Öffentlicher Dienst Der Staat will Sie!

Das Bild der grauen Behörde ist überholt. Manche Vorurteile werden zwar noch immer bestätigt, doch neue Jobs verbessern stetig das Image. Der öffentliche Dienst hat sich zum attraktiven Arbeitgeber gewandelt - und ist gerade in der Krise eine echte Alternative.

G. Brandenburg, D. Heide, S. Hergert, S. Wimmer, M. Haerder | , aktualisiert

Schreibtische voller Aktenordner, "Mahlzeit"-Rufe, die über lange Flure hallen, verwaiste Büros nach 16 Uhr. Wer an den öffentlichen Dienst denkt, hat sofort Bilder vor Augen. Weit kommt man mit diesen Klischees aber nicht. Schon gar nicht, wenn es um Karrierewege geht. Denn dafür ist Deutschlands größter Arbeitgeber (4,5 Millionen Mitarbeiter) zu vielfältig. Er bietet die klassische Verwaltungslaufbahn in einer Behörde, darüber hinaus aber noch viele andere Aufgaben.

Katja Kunde etwa darf sich als Unternehmensberaterin sehen. Seit Februar dieses Jahres ist sie Projektmanagerin bei der Gesellschaft für Entwicklung, Beschaffung und Betrieb (Gebb), einem Unternehmen des Bundesverteidigungsministeriums. Ihr Projekt: Sie arbeitet daran, die Logistik der Bundeswehr zu modernisieren.

Dass sie jetzt für den Staat arbeitet, ist eine Folge der Wirtschaftskrise. Im Sommer 2008 sah sie die ersten Anzeichen. Ihrem Arbeitgeber, einem Chemiekonzern aus dem Rheinland, ging es schlecht, viele Kollegen verließen das Unternehmen. Kunde blieb nicht untätig und sah sich ebenfalls nach einer neuen Stelle um. Die 29-Jährige, die zuvor an der Universität Köln und in Melbourne BWL mit Schwerpunkt Logistik studiert hatte, schrieb 15 Bewerbungen und wurde zu immerhin acht Vorstellungsgesprächen eingeladen. Am Ende lagen ihr zwei konkrete Angebote vor, "beide waren sehr spannend". Kunde hatte die Wahl: freie Wirtschaft oder Staat. Sie entschied sich für den Staat. Kunde sagt: "Ich wollte eine attraktive Aufgabe und vor allem einen sicheren Job." Beides glaubt sie in Köln bei Gebb gefunden zu haben.

Gut ausgebildete junge Leute wie Katja Kunde hat der öffentliche Dienst bitter nötig, denn das Personal ist im Durchschnitt zu alt und der Bedarf an Fachkräften groß. Wie hoch der Bedarf ist, zeigt schon der Blick auf die Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA). Im Juni 2008, noch vor Beginn der Krise, meldete die BA 27777 offene Stellen bundesweit für den öffentlichen Dienst, im Juni 2009 waren es bereits 30647 - ein Plus von mehr als zehn Prozent. In einigen Arbeitsamtsregionen fiel der Zuwachs noch viel deutlicher aus. So meldete die Agentur für Arbeit in Bonn für denselben Zeitraum ein Plus von gut 38 Prozent, deren Hamburger Kollegen konnten sogar 41 Prozent mehr Stellen für den öffentlichen Sektor vorweisen.

Die Stellenbörse des Bundesverwaltungsamtes (www.bund.de) hatte 2008 täglich noch rund 200 Ausschreibungen gelistet. Im August 2009 waren es täglich knapp 600. Junge Kräfte sollen in den kommenden Jahren die personellen Lücken schließen. Dabei haben Staat und Kommunen dieses Problem selbst geschaffen. Über viele Jahre hinweg wurden massiv Stellen abgebaut, um Kosten einzusparen. Schlankere Strukturen wurden vor allem durch verbesserte elektronische Verwaltungsarbeit möglich. Dazu kam die Privatisierung kommunaler Krankenhäuser. 1991 zählte der öffentliche Dienst 6,7 Millionen Personen, 2008 waren es nur noch 4,5 Millionen.

