Ortswechsel Pressetermin auf Russisch

In Russland gibt es viel zu entdecken. Handelsblatt-Korrespondent Florian Willershausen hat dazu Gelegenheit - die russische Regierung schickt ihn für Pressetermine durchs gesamte Land. Allzu oft sind diese Pressereisen jedoch eine Fahrt ins Blaue.

Florian Willershausen | , aktualisiert

Als ich mich das erste Mal frage, wozu ich überhaupt nach Rostow gekommen bin, hat der EU-Russland-Gipfel gerade erst begonnen. Auf einer großen Leinwand ist Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew zu sehen, wie er zur Begrüßungsrede ausholt. Doch zwei, drei Sätze später drehen ihm seine eigenen Leute im Pressezentrum den Ton ab. Stattdessen kreischt eine weibliche Stimme durch die Boxen des Musiktheaters, in das sie uns Journalisten gepfercht haben: "Liebe Gäste von Rostow am Don, wenn Sie Souvenirs aus der Region kaufen möchten, schauen Sie doch an Stand im ersten Stock vorbei." Na toll!

Um es kurz zu machen: Die Reise zum EU-Russland-Gipfel hätte ich mir sparen können. Inhaltlich gaben die Teilnehmer nur Sprechblasen von sich - besonders Europas blasser Ratspräsident Herman Van Rompuy, der ohne seine Notizen in Russland verloren gewesen wäre.

Vor allem aber organisatorisch war der Gipfel ein Meisterstück des Unvermögens. Zum Beispiel hatte uns internationale Pressevertreter keiner darüber informiert, dass die russische Delegation völlig abgeschottet werden würde und bestenfalls ein paar einheimische Kameraleute in ihre Nähe kämen. Und dass wir auf Kreml-Anweisung schon am Sonntagabend anreisen mussten, obwohl der Gipfel erst am Dienstagmorgen begann, grenzt an Schikane. Als wir eine von Medwedjews Sprecherinnen fragten, warum dies sein müsse, antwortete sie nur schnippisch: "Ihr könnt ja spazieren gehen und euch die Stadt anschauen."

Mitfahren und hoffen

So sinnlos und nervig die Reise nach Rostow auch war - ganz verzichten lässt sich nun mal nicht auf solche Dienstfahrten. Aber die von der Staatsführung anberaumten Termine mit russischen Spitzenpolitikern sind für Journalisten stets ein Glücksspiel: An einem Tag karren sie uns mit Polizeieskorte ins Nirgendwo, unterwegs gibt's Lunch-Pakete und am Zielort redet der Präsident spannenden Klartext mit einem Oligarchen.

Anderntags sperren sie uns Journalisten in Konferenzräume und zwingen uns, einer nichtssagenden Rede per Videoübertragung beizuwohnen. Ob sich ein Termin lohnt oder nicht, lässt sich im Vorfeld selten sagen. Wer aber zu oft absagt, riskiert, beim nächsten Mal gar nicht mehr auf der Einladungsliste zu stehen. Und so fahren wir eben auf gut Glück einfach mal mit - und schauen, was uns die Fahrt ins Blaue diesmal bringt.

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