Persönliche Gedanken im Netz "Krieg um Ideen und Daten"

Als "virtueller Zettelkasten" im Internet gestartet, will der in Amerika sehr populäre Online-Dienst Evernote eine Art zweites Gedächtnis seiner User erschaffen. Die Methode, Bilder, Ideen und Gedanken zu sammeln, wird nicht nur von Google und Apple kopiert. Ein Interview mit Evernote-Gründer Phil Libin.

Thomas Stölzel, wiwo.de | , aktualisiert


Foto: rubysoho/Fotolia

Star der US-Gründerszene

Phil Libin gehört zu den Stars der amerikanischen Internet-Gründerszene. Er hat nicht nur zwei Unternehmen aufgebaut und erfolgreich verkauft. Er hat mit Evernote nun einen der populärsten Internet-Dienste überhaupt geschaffen.

Evernote ist ein virtuelles Notizbuch, in dem Nutzer Gedanken, Artikel und andere Dokumente aufbewahren können. Sie müssen die Texte nicht mehr ausdrucken, sondern können sie direkt im Netz speichern und die Informationsschnipsel dort nach Stichworten sortieren.

Ist mal kein Internet verfügbar, funktioniert Evernote auch offline auf Handys, Tablet-Rechnern oder Laptops.

Zweithirn online

Inzwischen bringt es das Unternehmen aus dem Silicon Valley auf weltweit 20 Millionen Nutzer und ist nach eigenen Angaben seit einem halben Jahr profitabel. Doch Firmengründer Libin spornt das nur an, noch aggressiver zu expandieren.

Nachdem er sich den spanischen und italienischen Markt vorgeknöpft hat, nimmt er auch Deutschland ins Visier und bietet dafür große Teile des Dienstes auch in deutscher Sprache an. Sein Ziel ist es, Evernote zu einer Art Zweithirn im Netz zu machen.

Wie Libin das erreichen will und was seine Ziele für die nächsten Jahre sind, erklärt er im Interview.


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Herr Libin, vor wenigen Wochen haben Sie zwei neue Funktionen gestartet. Mit Evernote Hello können Nutzer Gesichter von Personen speichern, um sich später an sie erinnern zu können, und mit Evernote Food können sie Bilder von Speisen ablegen. Überdehnen Sie damit nicht das Konzept eines virtuellen Zettelkastens?

Im Gegenteil. Bei Evernote dreht sich alles um das Leben der Nutzer: Wir speichern beruflich gesammelte Artikel genauso wie private Erinnerungen und Gedanken. Damit wollen wir zu einer Art zweitem Gedächtnis werden.

Ein großer Plan. Zunächst aber expandieren auch Google, Apple und Amazon massiv in das Geschäft mit online gespeicherten Informationen. Müssen Sie nicht eher um Ihre Nutzer bangen?

Es gibt einen großen Wettbewerb um Dateien, die Nutzer im Netz speichern. Da bricht gerade ein regelrechter Krieg aus. Doch unser Vorteil ist, dass wir nicht nur Dateien der Nutzer speichern. Wir sammeln in unseren Rechenzentren Ideen und Gedanken, die Menschen wichtig sind.

Neben Apple und Google versuchen übrigens auch immer mehr kleine Unternehmen, Funktionen von Evernote zu kopieren. Doch auch das ignorieren wir.

Wieso?

Die Zeit, die man opfert, um Wettbewerber zu bekämpfen, kann man nicht einsetzen, um sein Produkt zu verbessern. Unsere Devise lautet: Niemand schaut auf das, was andere tun. Wir bauen unser eigenes Produkt – so gut wie möglich. Das scheint gut zu funktionieren. Von unseren weltweit 20 Millionen Nutzern zahlen immerhin 750 000 jährlich rund 45 Dollar.


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Wenn ein Konzern wie Apple bei Ihnen anklopfen und eine halbe Milliarde Dollar bieten würde, würden Sie verkaufen?

Bei einer halben Milliarde würde ich nicht nur ablehnen, ich wäre auch ein wenig beleidigt. Bei fünf Milliarden Dollar würde ich immer noch Nein sagen – wäre aber zumindest nicht beleidigt. Warum sollte ich etwas abgeben, was ich liebe?

Evernote ist Ihr drittes Unternehmen. Die ersten zwei haben Sie verkauft.

Das dritte werde ich behalten. Ich kann mir allenfalls vorstellen, einen Teil zu verkaufen. Bietet jemand 500 Millionen für zehn Prozent, könnte man darüber reden.

Evernote ist mit 95 Millionen Dollar finanziert. Was haben Sie mit dem Geld vor?

Das ist viel mehr Kapital, als wir brauchen. Zunächst wollen wir uns damit von kurzfristigen Marktschwankungen unabhängig machen. Wir wollen ein Unternehmen aufbauen, das auch in 100 Jahren noch existiert, dem die Leute Informationen ihres Lebens anvertrauen.

Würde die Konjunktur eine mehrjährige Schwäche durchmachen, würde uns das sogar stärken: Wettbewerber müssten aufgeben, und wir könnten Unternehmen billig kaufen. Nur die Möglichkeit eines Börsengangs würde sich hinauszögern.


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Wann planen Sie den Börsengang?

Das ist zwar nicht unser Ziel, es ist aber ein unausweichlicher Meilenstein. Irgendwann erreichen junge Unternehmen den Punkt, an dem sie die moralische Pflicht haben, das Unternehmen an die Börse zu bringen – wenn sie weiter wachsen wollen. Aber wir haben es nicht eilig.

