Personalleasing Zeitarbeit - begehrte Absolventen

Hochschulabsolventen sind bei Zeitarbeitsfirmen hoch begehrt. Flexiblen Job-Hoppern dient das Personalleasing als Sprungbrett in die Festanstellung.

Claudia Obmann | , aktualisiert

Claudia Lenkners Karriere schien beendet, bevor sie überhaupt begonnen hatte: Auf jede ihrer Bewerbungen erhielt die Stuttgarter Industriekauffrau und BWL-Absolventin eine Absage. Um sich über Wasser zu halten, jobbte sie als Aushilfe zum Minilohn im Vertrieb der Automarke Smart. Als ein Freund ihr riet, sich bei einer Zeitarbeitsvermittlung zu bewerben, überlegte die 28-Jährige nicht lange: "Was habe ich schon zu verlieren", dachte sie sich und sprach bei der DIS AG vor, einem auf die Vermittlung von Fach- und Führungskräften spezialisierten Personaldienstleister.

Dort absolvierte sie zwei Bewerbungsgespräche, füllte Fragebögen aus, bestand Englisch- und Excel-Tests - und hörte drei Monate lang nichts mehr. Doch dann ging alles ruck, zuck. Lenkner erhielt einen Anruf des Personaldienstleisters mit Verleihservice und konnte ihr Glück kaum fassen: Ohne auch nur eine Sekunde als Leiharbeiterin gearbeitet zu haben, winkte ihr ein unbefristeter Arbeitsvertrag bei der Reich Spezialmaschinen GmbH in Nürtingen. Der Maschinenbauer suchte über die DIS AG dringend einen neuen Controller.

Zugegeben: dass der Sprung vom Leiharbeiter zum Führungsnachwuchs so ansatzlos gelingt wie bei Claudia Lenkner, ist selbst unter Akademikern die Ausnahme. Doch die Zahl derer, die nach dem Studium per Zeitarbeit den Einstieg in den Beruf finden und zum Beispiel als Selbstständiger Projekte für ihren Traumarbeitgeber erledigen oder sogar in eine Festanstellung beim Kunden rutschen, steigt: Zirka 30 Prozent der Leiharbeiter werden vom Auftraggeber fest übernommen. Bei Akademikern ist, je nach Fachrichtung, der Klebeeffekt noch höher.

IT-Spezialisten, Controller und Ingenieure haben aktuell die besten Karten. Aber auch Absolventen anderer Disziplinen kommen zum Einsatz. Mehr als tausend Stellen für Hochqualifizierte haben Zeitarbeitsvermittler wie Adecco, Randstad, und DIS derzeit zu besetzen. Vor allem Logistiker, Autokonzerne und das verarbeitende Gewerbe fragen verstärkt nach Zeitarbeitern.

Top-Zeitarbeitgeber für Akademiker: Unternehmen und Vermittlungsschwerpunkte

Adecco
www.adecco.de Ingenieure für Maschinenbau, Elektrotechnik, Schiffs- und Flugzeugbau sowie die Automobilbranche; Personal für Banken, Versicherungen, Krankenkassen und Finanzdienstleister; Interimsmanager 

DIS
www.dis-ag.com Fach- und Führungskräfte für Office Management, IT, Industrie, Finanzsektor sowie Ingenieure

Hays
www.hays.de Ingenieure für den Automobilbau, freiberufliche Projekt-mitarbeiter für IT-Einsätze, Finanz- und Rechnungswesen

Randstad
www.randstad.de Betriebswirtschaftler und Wirtschaftsinformatiker für die IT-Branche 

Robert Half International
www.roberthalf.de Controller

Brunel
www.brunel.de Ingenieure, IT- und Automatisierungsfachleute sowie Spezialisten für die Fahrzeug- und Schifffahrtsindustrie, Luft- und Raumfahrt, Maschinen- und Anlagenbau sowie Telekommunikation; Interims- und Projektmanager 

Zusatzqualifikation bringt´s
DIS-Managerin Sylvia Knecht macht sogar Geisteswissenschaftlern Mut: "Bewerber dürfen ruhig auch Historiker sein, sofern sie über praktische Zusatzqualifikationen verfügen: Wenn sie zum Beispiel toll schreiben können oder schon mal in einer Online-Redaktion gearbeitet haben, könnten sie für ein Unternehmen ein Web-Archiv aufbauen oder die Firmenchronik verfassen." Besonders zahlen sich breit einsetzbare Fähigkeiten wie Office-Know-how und Sprachtalent aus.

Mit knapp 400.000 Leiharbeitskräften - 15 Prozent mehr als im Vorjahr - meldet der Bundesverband Zeitarbeit Personal-Dienstleistungen (BZA) einen neuen Rekord. Und der Trend setzt sich fort, denn im Vergleich zu den europäischen Nachbarn steckt die deutsche Zeitarbeit noch in den Kinderschuhen. Gerade mal 1,5 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer arbeiten bei Personaldienstleistern, in Großbritannien sind es 4,7 Prozent. Auf der Insel finden nicht nur Arbeiter am Band Zeitarbeitseinsätze normal, sondern auch Lehrer.

