Österreich Graz: Die Idylle begeistert Deutsche

Der Alltag in Österreichs zweitgrößter Stadt ist "geschmeidiger" als in Deutschland. Katja Petek überraschte zunächst das Provinzielle, dann begeisterte sie die Idylle. Als promovierte Psychologin schaut sie ins Innere der Grazer. Martin Schüßler arbeitet in der PKW-Forschung, liebt die Altstadt, die Nähe zu den Bergen und die österreichische Sprache.

Tobias Heyer | , aktualisiert

Katja Petek stellt jedem, der sie besucht, die "Patschen vor die Füße". Patschen, das sind Hauspantoffeln, die nicht nur Freunde, sondern auch die Patienten der promovierten Psychologin tragen, wenn sie Katja Peteks Praxisräume im eigenen Haus besuchen. "Daran musste ich mich auch erst gewöhnen, aber das ist hier überall so. Inzwischen ist das auch für mich ganz normal geworden", erzählt die junge Frau, die vor sechs Jahren nach Graz kam. Nach ihrem Studium in Salzburg und Berlin kam sie zurück nach Österreich, in die zweitgrößte Stadt. "Anfangs erschien schon alles provinzieller und ländlicher", erinnert sie sich. Doch das Bild wandelte sich, nach kurzer Zeit schon gefiel ihr die idyllische Umgebung: "Wenn der Bauer mit der Sense auf der Alm steht oder per Hand Käse herstellt, das hat schon was."

Strudel als Entschädigung

So groß die Unterschiede in der Landschaft sind, so klein sind sie im Beruf. "In der selbstständigen Arbeit als Psychologin gibt es zwischen den beiden Ländern kaum Unterschiede", erklärt Petek. Nur beim Wechsel während des Studiums sei Vorsicht geboten. "Anerkannt wird hier von der deutschen Ausbildung kaum etwas", warnt die 36-Jährige. Ihr Doktortitel ist in Österreich sehr wichtig, erzählt die zweifache Mutter. So wichtig, dass selbst ihr Mann manchmal mit "Herr Doktor" angesprochen wird. Nur eins fehlt der Deutschen: "Echte Weizenbrötchen kann hier keiner backen." Dafür entschädigten aber die Strudel in jeglicher Zubereitungsform: "Ich wusste gar nicht, dass es so viele verschiedene Varianten gibt - und jede schmeckt auf ihre Art gut", schwärmt die gebürtige Ostwestfälin.

Freilich sei das Leben in Graz teuer. Trotzdem hat sich Petek ein Dirndl gekauft: "Natürlich keins mit Puffärmeln, sondern ein eher traditionell-zurückhaltendes." Das zieht sie an Festtagen an, etwa wenn in der Stadt der Maibaum aufgestellt wird. Dann schlüpft auch der Sohn in eine Lederhose - ganz zur Freude der Großeltern, die regelmäßig aus Deutschland anreisen. Nur an eine österreichische Besonderheit könnten sich die Großeltern einfach nicht gewöhnen: "Sie rennen mit ihren Schuhen durch das ganze Haus. Meine Patschen ziehen sie einfach nicht an."

So schnell bingt mich hier nichts mehr weg", sagt Martin Schüßler. Der promovierte Physiker kam vor sechs Jahren in die Landeshauptstadt der Steiermark. Heute ist er Abteilungsleiter bei einem privaten Entwicklungsdienstleister in der Automobilbranche. Dort kümmert er sich um sogenannte Abgasnachbehandlungssysteme - und das natürlich auf die österreichische Art. "Hier wird im Vergleich zu Deutschland alles viel diplomatischer gelöst", erklärt er. In Vorgesprächen werde ausgeräumt, was zu Konflikten führen könnte, nicht in den großen Meetings. Irgendwie sei das "geschmeidiger", vor allem aber werde so vermieden, dass in der großen Runde jemand bloßgestellt werde. Gerade in personellen Fragen sei dies von Vorteil. "Wenn es aber um technische Entscheidungen geht, wundert man sich dann manchmal doch, was alles vorab schon festgelegt wurde", sagt der 42-Jährige.

Die Altstadt ist das Herzstück von Graz

Seine Kollegen sind schnell zu Freunden geworden. "Es ist einzigartig, wie aufgeschlossen, freundlich und offen man hier als Zugezogener aufgenommen wird." Graz ist für Martin Schüßler die schönste Stadt, in der man leben kann - auch wenn Miete, Autos und Grundstücke teurer sind als in Deutschland. Im Krieg blieb Graz fast unversehrt, 1999 wurde die Altstadt mit ihren labyrinthartigen Gassen rund um den Schlossberg wegen ihres hervorragend erhaltenen Kerns von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt. Seinen Besuchern zeigt Schüßler immer die Innenstadt. Meist geht es dann zuerst auf die Murpromenade und abends in die Spor- und Herrengasse.

Das Haus des Physikers steht am östlichen Stadtrand, im Stiftingstal. Morgens fährt der Deutsche mit dem Fahrrad zur Arbeit, erfreut sich am "schönen Wetter, das Deutschland ganz schnell vergessen lässt". In seiner Freizeit fährt er oft in die Natur, am liebsten zu seinem Hausberg, dem 1500 Meter hohen Schökl. Wer es höher mag, muss 45 Minuten Fahrt einrechnen. "In dieser Zeitspanne ist man von uns aus allerdings schon in Slowenien, ein richtig spannendes Ausflugsziel." Verlassen will der Deutsche Graz nicht mehr, dafür hat er auch die Sprache zu sehr lieben gelernt: "Wenn meine Kinder von der Jausen oder vom Laiberl sprechen, dann finde ich das wunderbar. Dann klingt das irgendwie viel netter als das harte Hochdeutsch", sagt Schüßler.

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