Magen und in der Freizeit gibt es viel mehr, das wir unter einen Hut bringen müssen.

Marcel Berndt, wiwo.de | , aktualisiert

Wer braucht schon Freizeit?

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Foto: EpicStockMedia/Fotolia.com

Der Partner, die Familie, die Freunde, die Hobbys, die neue Ausstellung, der neue Kinofilm – alles ruft in der Freizeit nach Aufmerksamkeit.

Wer das alles jonglieren will, bekommt Stress, sagt Psychologe Joachim Kugler von der Technischen Uni Dresden: "Wir leben in einer Gesellschaft, die immer mehr Freizeitmöglichkeiten bietet. Nach der Arbeit geht es nicht mehr um Entspannung, sondern darum, nichts zu verpassen."

Das kann zu mehr Stress führen als auf der Arbeit.

Eine demnächst im Fachjournal „Science & Medicine“ erscheinende Studie zeigt, dass Menschen daheim tatsächlich gestresster sind als auf der Arbeit. Die Forscher der Pennsylvania State University untersuchten die Speichelproben von 122 Berufstätigen an Wochen- und Wochenendtagen auf Cortisol.

Das Hormon, das auf Stress hinweist, kam deutlich weniger vor, wenn Menschen am Arbeitsplatz waren.

Joachim Kugler warnt vor voreiligen Schlüssen: "Generell kann man nicht sagen, dass es im Büro entspannter zugeht. Denken Sie an Schlagworte, wie Mobbing und Burnout."

Wenn es zu Konflikten kommt, dann sind diese für Menschen jedoch im Privatleben belastender als im Berufsleben. "Zwischenmenschliche Konflikte berühren uns zuhause natürlich mehr, als wenn wir mit jemanden auf der Arbeit im Hader liegen", sagt Kugler. "Die persönliche Bindung an eine Person ist wichtig."

Daher sei es sinnvoll Privates von Beruflichem zu trennen: "Warum halten Beziehungen am Arbeitsplatz so schlecht? Warum gelten Gemeinschaftspraxen von Ehepartnern als der Vorhof zur Hölle? Weil es keine Rückzugsräume gibt, wenn es auf der Arbeit oder zuhause funkt", sagt Kugler.

Dann ist das Problem in allen Lebensbereichen präsent und wiegt umso schwerer.

Auch für den Freizeitstress ist ein Home Office giftig: Dann gibt es umso mehr, was Menschen daheim unter einem Hut bringen müssen – die ständige Erreichbarkeit per Smartphone tut ihr übriges.

Distanz zum Arbeitsplatz bringe Struktur ins Leben, sagt Kugler: "Auf der Arbeit sind alle Abläufe und Aufgaben geregelt. In der Freizeit sieht das anders aus." Und das führt zu Stress.

Gerade Frauen fühlen sich glücklicher am Arbeitsplatz als Zuhause, stellt die US-Studie fest.

Dies liege daran, dass Frauen zwischenmenschliche Konflikte daheim noch emotionaler wahrnehmen als Männer, sagt Kugler: "Frauen leiden noch stärker, wenn es zwischen ihnen und einer Vertrauensperson funkt."
 
Außerdem müssen Frauen im Privatleben schlichtweg noch mehr unter einen Hut bringen als Männer.

Während das klassische Männerklischee ist, erwachsen zu werden und zu arbeiten, haben Frauen viel mehr Rollenbilder zu erfüllen: "Man will Mutter sein, man will Ehefrau und Geliebte sein, man will Karriere machen. Die richtige Kombination zu finden, ist für jeden schwierig."
 
All das macht Druck – gerade im Privatleben, wenn diese Rollenbilder aufeinander treffen.

Immerhin sind die Geschlechter darin vereint, dass männliche wie weibliche Probanden am Wochenende weniger gestresst waren.

Doch auch hier gibt sich Joachim Kugler skeptisch: "Ich wäre vorsichtig zu sagen, am Wochenende ist die Welt heil. Sie ist vielleicht heiler als sonst – im Mittel." Und das ist der wichtige Punkt: Jeder Mensch und jede Situation ist unterschiedlich.

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