Das Erfolgsportal von
Handelsblatt & WirtschaftsWoche
Alles, was erfolgreich macht.

Oliver Hochedez "In Haiti betreiben wir Nothilfe"

Das Technische Hilfswerk hat 15 Spezialisten nach Haiti geschickt. Im Interview erzählt Oliver Hochedez aus dem THW-Leitungsstab, wie die Helfer arbeiten und mit der Belastung umgehen.

Tina Groll / Zeit.de | , aktualisiert

ZEIT ONLINE: Herr Hochedez, das Technische Hilfswerk hat Katastrophenhelfer nach Haiti entsandt. Wie viele Leute sind im Einsatz – und welche Berufe haben sie?
Oliver Hochedez: Wir haben 15 Spezialisten im Einsatz. Das sind Hauptamtliche, aber auch Ehrenamtliche. Alle Kräfte sind sehr erfahren. Die waren nach dem Hurrikane in New Orleans im Einsatz, nach den Erdbeben in Pakistan und auch nach dem Tsunami in Südostasien. Diese Leute haben alle eine spezielle Ausbildung. Sie haben Lehrgänge beim THW, den UN und der EU durchlaufen und sind gut vorbereitet auf die Belastungen, die sie erwarten. Das Team besteht aus Ingenieuren, Chemikern, Hochbauspezialisten. Sie werden sich um die Wasseraufbereitung kümmern.

Was erwartet die Leute vor Ort? Arbeitet das Team allein oder sind sie eingebunden in internationale Teams?
Die UN übernimmt die Koordination für alle internationalen Hilfsteams. Auch wenn der eigene Stützpunkt in Port-au-Prince eingestürzt ist, hat die UN einen Treffpunkt eingerichtet, an dem sich alle Rettungsteams melden. Im Koordinierungsbüro gibt es dann Meetings, es werden Cluster aufgestellt. Die eine Hilfsorganisation kümmert sich beispielsweise um Nahrungsmittel, die andere um die Wasseraufbereitung und den Aufbau sanitärer Anlagen, wieder andere kümmern sich um die Logistik und noch andere um die Versorgung der Verletzten, um die Bergung der Verschütteten. In Koordinierungstreffen werden die Rettungsarbeiten abgestimmt.

Wie verständigen sich die Hilfsteams?
Zumeist auf Englisch – und in diesem Fall auch auf Französisch.

Wo sind die deutschen Helfer untergebracht?
Das Team ist weitgehend autark. Sie haben Zelte und Verpflegung dabei, denn es ist nicht zu erwarten, dass diese elementaren Dinge vor Ort vorhanden sind. Außerdem arbeitet unser Team mit der Deutschen Botschaft vor Ort und den Vereinten Nationen zusammen.

Wie sind die Helfer geschützt, was müssen sie an Sicherheitsregeln beachten? Der Einsatz kann doch sehr gefährlich sein, wenn es zu Nachbeben kommt oder zu Plünderungen.
Unsere Leute haben viele Speziallehrgänge durchlaufen, sie haben Sicherheitstrainings gemacht, wissen genau, worauf sie zu achten haben.

Wie gehen die Retter mit der psychischen Belastung um?
In diesem Fall haben wir niemanden dabei, der seinen ersten Katastropheneinsatz hat. Die Einsatzleiter haben langjährige Erfahrung, sie wissen die Situation einzuschätzen. Sollte doch ein Retter feststellen, dass er der Situation nicht gewachsen ist, kann er den Einsatz jederzeit abbrechen. Einen Abbruch hat es bislang aber nur einmal gegeben, aber nicht wegen der psychischen Belastung, sondern wegen einer Grippe. Außerdem werden unsere Leute psychologisch betreut. Vor dem Einsatz und auch lange Zeit danach, wenn sie dies wollen. Das THW hat Einsatznachsorgeteams aufgestellt, die sich um Einsatzkräfte, die aus einem Nothilfeeinsatz kommen, kümmern. Manche stecken die Bilder, die man bei einer solchen Katastrophe sieht, leicht weg, bei anderen kommen sie immer wieder hoch. Darum ist die intensive Nachbetreuung sehr wichtig. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Man hat eine Theorie, wie es vor Ort sein wird, dann kommt man an und sieht wirklich, wie es ist. Und plötzlich tritt ein Mechanismus ein: Man arbeitet sehr konzentriert und schaltet einfach ab. Man sieht nur noch die Hilfe, die man leistet.

Wo waren Sie im Einsatz?
Im Kosovo, während des Libanonkrieges 2006 und nach dem Tsunami in Indonesien. Dort habe ich zweieinhalb Jahre lang gearbeitet und beim Wiederaufbau geholfen.

Wussten Sie von Anfang an, dass Sie zweieinhalb Jahre im Ausland leben würden? Wie lange dauern die Einsätze denn gewöhnlich?
Das THW hat verschieden lange Einsätze. Jetzt in Haiti handelt es sich um die Nothilfe, darauf sind wir spezialisiert. In der Regel dauert die Nothilfe einige Wochen, kann sich aber auch verlängern. Dann gibt es eine Übergangsphase und schließlich kommt die Wiederaufbauphase. In Indonesien haben wir Schulen gebaut und uns um die Wasserversorgung gekümmert. Das war eine interessante Zeit.

Hat diese lange Zeit des Wiederaufbaus nach dem Tsunami Ihnen geholfen, mit den schrecklichen Bildern zurechtzukommen?
Ein Bild werde ich nicht vergessen: Als die Wasserversorgung eines Dorfes wiederhergestellt war, rannten die Kinder zur Wasserstelle und haben vor Freude unter dem Wasser getanzt. Da weiß man, weswegen man da ist.

Oliver Hochedez ist Publizist und arbeitet im Leitungsstab des Technischen Hilfswerks in Bonn.

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die neuesten Karriere-Themen informieren? Sie erhalten 1 bis 2 Meldungen pro Woche.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.karriere.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Ab sofort bleiben Sie bei den aktuellsten Karriere-Themen auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 2 Meldungen pro Woche.
Lade Seite...