Mein Job als Chef ist es, das Unternehmen auf eine Größe wachsen zu lassen, dass der Börsengang möglich ist, was etwa 2013 der Fall sein wird.

Was würden Sie mit dem Geld machen?

Wir würden agieren wie heute: Wir würden neue Funktionen und Produkte programmieren und neue Leute einstellen – viel mehr Entwickler, viel mehr Designer.

Wofür genau?

Es gibt viele verschiedene Betriebssysteme, auf denen unser Produkt laufen muss: iPhone, iPad, Android, Windows, Windows Phone und so weiter. Wir haben inzwischen 125 Mitarbeiter – in Kalifornien, Texas, Tokio und Moskau. Zudem planen wir weitere Studios in Peking, Singapur und Zürich. Unsere Beschäftigtenzahl hat sich binnen eines Jahres vervierfacht. Und nächstes Jahr werden wir wahrscheinlich genauso schnell wachsen. Das kann einem ziemlich Angst machen.

Bei der Flut mobiler Betriebssysteme sehen einige nur einen Ausweg: Statt für jedes Gerät eigene Apps zu entwickeln, programmieren Sie eine Art Web-Site im sogenannten HTML5-Format. Die bietet ähnliche technische Möglichkeiten wie eine native App, läuft aber auf allen Plattformen.

HTML5 ist eine großartige Technik, aber kein Ersatz für herkömmliche Apps.


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So mancher Entwickler würde Ihnen widersprechen. Einige Medienhäuser wie etwa die Londoner "Financial Times" nutzen bereits HTML5 für ihre iPad-Apps.

Kluge Köpfe werden sich nicht verleiten lassen. In einer Welt mit unendlichem Wettbewerb gewinnt die beste Nutzererfahrung. Entwickelt jemand eine App auf Basis von HTML5, um Entwicklungskosten zu sparen, und ein anderer eine exzellente native App, wird Letztere gewinnen. Nicht nur weil sie besser ist und mehr Funktionen bietet. Apple, Amazon und Google werden das Programm, wenn es wirklich gut ist, auch in ihren virtuellen Softwareläden bewerben. Entwickler, die dennoch auf HTML5 setzen, werden es bereuen.

Wann wird HTML5 in der Lage sein, ein Nutzererlebnis zu erzeugen wie eine herkömmliche, speziell für iPhone oder Android entwickelte App?

Niemals. Native Apps werden immer besser sein. Man schaue sich die neue Flipboard-iPhone-App an...

...ein Programm, das Inhalte aus Blogs, Nachrichtenseiten und Social Networks wie in einem Magazin grafisch ansprechend aufbereitet.

So etwas Faszinierendes ist mit HTML5 nicht möglich.

Aber HTML5 spart Kosten.

Das stimmt, weil Sie ja nur ein Programm für alle Betriebssysteme entwickeln müssen. Allerdings kann man mit herkömmlichen Apps, die speziell für iPhones oder Android-Geräte geschrieben wurden, mehr Menschen begeistern, weil sie schlicht besser sind.

Ich habe folgende Beobachtung gemacht: Eine Universal-App im HTML5-Format stellen Sie möglicherweise schon mit fünf Leuten auf die Beine. Für eine Palette herkömmlicher Apps brauchen Sie eher an die 50 Kollegen, weil Sie alle Betriebssysteme bedienen wollen. 45 Mitarbeiter mehr – für möglicherweise 50 Millionen zusätzliche Nutzer, das ist ein großer Anreiz.


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Vielen Nutzern dürfte dagegen das Design am wichtigsten sein.

Genau. Vor sechs Monaten hatten wir nur einen Designer, der Logo und Benutzeroberfläche gestaltet hat. Heute haben wir sechs.

Wie viel Ihres Budgets fließt in die Gestaltung?

15 bis 20 Prozent. Relevanter ist aber die Zeit: Früher haben wir fünf Prozent unserer Zeit ins Design und 95 Prozent in die Funktionen gesteckt. Heute stecken wir 50 Prozent unserer Zeit ins Design und 50 Prozent in die Funktionen.

Evernote ist ja auf den meisten mobilen Betriebssystemen vertreten. Wie schätzen Sie die Chancen von Windows Phone ein, sich neben Googles Android und Apples iOS zu behaupten?

Als Microsoft das Betriebssystem vorgestellt hat, habe ich mich zuerst geweigert, eine Windows-Phone-Version von Evernote herzustellen. Als ich aber die ersten Telefone sah, fand ich sie ziemlich gut. Sie waren keine Kopie von Android und iPhone, und ich mag sie. Ich glaube, Microsoft ist sich im Klaren, dass dies die letzte Chance des Konzerns im Mobil-Markt ist.

Vielleicht in zwei Jahren?

Möglich. Aber dann werden native Apps schon viel weiter sein. Tatsächlich hat es im letzten Jahr viel mehr Spaß gemacht, mit Microsoft zu arbeiten, als je zuvor. Es scheint, als wäre das Unternehmen wieder ein Startup, die Leute sind schnell und engagiert.

Auf Blackberry dagegen würde ich zurzeit überhaupt nicht setzen. Die machen einige komische Sachen, die ich nicht verstehe. Die haben viel zu viele verschiedene Geräte. Deshalb ist es für uns extrem schwierig, für Blackberry zu entwickeln.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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