Ortswechsel Helsinki - natürlich und ruhig

Helsinki hat den Ruf, kühl und ruhig zu sein. Das trifft auch ganz auf das Stadtbild und die Mentalität der Bewohner der finnischen Hauptstadt zu. Heiß wird es hier eben auf eine andere Weise: Beim Schwitzen in der Sauna oder auf angesagten Partys.

Sebastian Winter | , aktualisiert

Peter Jaspers ist nach über zehn Jahren Helsinki noch immer begeistert von der finnischen Hauptstadt. "Vielleicht ist es gerade das unspektakuläre, ruhige Stadtbild, das mir so gefällt. Diese Gemächlichkeit überträgt sich auch auf die Finnen", sagt der 37-Jährige. Während seines Referendariats ging der Jurastudent 1998 für drei Monate nach Helsinki. Er lernte seine heutige Frau Pinja, eine Finnin, kennen und blieb. "Ich habe mich Hals über Kopf verliebt: in Pinja und in das Land."

Neben dem privaten Glück stellte sich auch beruflicher Erfolg ein. Nun arbeitet Jaspers in einer kleinen, finnischen Kanzlei, die sich auf internationale Transaktionen spezialisiert hat. In dem fünfköpfigen deutsch-finnischen Team taten sich anfangs kulturelle Gräben auf, mit denen die Anwälte mittlerweile aber gut leben können: "Ich fand es nicht toll, dass die Finnen nur bis 16 oder 17 Uhr arbeiten, wir Deutsche aber manchmal bis 20 Uhr", sagt Jaspers. Doch dann verstand er, dass den Finnen Freizeit und Familie sehr wichtig sind. Neid entstehe nicht, auch wegen der Gleitzeitregelung: "Die Finnen sind Frühaufsteher und kommen schon um acht ins Büro. Wir fangen später an und sitzen entsprechend länger am Schreibtisch."

Das Finnische hat 15 Fälle

Der Anwalt hat Sprachkurse gemacht und sich täglich durch die Zeitungen gequält. Nach zweieinhalb Jahren hielt er sein erstes Plädoyer auf Finnisch. Die Sprache hat 15 Fälle - im Deutschen sind es nur vier - und ist sehr schwer zu lernen. In der Kanzlei ist Finnisch Geschäftssprache, was nicht nur Vorteile bringt: "Oft ist das nur eine Frage des Tonfalls", erzählt Jaspers. "Die Finnen sagen gerade bei strittigen Themen nicht so schnell ihre Meinung." Auch mit seiner Frau redet er heute Finnisch, obwohl sie sich lange Zeit geweigert hat: "Sie sagte nur: 'Ich unterhalte mich doch nicht mit einem Halbgescheiten'."

Das Paar schätzt in Helsinki besonders die Nähe zur Natur. Am liebsten macht Jaspers mit seiner Frau und Freunden Hüttenurlaub im wasserreichen Hinterland Helsinkis oder am Ruuhijärvi, einem der vielen wunderschönen Seen Mittelfinnlands, rund 600 Kilometer nördlich der Hauptstadt. Hier schwitzt er in der mit Holz geheizten Sauna. Manchmal prasselt darin sogar ein offenes Feuer, schwärmt Jaspers. "Die Wärme, die so entsteht, ist einfach wunderbar."

Einsamkeit erfordert Kreativität

Oliver Kochta-Kalleinen wohnt an einem Ort, von dem andere träumen: in einem Holzhäuschen an der Westküste der zwei Quadratkilometer großen Insel Vartiosaari, die 20 Einwohner hat. Hunderte solcher Schären gibt es vor der finnischen Hauptstadt Helsinki.

Kochta-Kalleinen und seine Frau Tellervo zahlen für ihr Mietshaus mit großem Grundstück, Meerzugang und Sauna knapp 500 Euro im Monat. Das Schnäppchen hat noch einen weiteren Preis: "Laut Vertrag müssen wir Reparaturen am Bootsanleger vornehmen, Bäume fällen und den Strand säubern", erzählt der Deutsche. Den Aufwand nimmt das Paar gerne in Kauf. Es ist ja nicht nur wegen der Lage und des Preises aus der Wohnung im teuren Stadtzentrum hierher gezogen, sondern wollte Ruhe haben für Väinö, den zweijährigen Sohn, und für die Arbeit im Atelier. 1998 machte der gebürtige Dresdener ein Auslandsjahr an der Kunsthochschule Helsinki. Während des Studiums lernte er seine Frau kennen. Mit Projekten wie den "Complaints Choirs", deren Sänger in vielen Städten der Welt über ihr Dasein klagen, haben sich die beiden Künstler inzwischen einen Namen gemacht.

Der Staat fördert künstlerische Projekte

Sie drehen Filme, schreiben Kunstbücher und entwickeln Skulpturen. Finanzielle Unterstützung erhalten sie durch staatliche Stipendien und private Stiftungen. "Die Künstlerförderung in Finnland ist besser als in Deutschland. Wir können überleben ohne zu jobben. In Hamburg oder Berlin müssen viele Kollegen nebenher arbeiten", sagt der 37-Jährige, der vom Staat ein Jahr lang 1600 Euro monatlich bekommt.

Zur Sommersonnwende am 20. Juni feiern die Bürger Helsinkis "Juhannus": Sie fahren in ihre Sommerhäuser, grillen Bockwürste, trinken und tanzen. Dann feiert das Paar zusammen mit einem Deutschen, der an der Ostküste der Mini-Insel lebt. Freunde, die sie einladen, holen sie mit dem Ruderboot von der 300 Meter entfernten Nachbarinsel ab, die eine Brücke mit dem Festland verbindet. Im Winter, bedeckt das Eis große Teile des finnischen Meerbusens. Die ganze Stadt strömt hinaus auf die Ostsee. Mit Skiern, Schlittschuhen, zu Fuß, sogar mit Motorrädern wagen sich manche nah an die Fahrrinnen der großen Fährschiffe heran. Dann läuft Oliver Kochta-Kalleinen am Morgen über das zugefrorene Meer: Auf der Schwesterinsel holt er seine Post ab.

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