Physik Feine Technik für leisere Züge

Marc Wiemers ist Schwingungen und störendem Schall bei Schienenfahrzeugen auf der Spur. Dabei entdeckt er auch die verstecktesten Lärmquellen. 2006 machte sich der Geräuschexperte mit seiner Akustikberatung selbstständig - und das ohne Fremdkapital.

Chris Löwer | , aktualisiert

Egal, ob ein unerklärliches Brummen die Gäste des Schlafwagens um die Nachtruhe zu bringen droht oder ein Ingenieur nervös wird, weil dessen neu entwickelte Diesellokomotive nicht die Lärmschutzrichtlinien erfüllt - wenn es bei Schienenfahrzeugen scheppert, schwingt oder surrt, findet Marc Wiemers die Antwort auf das Warum. Dann kriecht er mit seinen hochfeinen Mikrofonen schon mal unter Triebwagen, Loks und Waggons und forscht in den letzten Winkeln nach verdächtigen Schwingungen. Der Geräuschdetektiv ist dabei verräterischen Frequenzen auf der Spur. Oft kann er aus Erfahrung direkt sagen, von welchem Teil sie ausgehen. Beispielsweise von einer Schraube, die etwas länger als die übliche ist. Oder von einem Schalldämpfer, der - falsch eingebaut - das genaue Gegenteil seiner eigentlichen Aufgabe bewirken kann.

Eine neue EU-Norm reguliert die Lautstärke der Züge

Vor drei Jahren hat der Wahlberliner seine Firma "Akustikberatung Wiemers" gegründet und ist seitdem gut im Geschäft - nicht zuletzt, weil eine neue EU-Vorschrift seitdem recht genau festschreibt, wie laut Schienenfahrzeuge sein dürfen. Vor allem für kleinere Hersteller gibt es oft ein böses Erwachen. Diese zählen vor allem zu Wiemers' Kunden. Darunter sind Firmen wie Stadler Rail, Robel Bahnbaumaschinen und so mancher Zulieferer. Große Anbieter wie Alstom, Bombardier oder Siemens haben eigene Akustik-Abteilungen, doch auch sie klopfen manchmal bei Wiemers an - wenn sie Verstärkung brauchen.

Der 45-Jährige ist ein Exot, der seine Nische gefunden hat. Seine Auswertungssoftware hat er selbst programmiert: "Für Schienenfahrzeuge gibt es da nichts auf dem Markt", sagt er. Das Augenmerk richte sich auf die Autoindustrie - dorthin sind auch alle seine Studienkollegen von der Technischen Universität Berlin verschwunden, mit denen Wiemers "Technischen Umweltschutz" mit dem Schwerpunkt "Technische Akustik" studiert hat.

Ein leidenschaftlicher Eisenbahner, der schon von Kindesbeinen an Lokführer werden wollte, ist der graumelierte gebürtige Gießener allerdings nicht. Was ihn interessiert ist, ein Schienenfahrzeug akustisch komplett zu zerlegen, wie er sagt. "Physik und Messtechnik fand ich schon immer spannend." Daher hat er als Student neben seinem Job als Softwaretester Karten für den PC entwickelt, die Messdaten erfassen.

Technisches Verständnis ist wichtiger als das Gehör

Hat der Akustiker besonders feine Ohren? "Von einem absoluten Gehör wie Musiker bin ich weit entfernt, meines ist leicht überdurchschnittlich", sagt Wiemers. Letztlich kommt es auf feine Technik, verlässliche Auswertung und eine gute Kombinationsgabe an. Jedoch: "Man sollte beim Messen sein Ohr nicht vergessen", reimt der Schallschnüffler, der früh seine Sinne mit dem Klavierspiel geschärft hat. Die Akustik sei komplexer als viele denken: "Nur mit dem Hochhalten eines Mikrofons ist es nicht getan", sagt Wiemers. Sein Credo: "Zuhören, was war. Messen, was ist. Sehen, was sein wird." Seine Erfahrung: "Die Akustik wird von Firmen oft unterschätzt. Wenn dann die Grenzwerte nicht eingehalten werden, ist die Panik groß." Zumal heute kein klassischer Prototyp mehr gebaut wird. Getestet wird meist das erste Serienfahrzeug, während weitere schon halb fertig in der Montagehalle stehen. "Dann gerät der Auslieferungstermin in Gefahr, weshalb schnell eine Lösung her muss", weiß Wiemers aus Erfahrung.

Allerdings sei es besser, ihn bereits während der Konstruktion zu Rate zu ziehen, damit Störgeräusche erst gar nicht entstehen. Wiemers kann nämlich Schall mit seiner selbst entwickelten Software simulieren. "Abgesehen davon sind Schwingungen nicht nur die Quelle für Schall, sondern können auch bei falscher Aufhängung von Maschinenteilen zum vorzeitigen Verschleiß führen", unterstreicht er. Wer hier vorbeugt, könne ordentlich Kosten sparen, auch wenn eine Messung mit 8 000 bis 15 000 Euro ihren Preis hat. Der lohne allein schon, weil das Eisenbahn-Bundesamt keine Zulassung erteilt, wenn Grenzwerte auch nur um ein Dezibel überschritten werden.

Das Projekt startete ohne Fremdkapital

Wiemers selber genießt seine Freiheiten. Sein früherer Job als Projektleiter bei Brunel-Railmotive bereitete ihm nur mäßig Freude - nicht zuletzt, weil ihn zu viele Reglements zu sehr einschränkten. Er wollte selbst entscheiden, entwickeln, die Messtechnik voran bringen. Nachdem er für Brunel auch noch akquirieren musste, war der Weg in die Selbstständigkeit nicht mehr weit. Was ihm dabei half, aber bei einem Businessplan-Wettbewerb miese Noten bescherte, ist seine Vorsicht. Sein sehr konservativer Finanzplan brachte ihm die Note "Mangelhaft" ein. Im wahren Geschäftsleben aber half ihm die Vorsicht, weil Wiemers ohne Fremdkapital gestartet ist und durchgehalten hat.

Er ist ein klassischer Selbermacher und überaus solide, was auch seine Tischlerlehre zeigt, die er nach dem Abitur absolviert hat. Ganz nach dem Motto: Handwerk hat goldenen Boden. Das hilft ihm heute beim Lesen und Verstehen von Konstruktionsplänen, aber auch bei seinen Kunden in einer Branche, in der authentische Bodenständigkeit mehr zählt als ein Doktortitel.

Die Kunden sind von Wiemers Dienstleistungdenken überzeugt

Was ihm noch hilft, ist striktes Dienstleistungsdenken, das er so auf den Punkt bringt: "Man muss einfach in der vereinbarten Zeit erledigen, was versprochen worden ist." Dass Wiemers mit diesem Verständnis gut fährt, kann Ralf Frauenlob, Leiter des Qualitätsmanagements bei Robel Bahnbaumaschinen, nur bestätigen: "Wir arbeiten seit Jahren mit Herrn Wiemers zusammen und sind von der raschen, unproblematischen und hohen Qualität der Leistung überzeugt." Auch bei kniffligen Aufgaben enttäusche der Akustiker nicht.

Um seine Zukunft macht sich Wiemers keine Sorgen. Der Schallschutz auf der Schiene gewinnt immer mehr an Bedeutung. So beabsichtigt die Deutsche Bahn, bis zum Jahr 2020 den Schienenlärm zu halbieren. Die nationale und europäische Gesetzgebung wird in dieser Zeit sicher noch strenger werden. Die Hersteller sind somit auf Akustikexperten wie Wiemers angewiesen.

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