Ortswechsel Leben und arbeiten in Taipeh

Auf Taiwan, der Insel vor Chinas Festland, läuft einiges anders als in der Volksrepublik. Es gibt Demokratie und in der U-Bahn wird nicht gedrängelt. Zwei deutsche Auswanderer berichten über ihre Erfahrungen und Eindrücke mit Land und Leuten.

Klaus Bardenhagen | , aktualisiert

Robert Rudolph hat Taipeh viel zu verdanken: seinen Job, seine Lebensgefährtin und seinen Sohn. 65 Zentimeter groß und vier Monate alt, schlummert Jakob während des Interviews auf Papas Schoß. Dass er hier eine Familie gründen würde, war nicht abzusehen, als der Dresdener 2007 nach Abschluss seines BWL- und Chinesisch-Studiums nach Taipeh kam. "Jakob wird später zwei Pässe haben", sagt er. In einem steht dann sein chinesischer Vorname Ru-shan. "Das bedeutet ‚Wie ein Berg'", sagt Rudolph, "standfest und vertrauenswürdig."

Damit es möglichst schnell nach Taiwan ging, hatte er damals sofort bei einem einheimischen Unternehmen angeheuert. Mit seinen Sprachkenntnissen war das kein großes Problem: "Ich konnte mir das beste Angebot aussuchen." Zwei Jahre und einen Firmenwechsel später ist der 31-Jährige nun bei einem Hersteller von Überwachungskameras als Sales Manager für den gesamten deutschen Sprachraum zuständig. "In einer deutschen Firma hätte ich wohl nicht so schnell so viel Verantwortung übernommen", sagt er. "Wem es aber vor allem ums Gehalt geht, der sollte in Deutschland anfangen."

Einer Rückkehr sähe Rudolph positiv entgegen

Sein Jahresurlaub ist mit zunächst sieben Tagen ebenfalls knapp bemessen. Mit jedem Jahr in der Firma kommen ein, zwei Tage dazu. Zur Arbeit nimmt Rudolph im Sommer den Bus - wegen der Hitze. Lieber fährt er mit dem Rad, eine halbe Stunde durch den Park am Fluss entlang, und entgeht so den verstopften Straßen. Taiwans Fortbewegungsmittel Nummer eins, den Motorroller, mag er gar nicht: "Würden die Leute öfter Rad fahren, wäre die Luft besser und die Stadt schöner." Gut findet er, wie geordnet es in der U-Bahn zugeht: "Alle stellen sich an, niemand drängelt - ganz anders als in China."

Mit seiner Familie wohnt Rudolph in einem eher traditionellen Viertel mit engen Gassen, Märkten und Restaurants, in denen man lange nach einer englischen Speisekarte suchen kann. Wie in seiner Firma, ist er auch hier als westlicher Ausländer die große Ausnahme. "Die Taiwaner sind Westlern gegenüber besonders freundlich und hilfsbereit", sagt er. "Aber auch wer Chinesisch spricht, bleibt immer ein Exot." Wenn seine Firma einmal ein Büro in Deutschland eröffnet, würde er wohl zurückkehren und seine Familie mitnehmen. Und wenn nicht? "Dann bleiben wir hier."

Erst gestern hatte Carsten Lammert wieder ein Casting, als Cowboy in einem Film für Taiwans Wirtschaftsministerium. Bekommt er die Rolle, wird nächste Woche gedreht. "Alles läuft hier schneller und spontaner als in Deutschland", sagt der 39-Jährige. "Wer gerne und viel arbeitet, für den ist Taipeh ein guter Ort."

Englischlehrer im Kindergarten, Weihnachtsmann, Übersetzer von Motherboard-Handbüchern, Marketing für Online-Rollenspiele und Model in Fernsehspots - das sind nur einige der Jobs, mit denen Lammert sich in Taipeh schon finanziert hat. Nebenbei hat er noch Chinesisch gelernt, denn als er im Jahr 2000 erstmals nach Taiwan kam, verstand er kein Wort. Der Schauspieler war seiner damaligen Freundin gefolgt, die Sinologie studierte. "Wir sind mit 50 Mark in der Tasche gelandet und sofort ganz tief ins Leben eingetaucht." Nach einigen Jahren in Taipeh war sein Chinesisch fließend. Es folgten zwei Jahre Arbeit für eine taiwanische Firma in Stuttgart. Die Rückkehr nach Deutschland war "ein krasser Kulturschock", sagt der gebürtige Wittener. Als er durch die Wirtschaftskrise dieses Frühjahr seinen Job verlor, war sofort klar, dass er nach Taipeh zurückkehrt.

Man kommt schnell ans Arbeiten

Und schon ist Lammert wieder viel beschäftigt. Er will Kindertheater in englischer Sprache auf die Bühne bringen, sucht nach Partnern und geeigneten Räumen. Das Stück will er schreiben lassen. Vielleicht werde es "Der gestiefelte Kater", sagt er. "Als Musical, mit viel Gesang und Tanz." Chinesischkurse belegt er weiterhin, für Fortgeschrittene: Zeitungslektüre und Fernsehnachrichten.

Er wohnt nahe der Uni in einer Art Penthouse auf dem Dach eines zwölfstöckigen Gebäudes. Lebensqualität, das heißt für ihn auch: mehrere rund um die Uhr geöffnete Supermärkte vor der Haustür, überall Internet-Zugang, U-Bahnen im Zwei-Minuten-Takt. "Mein Freundeskreis besteht zum größten Teil aus Taiwanern", sagt Lammert. "Ich hatte hier jahrelang überhaupt keine deutschen Bekannten." Die Menschen erlebt er als "spontan und impulsiv", Alkohol spiele beim Ausgehen eine geringere Rolle als in Deutschland, wichtiger sei der Gruppengedanke: "Wer beim Karaoke schief singt, denkt nicht: Ich mache mich jetzt lächerlich. Er denkt: Wir haben Spaß zusammen."

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