Diese Zahl allein wäre kein Problem, doch der Stellenabbau wurde mit einer sehr zurückhaltenden Einstellungspolitik umgesetzt. Der Nachwuchs blieb außen vor. Das Resultat ist eine besorgniserregende Altersstruktur. Von einer "kollektiven Vergreisung der Verwaltung" spricht Christoph Reichard, der bis 2006 Public Management an der Universität Potsdam lehrte. Durchschnittlich 27 Prozent der Beschäftigten der Länder im höheren Dienst sind 55 Jahre und älter, werden also in wenigen Jahren aus dem Dienst ausscheiden. Reichard schätzt, dass mittelfristig jede dritte Stelle neu besetzt werden muss.

Die öffentlichen Arbeitgeber müssen also reagieren. Und auch wenn es paradox klingt, die Krise scheint kein schlechter Zeitpunkt zu sein, um Talente zu rekrutieren. In der Vergangenheit unterlag die öffentliche Verwaltung wegen der schlechteren Bezahlung regelmäßig der Konkurrenz aus der privaten Wirtschaft. Doch zum einen haben viele Unternehmen - etwa SAP und Adidas - einen Einstellungsstopp verhängt oder die Zahl der Neueinstellungen drastisch reduziert, zum anderen suchen viele Absolventen derzeit weniger nach üppigen Gehältern als vielmehr nach einem sicheren Job. Ein Pluspunkt für den öffentlichen Dienst. Er gilt als sicherer und zuverlässiger Arbeitgeber. Arbeitspsychologe Stefan Grünwald will gar einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel entdeckt haben: "In der Vergangenheit war es für junge Leute ein absolutes No-go für den Staat zu arbeiten. Aber die Generation, die in den 90er-Jahren aufgewachsen ist, denkt viel pragmatischer."

Einer Studie der Online-Jobbörse Stepstone zufolge können sich gegenwärtig 78Prozent der bundesweit befragten 2200 Fach- und Führungskräfte eine Tätigkeit im öffentlichen Dienst gut vorstellen. Einige Behörden verzeichnen bereits einen auffällig starken Andrang: Im ersten Halbjahr 2008 bewarben sich beim Bundesinnenministerium 530 Absolventen, zumeist Juristen, für eine Beamtenlaufbahn im höheren Dienst. In den ersten sechs Monaten waren es mehr als doppelt so viele Bewerber - nämlich 1300.

Peter Heesen, Vorsitzender des Deutschen Beamtenbundes, sieht sich bestätigt: "Die derzeitige Krisensituation ist auch eine Chance. Absolventen, für die sonst der öffentliche Dienst vielleicht nicht infrage gekommen wäre, entscheiden sich für einen sicheren Job. Wir haben vorgeschlagen, jetzt quasi über den Durst zu trinken, also antizyklisch mehr einzustellen, um diese günstige Lage auszunutzen."

Trotz ziemlich leerer Kassen wird also aufgerüstet. Auch Kienbaum-Berater Hilmar Schmidt hält diese Strategie für notwendig: "Der öffentliche Dienst muss jetzt reagieren, denn wenn sich die Wirtschaft erholt und der Demografiewandel fortschreitet wird das Problem noch größer." Da der Sicherheitsaspekt für viele Absolventen vorrangig sei, "sollte man diesen Trumpf offensiv ausspielen". Schmidt ist sich sicher, dass viele Akademiker auch bei anziehender Konjunktur dem öffentlichen Dienst erhalten bleiben: "Wer sich eingewöhnt hat und die Strukturen zu schätzen weiß, wechselt oft nicht mehr."

