Ortswechsel "Chile entspricht nicht meinen Vorurteilen"

Am Rande der trockensten Wüste der Welt, in Chile, begegnen sich moderne Technik und südamerikanische Lässigkeit. Sascha Koslowsky und Hilko Meine berichten von ihrem Arbeitsleben in Chile und dem geselligen Umgang mit den Einheimischen.

Susanne Asal | , aktualisiert

So kann man sich irren: Als Sascha Koslowsky sich als Austauschstudent bei der Universidad Católica del Norte in der nordchilenischen Hafenstadt Antofagasta als Austauschstudent bewarb, studierte er in Pforzheim Internationale Betriebswirtschaft. "Damals dachte ich, ich werde mit Kamelen am Flughafen abgeholt - von wegen Wüste und so", erzählt der 31-Jährige.

Als er vor anderthalb Jahren ankam, merkte er schnell, dass Chile nicht seinen Vorurteilen entsprach. "Antofagasta und Santiago sind sehr modern und entsprechen europäischen Standards. In den Randbezirken der Städte sieht das aber auch schon wieder ganz anders aus."

Zurzeit lebt Koslowsky in Calama am Rande der Atacamawüste. Die größte oberirdische Kupfermine der Welt Chuquicamata liegt in unmittelbarer Nachbarschaft auf 3000 Meter Höhe. Arbeiter der staatlichen chilenischen Minengesellschaft Codelco stellen einen hohen Prozentsatz der Einwohner. Koslowsky entwickelt Software für eine Transportfirma im Auftrag von Codelco.

Calama ist eine ungemütliche Wüstenstadt, besonders im Winter, wenn die Temperaturen nach Sonnenuntergang unter null Grad sinken. Die Infrastruktur sei erschreckend schlecht, berichtet er. Mit einer Ausnahme: das Nachtleben.

Chile hat großes Entwicklungspotenzial

Was gut für die Minenarbeiter ist, interessiert ihn als Vater einer kleinen Tochter nur bedingt. Viel lieber als im unwirtlichen Calama hält Koslowsky sich mit seiner chilenischen Frau und der Tochter deshalb in Antofagasta auf. Das bedeutet: im Pazifik tauchen, Sonne, tolles Klima, Fußballspiele seiner "Heimmannschaften": Cobreloa aus Calama oder CDA aus Antofagasta.

"Chile hat ein enormes Entwicklungspotenzial und bietet daher viele Chancen, beruflich weiterzukommen", sagt er. Das gelte besonders für den Norden mit den Kupferminen und vielen multinationalen Konzernen. "Der berufliche Start im Ausland war gewagt, doch Europäer sind hier gut angesehen und die Familie meiner Frau hat mich gut aufgenommen", erzählt er.

Ein paar Schattenseiten hat der Deutsche dennoch ausgemacht: die verbreitete Unpünktlichkeit, die extreme Bürokratie auf den Ämtern und die Führerscheinprüfung, die einfach jeder bestehe - was dazu führe, dass überall angehalten und geparkt werde.

Der Job war eine Notlösung - aber eine attraktive", sagt Hilko Meine. Eigentlich wollte der Oldenburger nach seiner Ausbildung als Krankenpfleger ein Jahr lang in Chile arbeiten. Doch aus seinen Plänen wurde nichts, denn seine Ausbildung wurde im Land nicht anerkannt. Deshalb begann er als Reiseleiter zu arbeiten. Was vor zwölf Jahren als Übergangslösung gedacht war, wurde zur Berufung: Der 38-Jährige lebt seitdem seinen Job voll aus: seine Touren gehen zu Pferd, zu Fuß und per Mountainbike.

Meine lebt in der Indianeroase San Pedro de Atacama, am Rande der trockensten Wüste der Welt, die sich über Chile, Peru und Ecuador erstreckt. Bis vor kurzem war San Pedro eine winzige, nahezu archaisch stille 5000-Einwohner-Flussoase inmitten einer Berglandschaft auf 2400 Meter Höhe. Heute ziehen jedes Jahr Zehntausende von Touristen durch die sandigen Sträßlein rund um eine von Pfefferbäumen umgebene Plaza. Vulkane, Salare und Geysire sind zum Greifen nah. 60 Wochenstunden arbeitet Meine durchschnittlich in der Hauptsaison.

Viel Arbeit für einen angemessenen Lebensstandard

Seitdem er in Chile ist, hat er nebenbei an einer Fern-Uni Sozialpsychologie und Politologie studiert und eine Familie gegründet. Das sei völlig normal für Chilenen, erzählt er. Um einen der deutschen Mittelklasse vergleichbaren Lebensstandard zu erreichen, müsse man richtig viel arbeiten, da sonst das Geld nicht für Privatschulen der Kinder und für eine ordentliche Gesundheitsvorsorge reiche.

"Man muss das Drei- bis Vierfache des Durchschnittslohns von etwa 400 Euro verdienen." Diesen Nachteil mache der freundlich-lässige Umgang der Chilenen miteinander wett. "Alle lieben die Geselligkeit und den sonntäglichen Asado, den Grillnachmittag mit Familie und Freunden." Das sorge für eine höhere Lebensqualität als in Deutschland.

"Trotz der Einkommensunterschiede sind die Schichten in Chile durchlässiger. Hier redet keiner den Arzt mit Herr Doktor an", sagt Meine. Viele träumen davon, sich selbstständig zu machen. "Die Leute sind optimistisch, packen die Sache an." Das liege vielleicht auch an dem gespannten Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Auch Meine hat so eine Ich-AG: Nebenbei produziert er täglich 40 Kilo Eiswürfel und beliefert damit Hotels.

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