Ortswechsel "Die Holländer sind einfach gute Organisatoren"

Die Metropole der nördlichen Niederlande, Groningen, ist voller Studenten und junger Unternehmer. Sie bietet eine hohe Lebensqualität und die Bewohner gelten als humorvoll. Wer dort leben möchte, sollte sich aber auf Vorbehalte gegenüber Deutschen einstellen.

Jeanette Villachica | , aktualisiert

Heiko Siebold

Als Heiko Siebold eine zeitlang in Hamburg arbeitete, meinte ein deutscher Kollege: "Du bist ja locker drauf." Das hat Siebold überrascht. An sich sei er "kein lockerer Typ", vielleicht mache sich der holländische Einfluss bemerkbar. Seit neun Jahren lebt der 35-jährige gebürtige Berliner in der Studentenstadt Groningen mit ihrer lebendigen, alten Innenstadt. Von Brüssel aus, wo er die letzten Schuljahre verbracht hatte, war Groningen nicht weit. Er schrieb sich am Van Hall Instituut in Umweltwissenschaften ein. "Die Fachhochschule hat ein hohes Ansehen und die Atmosphäre gefiel mir", erklärt er. Es war ihm wichtig, dass sein Studium nur die geplanten vier Jahre dauern würde. Die Regelstudienzeit entspricht in den Niederlanden meist der echten Studienzeit.

Zu Beginn besuchte er einen dreieinhalbwöchigen Sprachkurs an der Uni. "Deutschen fällt es sehr leicht, Niederländisch zu lernen. Wir müssen ein paar Vokabeln pauken, relativ wenig Grammatik und kommen damit erst mal zurecht." Große Unterschiede kann er auch im niederländischen und deutschen Alltag nicht feststellen, vom Essen einmal abgesehen. Das holländische Essen sei sehr einfach und mittags wird meist nur Brot gegessen.

Die Niederländer legen großen Wert auf Humor

Seit letztem Sommer ist Heiko Siebold als selbstständiger Berater im technischen Umweltschutz tätig. Er begleitet Behörden und Firmen bei Genehmigungsverfahren, prüft Anträge und erstellt umweltrechtliche Expertisen. Siebold mag, dass in den Niederlanden auch unter Geschäftspartnern mal ein Witz gemacht wird. "Wenn Sie das in Deutschland tun, werden Sie fachlich nicht mehr ernst genommen." Wenn Siebold nicht bei Kunden ist, arbeitet er von seiner 60-Quadratmeter-Wohnung im Zentrum aus. Sie liegt direkt an den alten Kanälen, die um die Stadt verlaufen, und kostet ihn 800 Euro warm.

Auffällig sei auch, dass "Chefs hier keine stundenlangen Vorträge halten". Die Holländer würden sehr empfindlich reagieren, wenn ein Vorgesetzter zu autoritär auftritt oder sich absondert. "Man lässt die Leute ihre Arbeit so tun, wie sie es für richtig halten." Für Misstrauen bestehe auch gar kein Anlass. "Die Holländer sind einfach gute Organisatoren." Und gerade in Behörden werden mehr Neuerungen von unten nach oben entwickelt. Der Abteilungsleiter sei vor allem Koordinator.

Linda Halwaß

In Deutschland hatte Linda Hallwaß keinen passenden Studiengang gefunden und Groningen liegt nur 100 Kilometer von ihrer Heimatstadt Emden entfernt. Dennoch kam die nordholländische Metropole der Ostfriesin anfangs wie eine andere Welt vor. Seit vier Jahren studiert und arbeitet sie dort. "Hier leben Menschen aus rund 180 Nationen, das hat mir von Anfang an gut gefallen", sagt die 26-Jährige. Fast die Hälfte der 180000 Einwohner ist unter 30 Jahren alt, das Bildungsniveau ist hoch, weil nach dem Studium viele bleiben. "Es ist relativ leicht, eine Geschäftsidee zu realisieren", findet die Deutsche, die seit Beginn ihres International Communication-Studiums ein Übersetzungsbüro betreibt.

Im Geschäftsleben und an der Uni wird jeder geduzt, auch die Professoren. Die Meinung junger Leute wird hoch geschätzt. "Ungewohnt war für mich, dass man Projekte anfängt, die nach deutschen Maßstäben noch nicht durchdacht sind." Alles werde eben lockerer gesehen und man gehe davon aus, dass sich schon alles fügen wird. Geselligkeit sei den Holländern wichtiger als Arbeit. Sie selbst arbeite sehr viel. "Mit 800 Euro pro Monat kommt man einigermaßen über die Runden", sagt sie.

Es gibt viele Vorbehalte gegenüber Deutschen

Hallwaß wohnt in einem Abrisshaus, einem Reihenhaus mit Garten und vier Zimmern, wo die Miete nur 80 Euro beträgt. Die Alternative wäre ein WG-Zimmer für 350 bis 480 Euro. Anfangs war die Studentin schockiert davon, "wie Deutsche hier noch diskriminiert werden". Sie wird sehr oft an den Zweiten Weltkrieg erinnert, muss sich Witze über Deutsche anhören, ihr Auto, eine grüne Ente, wurde mit Tritten malträtiert und sie bemerkt es am Unterton, wenn über Deutsche geredet wird. "Offenbar wird der Deutschen-Hass von Generation zu Generation weiter getragen.Ein Mädchen hat sich mal gewundert, dass ich ‚ganz nett' bin. Ihre Eltern hätten ihr beigebracht, dass alle Deutschen schlechte Menschen sind."

Mit ihrem Assistenz-Job an der Hanze University will sie der "inneren Blockade gegenüber den Deutschen" entgegenwirken. Sie entwickelt Schulungen für niederländische Betriebe, die mit Deutschland Geschäfte machen wollen. "Auch unabhängig von der Vergangenheit werden die Deutschen hier als schwierig empfunden. Ohne Gütesiegel und Genehmigung läuft bei uns ja gar nichts", sagt sie und lacht.

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