Arbeitgeber mit vielen Facetten

Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff öffentlicher Dienst? Es ist ein riesiger Apparat mit unzähligen Aufgaben. 1,9 Millionen Mitarbeiter beschäftigten allein die Länder, rund 1,3 Millionen die Gemeinden und 462000 Beamte und Angestellte arbeiten beim Bund. Hinzu kommen noch rund 47000 Mitarbeiter im Bundeseisenbahnvermögen und etwa 790 000 im mittelbaren öffentlichen Dienst - wie der Bundesagentur für Arbeit, der deutschen Bundesbank, den Sozialversicherungsträgern, Anstalten und Körperschaften.

Die Arbeitsmöglichkeiten sind vielfältig: Neben der öffentlichen Verwaltung gibt es Jobs in der Energieversorgung, der Wissenschaft, Bildung und Forschung, Gesundheit, bei Vereinen, Verbänden und Stiftungen, bei Sparkassen, Landes- und Bundesbanken oder Versicherungen. Die Bandbreite reicht vom Kanalarbeiter bis zum Nuklearmediziner, von der Kita-Erzieherin über den Bundeswehr-Offizier bis hin zum Staatssekretär im Finanzministerium.

Im höheren Dienst der Verwaltung gibt es traditionell ein Monopol der Juristen, allerdings werden Absolventen anderer Fachrichtungen viel stärker nachgefragt. Auf der Wunschliste ganz weit oben stehen Ingenieure und IT-Fachleute, aber auch Naturwissenschaftler und Betriebswirte. Peter Heesen sagt: "Der öffentliche Dienst braucht auch Volkswirte und Wirtschaftswissenschaftler. Dass wir uns in Wirtschaftsfragen Rat von außen holen müssen, ist nicht Sinn der Sache."

Beamter müsste man sein

Die Geborgenheit, in der Beamte vermeintlich schwelgen dürfen, ist legendär. Und in der Tat muss sich Sandra Ewig um ihre Altersvorsorge bald wohl keine Sorgen mehr machen. Die 28-Jährige arbeitet als Richterin am Sozialgericht in Stuttgart. Ihre Probezeit dauert bis zum Frühjahr 2012, nach einem weiteren Eignungstest und einem eingehenden Gesundheitscheck beim Amtsarzt wird sie Beamtin auf Lebenszeit. Ewig sagt: "Mir gefallen die Vielfältigkeit des Berufs und die hohe Verantwortung, die man von Beginn an trägt." Den Sicherheitsaspekt weiß sie aber ebenfalls zu schätzen. Beamter zu sein hat einige Vorzüge, denn so kommt man in den Genuss einer lebenslangen Versorgungsgarantie als Lohn für die Treuepflicht gegenüber dem Dienstherren. Beamte zahlen keine Beiträge zu Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Sie bekommen ein Ruhegehalt nach ihrem Ausscheiden, das bis zu 71,75 Prozent der zuletzt gezahlten Bezüge beträgt. Auf diese Weise soll auch Korruption ausgeschlossen werden.

Normalerweise entscheidet man sich frühzeitig für ein Beamtenverhältnis, absolviert einen zweijährigen Vorbereitungsdienst, wird dann für mindestens zwei Jahre auf Probe eingestellt und schließlich zum Beamten auf Lebenszeit ernannt. Die Ernennung bedeutet auch, dass Beamte keinen Arbeitsvertrag haben, sie können also nicht kündigen, sondern nur ihre Entlassung beantragen. Gleichzeitig können sie auch nicht gegen ihren Willen entlassen werden - es sei denn, es gibt ein Disziplinarverfahren gegen sie oder sie sind zu einer Freiheitsstrafe von über einem Jahr verurteilt worden.

Beamte finden sich heute meist dort, wo es darum geht, das staatliche Gewaltmonopol auszuüben, also bei der Polizei, Feuerwehr, in der Zoll- und Steuerverwaltung und bei der Justiz. Auch die Leitungsfunktionen in den obersten Bundes- und Landesbehörden und der Diplomatische Dienst sind mit Beamten besetzt.

