Ortswechsel Belfast als Zuhause akzeptiert

Nordirlands Hauptstadt Belfast ist im Umbruch. Doch auch ein Jahrzehnt nach dem Bürgerkrieg öffnen sich die Menschen Ausländern gegenüber nur zögerlich. Zwei Auswanderer erzählen von ihren Erlebnissen auf der grünen Insel.

Jeannette Villachica | , aktualisiert

Als Christiane Ulbrich nach Belfast zog, war die Stadt für sie zweitrangig. Wichtiger waren der Ostberlinerin, die zuletzt in Montreal gelebt hatte, die Rückkehr nach Europa und ihre Arbeit. Ihre unbefristete Stelle an der University of Ulster lässt der promovierten Phonetikerin neben der Lehrtätigkeit genügend Zeit und Planungssicherheit für ihre Forschung. Die 34-Jährige lebt seit vier Jahren in der nordirischen Hafenstadt und bekennt: "Die ersten zwei Jahre wollte ich nur weg. Es ist sehr schwer, in die etablierten, familienorientierten Kreise zu gelangen."

In Bars oder Coffee Shops komme man sofort ins Gespräch, die Leute seien oft sogar extrem herzlich - aber man verabrede sich nicht. Während der Troubles, also der Zeit der Unruhen, "pflegte man jahrzehntelang mit nur wenigen Vertrauten tiefere soziale Beziehungen", erklärt sie. "So viel Abgegrenztheit habe ich noch nirgendwo erlebt." Sie selbst geht nicht gern in Bars, was die Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen, einschränkt. Ihre Freunde, fast alles Ausländer, sind Kollegen oder Trainingspartner aus dem Fitness-Studio.

Belfast will sich entwickeln

Andererseits seien die Leute in Belfast sehr daran interessiert, das Leben kulturell, touristisch und wirtschaftlich voranzutreiben. Museen und Galerien werden eröffnet, das ganze Jahr über gibt es Festivals, und die Musikszene ist ganz nach Ulbrichs Geschmack: "Jeden Abend Irish Folk Music, spontane Sessions, täglich wirklich gute Bands von Britrock bis Jazz." In den letzten drei Jahren sieht Ulbrich viel mehr Ausländer auf den Straßen und an der Uni. "Bisher wurden an der Uni vor allem Leute beschäftigt, die hier studiert haben, hier ihren Doktor gemacht haben und in eine Stelle gerutscht sind", sagt sie.

Vor anderthalb Jahren beschloss die Deutsche, Belfast als temporäres Zuhause zu akzeptieren und kaufte sich ein Haus. Da die Immobilienpreise hoch waren, konnte sie sich nur eines im katholisch-protestantischen Grenzgebiet leisten. "Mir hat aber noch nie jemand was getan", erzählt sie. Wenn das Wetter es erlaubt, fährt sie mit dem Motorrad an den Atlantik. "Nordirland ist landschaftlich einer der tollsten Orte der Welt", schwärmt sie. Die Stadt liegt an der Irischen See, in 20 Minuten ist man an weißen Stränden und grünen Hügeln. "Der Atlantik sieht immer anders und überwältigend aus."

Vom Bauboom zur Baukrise

Vom Architekturbüro, in dem Marcin Otulak drei Jahre lang gearbeitet hat, blickt er auf die anglikanische Hauptkirche von Belfast und die Berge dahinter. "Die Umgebung ist wunderschön", schwärmt der 34-Jährige. Entlang der Nordküste gibt es wilde Landschaften: bizarre Felsformationen, den rauen Ozean; Gras- und Mooslandschaften, wenig Bäume, viele Schafe. Wegen der Wetterwechsel und der schlechten Straßen ist Otulak in seiner Freizeit vom Inline-Skaten zum Wandern übergegangen. "Die Sommer waren so verregnet, dass ich mir oft gesagt habe: Hier kann ich nicht bleiben."

Gerade hat Otulak von seiner Entlassung erfahren. "Der Arbeitsmarkt für Architekten ist innerhalb eines halben Jahres zusammengebrochen", sagt er. "Entlassungen oder Gehaltskürzungen sind an der Tagesordnung." Otulak ist in Warschau geboren und im Rheinland aufgewachsen. Nach dem Studium in Aachen und Krakau suchten er und seine polnische Freundin einen Ort für ein gemeinsames Leben. In Polen hätten sie zu wenig verdient, der deutsche Arbeitsmarkt war für die Freundin aus Osteuropa gesperrt.

Kriminalität ist ein Problem

In Nordirland boomte die Bauindustrie. Drei Jobinterviews brachten Otulak drei Angebote ein. Belfasts industriell geprägtes Stadtbild gefiel ihm zwar nicht besonders, "aber rund 20 Prozent des Zentrums waren zur Neuplanung ausgeschrieben, diese Visionen haben mich ermutigt, herzukommen". Otulak wirkte mit beim Bau von Wohnungen, Hotels und einem überdachten Shopping-Viertel. Er findet die Nordiren sehr freundlich, aber oberflächlich. "Sie kennen oft nur ihr Land und haben einen begrenzten Blick."

Er wohnt zentrumsnah in einer Siedlung mit fast identischen Ziegelhaus-Zeilen. "Die Kriminalität ist ein Problem", sagt er. "Man lernt schnell, in welche Straße man nicht gehen darf. Ein deutscher Freund wurde wegen seines Akzents mit Flaschen beworfen. Dauernd wird eingebrochen, am helllichten Tag wurde mein Autoradio geklaut." Dennoch sei die Lage nicht vergleichbar mit der vor dem Karfreitagsabkommen von 1998, das die 30 Jahre andauernde Gewalt zwischen Katholiken und Protestanten beendete und Investoren und Immigranten ins Land lockte. Doch durch den Sinkflug des Pfundes sei Nordirland nicht mehr so interessant. "Mittlerweile würde ich in Deutschland locker mehr verdienen."

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