Partnersuche "Grabschen ist indiskutabel"

Ex-Titanic-Chefredakteur Bernd Fritz hat in seinem Buch die Anmachtricks der Weltliteratur gesammelt. Im Interview erzählt er, warum er Online-Partnerschaftsvermittlungen erbärmlich findet und welche großen Schriftsteller man sich nicht zum Vorbild nehmen sollte.

Til Knipper | , aktualisiert

Herr Fritz, was halten Sie von Online-Partnervermittlungen?
Das ist das Erbärmlichste, was Männern bisher eingefallen ist, seit sie die Weibchen nicht mehr an den Haaren in ihre Höhle schleifen dürfen. Als Frau würde ich mich nie mit einem einlassen, der glaubt, er könne sich vom Schreibtischstuhl mit ein bisschen Tastaturgeklapper interessant machen.

In Ihrem Buch raten Sie auch vom Baggern am Arbeitsplatz ab. Warum?
Der sportliche Anreiz ist dabei gleich null, weil man nichts tun muss. Man sieht sich ja jeden Tag und kommt sich auch häufig recht nahe, das ist keine Kunst. Und der Arbeitsfrieden ist erheblich gestört, wenn so eine Beziehung schief geht.

Sie analysieren die Anmachtricks der Weltliteratur. Welche Autoren empfehlen Sie dem Single-Bürohengst mit 80-Stunden-Woche?
Wenn er die Zeit findet, Marcel Proust. Der hat auf den 4000 Seiten von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" immerhin eine sehr hübsche Idee, als er seinen Charmeur der Extraklasse Monsieur Swann zu einem Mädchen sagen lässt: "Das ist hübsch, du hast heut blaue Augen angezogen, sie passen ganz genau zur Farbe deines Gürtels." Dieser Spitzenspruch lässt sich natürlich toll variieren: grüne Augen - grüne Bluse; rote Haare - roter Rock; braune Augen - braune Handtasche.

Okay, Intelligenz und Humor schaden nicht. Was muss man noch beachten?
Methodische Grundfehler vermeiden, wie das notorische Von-der-Seite-Anlabern. Davor warnte der Dichter Karl August Musäus schon 1782: "Einer Geliebten ohne vorgängige Unterredung mit den Augen und ihren bedeutsamen Blicken eine Erklärung abzufordern ist immer ein missliches Unternehmen."

Gibt es auch Lektüre vor der Sie warnen?
Goethe. Der liefert nichts anderes als die Helfermasche plus ein bisschen Grabschen, siehe Faust und Gretchen. Maupassant ist auch gefährlich. Dessen Held Bel Ami stammelt und stottert immer nur, seltsamerweise mit Erfolg: Denn ohne Vorwarnung "warf er sich auf sie, suchte ihren Mund mit seinen Lippen und ihr nacktes Fleisch mit den Händen". Diese Methode mag stottererfreundlich sein, aber die Erfolgsprognose liegt real bei h-h-höchstens f-f-fünf P-Pro-ts-tsent.

Sie unterscheiden in Ihrem Buch zwischen Grabschen und beredter Berührung. Wo ist der Unterschied?
Grabschen ist indiskutabel. Die beredte Berührung dagegen ist etwas für Profi-Womanizer. Sie ist sehr dezent, hat nichts Besitzergreifendes und ist durch den Kontext legitimiert.

Haben Sie dafür auch ein Beispiel?
Major Crampas in Fontanes "Effi Briest" macht es vorbildlich. Er weiß, dass Effi Literatur liebt. Als er mit ihr über das Heine-Gedicht "Deine weißen Lilienfinger" redet, berührt er genau in dem Moment, wo er das Wort Lilienfinger sagt, "leise ihre Hand".

Wenden Sie die Tricks auch selbst an?
Die Leser sollen es nicht eins zu eins nachmachen, sondern sich inspirieren lassen. Ich habe mal eine Frau mit dem Finger an einem unverdächtigen Körperteil, ihrem Arm, berührt und dabei gesagt: "Einundzwanzig." Sie guckte irritiert und neugierig zugleich und ich sagte: "Man ist so alt, wie man sich anfühlt." Da sie Anfang 30 war, fühlte sie sich geschmeichelt und ließ dann Berührungen an verdächtigeren Körperteilen zu, mit entsprechenden Altersangaben. Man muss Frauen verblüffen, das macht einen zu etwas Besonderem.

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