Persönlichkeit Raus aus der Komfortzone, rein ins Karriere-Abenteuer

Die Komfortzone hat nicht den allerbesten Ruf: Besonders träge Menschen werden aufgefordert, sie zu verlassen. Das Risiko, bei diesem Schritt zu verlieren, ist eher gering. Im Gegenteil: Die Herausforderung stärkt die Persönlichkeit.

Nora Schareika, wiwo.de | , aktualisiert

Raus aus der Komfortzone, rein ins Karriere-Abenteuer

Raus aus der Komfortzone

Foto: Andriy Bezuglov/Fotolia.com

Wo beginnen das Leben, das Lernen, der Erfolg? Innerhalb oder jenseits der Komfortzone?

Wer in seinem Wohlfühlzustand verharrt, sich nicht fordert und Neues wagt, wird niemals etwas erreichen, argumentieren die einen. "Ständige Überforderung, sich also permanent außerhalb der eigenen Komfortzone zu bewegen, führt zu Erstarrung oder Panik. In einem solchen geistig-seelischen Zustand lernen wir gar nichts", warnt dagegen der Psychologe Nico Rose in einem Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche.

Er stempelt den Leitsatz "Das Leben beginnt jenseits deiner Komfortzone" dann auch gleich als "Motivations-Bullshit" ab. Klingt nach unvereinbarem Widerspruch, ist es aber nicht.

Psychologisches Drei-Zonen-Modell

Der Begriff Komfortzone ist ursprünglich der erste Teil eines psychologischen Drei-Zonen-Modells. Er beschreibt die Umstände, unter denen Menschen sich wohlfühlen. Die zweite Zone wird Wachstums-, Lern- oder Risikozone genannt. Gemeint sind jeweils die Umstände, die Menschen herausfordern und das Gehirn anregen, und ungewohnte Situationen, die die Routine brechen. Die dritte Zone ist die Panikzone – sie markiert den Kontrollverlust und kann zu Lähmung oder Überreaktion führen.

Die Panik hat evolutionär betrachtet zwar ihren Sinn, im modernen Alltags- und Berufsleben ist sie aus vielen Gründen zu vermeiden: Weder geht es Menschen in diesem Zustand gut, noch lernen sie – außer der Grenzerfahrung – etwas dazu, was sie weiterbringt.

Zweifelhafter Ruf

Die Komfortzone hat durch inflationäre Verwendung des Begriffs einen zweifelhaften Ruf. Schnell entsteht im Kopf das Bild von faulen Menschen, die antriebslos auf dem Sofa herumhängen und weit unter ihrem Potenzial bleiben. Tatsächlich ist es typabhängig, ob Menschen lieber beim Altbekannten bleiben und Herausforderungen meiden – oder ob sie nach Veränderung und Kicks streben.

Die Komfortzone ist dennoch nicht nur ein Zustand für Träumer, Bremser und Unvollendete. "Wir brauchen Komfort als Überlebensgrundlage", betont der Psychologe Rose. Dem wird wohl auch der kühnste Abenteurer zustimmen. Fakt ist aber auch: Nur in der Komfortzone zu verharren dürfte die meisten Menschen auf Dauer unzufrieden machen.

Anregung von außen, Herausforderungen, moderate Angst und Zwänge, aber auch selbstgesteckte Ziele und Eigeninitiative führen zu einem Austritt aus der Komfortzone hinein in die Lernzone. Risikozone wird sie auch deshalb genannt, weil das Gehirn Unbekanntes als Gefahr wahrnimmt und permanent auf Risiken scannt. Diese Wachsamkeit ist zwar anstrengend, verhilft letztlich aber zu einem Wachstum an Erfahrung und der Persönlichkeit. Das Neugelernte kann dann Teil der Komfortzone werden. Wer sie öfter verlässt, Risiken eingeht und Neues ausprobiert, verkleinert also in der Theorie die Risikozone und vergrößert die eigene Komfortzone.

Zwischen Sicherheit und Abenteuerlust 

"Sicherheitsbedürfnis und Abenteuerbedürfnis sind bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt und entscheiden darüber, ob jemand wagt, vertraute Pfade zu verlassen, um zu neuen Ufern aufzubrechen", erklärt Kerstin Gernig, die sich als Karrierecoach auf Arbeitnehmer in der Lebensmitte spezialisiert hat. In der Altersgruppe ab Mitte 40 machten sich überdurchschnittlich viele Arbeitnehmer Gedanken, wohin sie ihre Laufbahn lenken wollen, viele stellen dann eine diffuse Unzufriedenheit bei sich fest.

Kerstin Gernig trifft bei ihrer Arbeit als Coach auf Menschen, die trotz ihres Sicherheitsbedürfnisses bereit sind, ihre Komfortzone zu verlassen, um sich weiterzuentwickeln: Sie orientieren sich neu und brechen in der Lebensmitte noch einmal auf, um sich selbständig zu machen.

