Onlineschule Wenn die Schule zum Schüler kommt

Die Brüder der Teenie-Band Tokio Hotel haben den Fernunterricht bekannt gemacht. Ihre Online-Schule entdeckt eine neue Klientel.

Kirstin von Elm | Handelsblatt | , aktualisiert


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Wo Wickie unterrichtet wird

Wo geht eigentlich Kinderheld Wickie zur Schule? In der Zeichentrickserie sieht man den Wikingerjungen nie auf einer Schulbank – dazu ist er viel zu viel unterwegs.

Ein Problem, das Jonas Hämmerle gut kennt: Der 14-Jährige spielt den Wickie in Bully Herbigs erfolgreichen Kinofilmen. Eigentlich besucht er in Berlin eine reguläre Schule, doch während der Dreharbeiten blieb dazu keine Zeit.

Also schrieb Jonas sich vorübergehend an der Web Individualschule in Bochum ein. Denn: An der privaten Schule findet kein Präsenzunterricht statt.

Lernen per Internet

Die Schüler werden per Telefon, Skype, E-Mail und Internet unterrichtet. Einen festen Stundenplan oder feste Unterrichtszeiten gibt es nicht, auch keine Noten oder Zeugnisse. Jeder Schüler erhält stattdessen – für Gebühren ab monatlich 800 Euro – ein individuelles Lernprogramm.

Einzig für die Abschlussprüfungen müssen die Schüler anreisen, denn die werden an einer staatlichen Partnerschule abgelegt. Die Webschule bereitet auf Abschlüsse bis zum Fachabitur vor.


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Fernschulen nicht nur für Erwachsene

Hervorgegangen ist die 2002 gegründete staatlich anerkannte Fernschule aus der Jugendhilfe. Denn in der Regel haben private Fernschulen berufstätige Erwachsene als Zielgruppe. Fernunterricht für schulpflichtige Kinder und Jugendliche ist wegen der Schulpflicht die Ausnahme.

So bietet die Deutsche Fernschule in Wetzlar zwar Fernunterricht für deutsche Grundschüler an, aber nur wenn diese mit ihren Familien im Ausland leben. Für ältere Kinder hat das Auswärtige Amt gemeinsam mit der Fernschule ILS Auslandsunterricht entwickelt.

Voraussetzung für eine Aufnahme an der Web Individualschule ist deshalb die Befreiung von der Schulpflicht. Die bekommen etwa Kinder und Jugendliche, die wegen psychischer Probleme oder wegen einer Jugendstrafe nicht am Unterricht teilnehmen können.

Zu jeder Zeit, an jedem Ort lernen

Laut der staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht gibt es mit der Flex-Fernschule in Breisach für Kinder mit Lernschwierigkeiten nur eine vergleichbare Bildungsinitiative. Doch auch für Schüler wie Jonas Hämmerle ist das Angebot, zu jeder Zeit und an jedem beliebigen Ort zu lernen, interessant.

Das spüren auch die Anbieter. "Vor fünf, sechs Jahren hat sich unsere Klientel völlig gedreht", sagt Schulleiterin Sarah Lichtenberger. Damals bescherten die Brüder Kaulitz von der Band Tokio Hotel der Schule einen Medienrummel. Die Zwillinge haben sich dort auf ihren Realschulabschluss vorbereitet.


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Jungschauspieler als neue Kunden

Auch aus wichtigen Gründen können Eltern ihre Kinder von der Schulpflicht beurlauben lassen – etwa für eine künstlerische oder sportliche Karriere.

Inzwischen sind unter den rund 60 Schülern neben Diplomaten- und Managerkindern, die mit ihren Eltern im Ausland leben, auch Nachwuchssportler wie der Tennisspieler Lynn Max Kempen oder eben Jungschauspieler, die während der Dreharbeiten nicht zur Schule gehen können.

Der Einstieg ist jederzeit möglich, die üblichen Ferienzeiten entfallen, Schüler und Lehrer sprechen sich einfach ab. Nur zehn bis zwölf Schüler betreut jeder Bochumer Lehrer und das in allen Fächern.

Der Service hat seinen Preis

Natürlich hat der Service seinen Preis: Rund 800 Euro zahlen die Schüler je Monat. Wer zu ungewöhnlichen Zeiten oder mit den Materialien seiner alten Schule lernen möchte, zahlt einen Aufpreis.

Für Problemschüler übernimmt meist das Jugendamt das Schulgeld. Wickie & Co. müssen es von ihrer Gage abzwacken.

Zuerst veröffentlicht auf handelsblatt.com

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