Ortswechsel Konflikt "Job oder Familie" vermeiden

Personalberater hadern immer öfter mit Last-Minute-Absagen von Kandidaten, weil deren Familien nicht mitziehen. Vor allem Männer brocken sich solchen Krach häufig selber ein: Sie rücken mit der großen Neuigkeit erst auf den letzten Drücker heraus - und finden sich dadurch zwischen allen Stühlen wieder.

Julia Leendertse | , aktualisiert

Von seiner Traumkarriere trennte ihn nur noch seine eigene Unterschrift. Doch dann fiel dem 41-jährigen Juristen seine Ehefrau in den Rücken, ausgerechnet. Die Schwäbin weigerte sich in letzter Minute, von der Alp ins Ruhrgebiet zu wechseln. Und das, obwohl ihrem Mann dort eine blendende Karriere als Personaldirektor eines großen internationalen Konzerns offen stand. „Meine Frau nach London oder New York zu kriegen, wäre nicht so ein Problem gewesen“, erinnert sich der promovierte Arbeitsrechtler. „Aber die Vorstellung, ihre Heimat gegen den Ruhrpott einzutauschen, erschien ihr unerträglich.“

Knallhart vor die Wahl gestellt „Entweder du sagst denen jetzt ab – oder ich trenne mich“, entschied sich der Leiter der Rechtsabteilung eines großen Unternehmens, seinen alten Posten zu behalten. Das alles stellte sich unglücklicherweise erst im letzten Augenblick heraus, als alle Beteiligten bereits viel Zeit und Geld investiert hatten und sich schon am Ziel glaubten: nach mehreren Gesprächen mit dem Headhunter, zwei Terminen bei dem neuen Unternehmen. Und: „Mit meiner Absage habe ich nicht nur wichtige Leute in meiner Branche vor den Kopf gestoßen“, beklagt der Familienvater. „Auch bei dem Headhunter, der den Wechsel monatelang vorbereitet hat, kann ich mich jetzt nicht mehr blicken lassen.“

Meine Familie spielt nicht mit – diesen Satz hörten deutsche Personalberater immer häufiger in den letzten Jahren. Da ist die 43-jährige Mutter aus dem Rheinland, die ihre zwei Kinder gerade aus dem Gröbsten raus und wieder einen Teilzeitjob ergattert hat, und sich standfest weigert, mit ihrem Mann – einem Spezialisten für Biotechnologie – nach München zu ziehen. Auch weil sie „mit der Schickeria da unten absolut nichts anzufangen weiß“.

Da ist der 14-jährige Gymnasiast, der in der 8. Klasse als zweite Fremdsprache Spanisch belegt hat und deshalb in Bayern kein Gymnasium findet, das ihn als Schüler direkt in die Mittelstufe aufnehmen will, als sein Vater als Fluglotse mit der Deutschen Luftsicherung von Berlin nach München ziehen muss. Und da ist der Geschäftsführer in spe eines großen deutschen Verbandes, dessen 80-jährige Mutter plötzlich zum Pflegefall wird und der sich deshalb kurz vor Vertragsabschluss entscheidet, sein neues Amt erst gar nicht anzutreten. Weil er sich jetzt erst mal um seine Eltern kümmern will.

„Die meisten Manager wissen, dass sie heute spätestens nach fünf bis sieben Jahren eine neue Herausforderung annehmen und deshalb auch häufiger umziehen müssen“, weiß Christine Stimpel, Deutschland-Chefin der Personalberatung Spencer Stuart. „Denn wer seine Mobilität nicht unter Beweis stellt, gilt schnell als unvermittelbar.“ Das Problem dabei: Viele machen die Rechnung zu lange ohne ihren Partner. Bei der Suche nach einer neuen Stelle verfahren sie nach dem Motto: Lieber erst mal zu Hause nicht die Pferde scheu machen. Vor allem Männer weihen ihre Ehefrauen häufig erst dann in ihre Karrierepläne ein, wenn der Wechsel spruchreif ist – also in der Phase, in der der potenzielle neue Arbeitgeber bereits ernsthaftes Interesse an ihnen bekundet hat und es im Prinzip keinen Weg mehr zurück gibt.

Personalberater werden lieber nicht eingeweiht

Ein weiterer Kardinalfehler: Aus Angst davor, direkt von der Liste der geeigneten Kandidaten gestrichen zu werden, trauen sich selbst qualifizierte Topleute häufig nicht, beim Headhunter mit offenen Karten zu spielen und ihm schon frühzeitig zu signalisieren, dass sich bei einem Standortwechsel der Ehepartner möglicherweise stur stellen könnte. „Damit vergibt man sich selbst und dem Personalberater die Chance, gemeinsam nach Argumenten zu suchen, die die Familie von dem neuen Wohnort überzeugen könnten“, meint Personalberaterin Stimpel.

Schlimmer noch: Auch wenn sie häufig die Entscheidung des Kandidaten menschlich nachvollziehen können, stehen die Personalberater selbst nach solchen Absagen in letzter Minute vor einem Scherbenhaufen. „In dieser Endphase direkt vor der Vertragsunterschrift ist es nahezu unmöglich, auf ein anderes Pferd zu wechseln“, erklärt Tiemo Kracht, Deutschland-Chef der Personalberatung Heidrick & Struggles. Der Rückgriff auf die Zweit- oder Drittbesten käme beim Kunden nicht gut an, auch wenn die Kandidaten insgesamt häufig qualitativ dicht beieinander liegen. Nicht selten heißt das für den Headhunter, das er die Suche ganz von Neuem beginnen muss.

Ganz neu ist das Problem nicht: „Schon immer gab es Ehefrauen, die sich quer stellten, wenn sie wegen eines Stellenwechsels ihres Partners umziehen sollten“, urteilt Ernst Heilgenthal, Personalberater bei Gemini Executive Search in Köln. Der Unterschied zu früher: „Frauen, die selbst Karriere machen oder zumindest das Gefühl haben, wegen der Kinder darauf verzichten zu müssen, tragen den Konflikt viel offener aus.“ Die Konsequenz: Selbst wenn die Familie am Ende doch widerwillig mitzieht, geraten die Manager häufig in einen Zweifrontenkrieg. Heilgenthal: „Im neuen Job müssen sie sich ihr Terrain neu erkämpfen und haben zu Hause eine nörgelnde Familie sitzen, die auch noch auf den Nerven herumreitet.“ Sein Fazit: „Niemand kann gegen die Familie Karriere machen.“

Immer häufiger mit Absagen auf den letzten Drücker konfrontiert, versuchen einige Personalberater bereits, ihren Kandidaten Rückendeckung zu Hause zu geben und sich aktiv an der Überzeugungsarbeit zu beteiligen. Tiemo Kracht etwa ordert für Managerehefrauen, die in weniger attraktive Standorte mitziehen sollen, bei den Fremdenverkehrsämtern Care-Pakete mit Infos zum Kultur- und Freizeitangebot, aber auch zu den Schulen am neuen Wohnort. Ernst Heilgenthal rät Unternehmen, sogar spezielle Damenprogramme aufzulegen, wenn der Firmenstandort jenseits der Metropolen liegt und damit „erklärungsbedürftig“ ist. „Beim Fernsehhersteller Loewe ging sogar die Frau des ehemaligen Direktors für Personal und Recht mit den Gattinnen der neu einzustellenden Manager persönlich durch die bayerische Kleinstadt Kronach auf Tour“, erinnert sich Heilgenthal. „Der Schnuppertag kam bei den Leuten so gut an, dass die meisten sich für Kronach entschieden.“

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