Laut Gernig sehnen sich viele Festangestellten nach größeren Entfaltungsspielräumen, doch nur wenige kommen ins Tun, um etwas zu verändern. "Es gibt zwei zentrale Impulse für Veränderungen: Leidensdruck oder Leidenschaft. Wenn der Leidensdruck nicht groß genug ist, wird einfach nur gejammert und lamentiert, aber nichts unternommen." Gernig muss denen, die zu ihr kommen, erst wieder beibringen, dass ein Ausflug in die Risikozone – bei kalkuliertem Risiko – unter diesen Umständen nur ein Gewinn sein kann.

Preis der Veränderung

Mathias Kesting, Berater für Führungskräfte der Organisations- und Personalberatung Korn Ferry, hält den Satz, das Leben beginne jenseits der Komfortzone, wie Rose für problematisch und falsch. "Bereiche, in denen Menschen erprobtes Verhalten anwenden können, sind absolut notwendig", sagt Kesting. "Wir wollen ja nicht jeden Tag das Autofahren von Neuem lernen."

Er betont aber, wie auch Kerstin Gernig, das notwendige Zusammenspiel von Sicherheit und Herausforderung, damit Menschen lernen und sich weiterentwickeln können.

Veränderungen haben einen Preis, über den man sich im Klaren sein sollte, gibt Berater Kesting zu bedenken. So muss jeder, der bewusst aus seiner Komfortzone heraustritt, wissen, was er bereit ist zu investieren.

Kalkuliertes Risiko

Ein Karrieresprung ist nicht unbedingt mit planbaren Acht-Stunden-Tagen vereinbar. Ein neuer Job kann einen Umzug nötig machen, eine Reduzierung von Arbeitsstunden schlägt sich in einem niedrigeren Gehalt nieder. "Viele wollen hoch hinaus", resümiert Kesting, "sind aber nicht immer bereit, das Nötige dafür zu tun."

Aufwand und Risiken lassen sich dabei in vielen Fällen kalkulieren. Ist erst einmal klar, wohin die Reise gehen soll, erscheinen mit einem Mal auch die Gefahren beherrschbarer, so die Erfahrung von Kerstin Gernig in ihrer Beratungstätigkeit. "Große Veränderungen fühlen sich häufig an wie ein Ort auf der anderen Seite eines Abgrunds. Die Risiken erscheinen extrem groß im Verhältnis zu den Chancen. Doch je konkreter die Umsetzungsstrategie wird, desto stabiler wird auch die Brücke zur anderen Seite. Durch konkretes Durchspielen dessen, was auf dem Weg passieren kann, kann man ein zusätzliches Sicherheitsnetz aufspannen", sagt Gernig. "Der Mut wächst mit jeder bestandenen Herausforderung."

Gefällt das Bild vom eigenen Leben?

Berater und feinfühlige Führungskräfte sind gefragt, wenn Arbeitnehmer unzufrieden sind, aber resigniert haben. "Dann muss man fragen: Was sind eigentlich die tieferliegenden Ziele dieser Person?", erklärt Kesting. "Das ist vielen nicht klar. Unzufriedenheit entsteht sehr häufig aus persönlicher Unklarheit heraus."

Manche Jobs brächten eine höhere Komfortlastigkeit mit sich als andere. "Wenn man so will, sind Beamte mit einer vorhersehbaren und wenig flexiblen Zukunft konfrontiert, weil sie eine so hohe Sicherheit genießen. Wer dann über Langeweile klagt, ist nicht mehr in der Lage, sich ein anderes Bild von seinem Leben zu malen."

Die Digitalisierung und Change-Prozesse in vielen Unternehmen führen dazu, dass zahlreiche Arbeitnehmer ungewollt aus ihrer Komfortzone geholt werden. Kerstin Gernig spricht von einer permanenten Risikozone, die ein Teil der Beschäftigten wahrnehme, weil die Technologie so viel Bekanntes unvermeidbar verändert und das Druck erzeugt. Das kann in der richtigen Dosis zu guten Ergebnissen führen, aber auch in die unproduktive Panik münden.Die Zeiten, in denen man innerhalb der eigenen Komfortzone Karriere machen konnte, indem man mit den Jahren automatisch eine Karriereleiter hinaufstieg, sind hingegen für die allermeisten Beschäftigten vorbei.

Angst vor dem Unbekannten

Hier ist das Fingerspitzengefühl der Führungskräfte gefragt – übrigens auch bei den Lamentierern, die mangelnde Perspektiven beklagen, aber nicht tätig werden. "Sie können auf den Widerspruch hinweisen und diese Mitarbeiter fragen: Was wollen Sie erreichen?", erklärt Kesting.

Von außen könnten sie durchaus Anregung und neue Aufgaben stellen. "Die Selbstwahrnehmung von Mitarbeitern bei massiven, fast pathologischen Abweichungen zu korrigieren, gehört allerdings nicht zu den Aufgaben einer Führungskraft", meint Kesting.

Gegen Ängste vor dem Unbekannten ist mentales Training ein probates Mittel: Bei Spitzensportlern gehört es schon lange zum Standard. "Es hilft, kognitiv Ängste zu überwinden und zu lernen, Dinge neu zu betrachten", sagt Kesting. Extrem ausgeprägten Ängste könne dagegen nur therapeutisch begegnet werden.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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