Das verbreitete Vorurteil, Zeitarbeit sei der letzte Strohhalm für Langzeitarbeitslose, ist längst passee: Selbst hochkarätige Interimsmanager lassen sich mittlerweile verleihen. Hatten 2002 erst sechs Prozent der Wanderarbeiter einen Hochschulabschluss, ist heute bereits jeder zehnte Beschäftigte bei den über 4.500 deutschen Verleihern Akademiker.

Moderne Wanderjahre
Verantwortlich für den Quotenanstieg sind nicht zuletzt die Absolventen. Um nach dem Diplom nicht auf der Straße zu stehen, suchen sie vermehrt Zeitarbeitsfirmen auf und nehmen dort oft zunächst auch minderqualifizierte Jobs an. Vielleicht ergibt sich ja was, denken sich viele. Nicht immer geht das Kalkül auf. Auch Simone Derks, studierte Außenwirtschaftlerin, hoffte über die Verleihfirma Manpower auf eine tolle Stelle beim Computermulti HP in Böblingen zu rutschen. Doch auf dem vermittelten Heften- und Lochen-Job in der HP-Logistik fühlte sie sich schnell wie der Depp vom Dienst. Nach drei Monaten stieg sie aus.

Beim Konkurrenzunternehmen Adecco fand sich die 28-Jährige deutlich besser aufgehoben. "Der Disponent ging auf meine Jobwünsche ein und schaute sich breit gefächert für mich um." Mit Erfolg. Ihre nächste Stelle als Engineering Coordinator im Einkauf von HP war vielseitig und verantwortungsvoll, die Arbeit machte Simone Derks Spaß. Schon nach kurzer Zeit erhielt sie direkt von der Company eine befristete Stelle angeboten, doch diese Offerte schlug Derks aus. Ihre gewonnenen Innenansichten hatten ihren einstigen Traumarbeitgeber inzwischen doch etwas entzaubert.

Nutzlos waren die Erfahrungen der Job-Hopperin jedoch nicht: Der Automobilzulieferer Bosch nahm die Ex-Zeitarbeitnehmerin mit Kusshand. Ihre neue Festanstellung als Sachbearbeiterin in der Exportlogistik bringt ihr rund 60 Prozent mehr Gehalt als der Einsatz bei HP. Derks zieht ein pragmatisches Fazit: "Über Zeitarbeit einzusteigen entspricht vielleicht nicht den kühnsten Absolvententräumen, bringt aber rasch Berufserfahrung, die sich später auszahlt."

So viel Flexibilität schätzen Personaler. An wechselnde Aufgaben, Arbeitstechniken, Arbeitsplätze und die unterschiedlichsten Kollegen gewöhnt, eignet sich dieser neue Mitarbeitertyp vor allem für variable Projekteinsätze, die in Unternehmen einen immer größeren Raum einnehmen.

Seriöses Image
Seit Zeitarbeiter per Gesetz mit der Stammbelegschaft auf vergleichbaren Positionen gleichgestellt sind, hängt dem Business nicht mehr der Ruch modernen Sklavenhandels an. Dank der 2004 eingeführten Gesetzesnovelle und des Branchentarifvertrags sind die früher üblichen Lohnabschläge von bis zu 40 Prozent Geschichte. Heute gilt Personalleasing als seriöses und flexibles Arbeitsbeschaffungsinstrument. "Firmen leihen sich vor allem Mitarbeiter aus, um konjunkturelle Schwankungen auszugleichen", erklärt Thomas Läpple vom BZA in Bonn.

So können sie Auftragsspitzen mitnehmen und in einer Flaute ihre Personalkosten schnell und unkompliziert wieder senken. Leiharbeiter landen dennoch nicht wie andere Arbeitnehmer gleich auf der Straße; ihr Vertrag mit der Zeitarbeitsfirma läuft auch nach Ende einer Entleihphase weiter (siehe Kasten). Und: "Je qualifizierter die Zeitarbeiter, umso weniger sind sie von Kündigungen betroffen", meint der Verbandssprecher.

Schon jedes fünfte deutsche Unternehmen beauftragt laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Zeitarbeitsfirmen, vorneweg Konzerne wie IBM, Airbus Industrie oder BMW. Christian Kunkel ist solch eine Flexi-Kraft beim bayerischen Fahrzeughersteller. Als selbstständiger Unternehmer kooperiert der 30-jährige Maschinenbauer mit dem Zeitarbeitsvermittler Hays, der ihm befristete Projektaufträge verschafft.

Zur Zeitarbeit kam der Diplom-Ingenieur aus der Rhein-Neckar-Region durch Mundpropaganda. Donnerstags war sein Vorstellungsgespräch, am folgenden Montag trat er die neue Stelle in München an. Bei BMW testet der Versuchsingenieur derzeit die Elektrik neuer Pkw-Modelle. Kunkel hat seinen Traumjob gefunden. Für ihn nimmt er 50-Stunden-Wochen fast ohne Urlaub gern in Kauf.

Immerhin profitiert der Ingenieur von flexibler Arbeitszeit. "Ich kann auch am Wochenende oder abends arbeiten", sagt er. "So kann ich weiter politisch aktiv sein und auch mein Schöffenamt behalten." Leider sind die Tage bei BMW gezählt. "Noch bis zum Jahresende weiß ich, wo mein Job ist", sagt Kunkel. Um seine Zukunft ist dem Ingenieur trotzdem nicht bange: "Die kollegialen Netzwerke, die hier entstehen, werden neue Chancen bringen."

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