Streiken dürfen nur Angestellte

Die Zeiten, als noch jeder hinterm Postschalter verbeamtet wurde, sind aber nicht nur wegen der Privatisierung passé. Beamte machen nur noch ein gutes Drittel der Beschäftigten im öffentlichen Dienst aus. Den größten Teil bilden Arbeiter und vor allem Angestellte. So haben einzelne Länder neue Weinkontrolleure oder Gesundheitsaufseher nicht mehr zu Beamten ernannt, immer öfter - gerade in den neuen Bundesländern - betrifft das auch Lehrer oder Hochschullehrer. Häufig erledigen in Ämtern und manchen Schulen Angestellte und Beamte die gleiche Arbeit - werden dafür aber unterschiedlich entlohnt und haben unterschiedlich hohe Altersbezüge. Auch die soziale Absicherung ist bei Angestellten bei weitem nicht so ausgeprägt. Ein Angestellter ist erst nach 15 Jahren im Dienst quasi unkündbar. Dafür hat er allerdings das Recht zu streiken, zudem sind seine Arbeitszeiten und Zuschläge im Tarifvertrag festgeschrieben. Beamten kann es passieren, dass ihre Wochenarbeitszeit um ein bis zwei Stunden verlängert wird, wenn esder Dienstherr fordert.

Befristete Arbeitsverträge für Angestellte sind vor allem an den Universitäten und Hochschulen mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme. Häufig fehlt das Geld aus öffentlichen Kassen, um die Mitarbeiter unbefristet einzustellen. Der Vertrag von Jan Willem Coenen, 29, zum Beispiel läuft ein Jahr - bis Mai 2010. "Noch stört mich das nicht. Aber manche Kollegen haben Familie, die wünschen sich natürlich eine Festanstellung." Der promovierte Physiker arbeitet in der Energieforschung am Forschungszentrum Jülich, dessen Gesellschafter der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen sind. Coenen schätzt das gute Arbeitsklima und seine Freiheiten. Er hat eine 40-Stunden-Woche und kann sich die Zeit flexibel einteilen. Er verdient etwa 50000 Euro im Jahr. In der freien Wirtschaft, gerade bei den großen Energiekonzernen, würde er deutlich mehr verdienen. "Dafür hätte ich aber auch mehr Stress und weniger Privatleben."

Keine großen Gehaltssprünge

Wahr ist: Wer sich für den öffentlichen Dienst entscheidet, muss Abstriche beim Gehalt in Kauf nehmen. "Bei Berufseinsteigern sind die Unterschiede nicht so gravierend. Im späteren Berufsleben aber werden die erfolgreichen Kandidaten in der freien Wirtschaft deutlich besser bezahlt", sagt Peter Herrendorf von der Personalberatung Odgers Berndtson. "Dafür weiß man im öffentlichen Dienst langfristig, wie sich das Einkommen entwickelt und darf bei Beamten auch die Pension nicht außer Acht lassen." Hochschulabsolventen arbeiten als Beamte zumeist im gehobenen und höheren Dienst und bekommen zunächst alle zwei Jahre mehr Geld, später alle drei, dann alle vier Jahre. Bei der Vergütung stehen Beamte zumeist besser da als die Angestellten, schon deshalb, weil sie keine Sozialversicherungsbeiträge zahlen müssen. Peter Freitag etwa ist Leiter des Rechtsamtes im Main-Tauber-Kreis und mit seinem Einkommen zufrieden: "Das Gelübde der ewigen Armut legt man sicher nicht ab."

Das Beamtengehalt variiert nach Bund, Land und Kommune. Ein Bundesbeamter der Besoldungsgruppe A13 - das entspricht zum Beispiel einem Regierungsrat - erhält anfangs ein Grundgehalt von 3416 Euro, wovon ihm netto 2662,55 Euro bleiben. Ein Landesbeamter in Baden-Württemberg bekommt mit A13 insgesamt 3222,63 Euro brutto, sein Kollege in Hamburg (ebenfalls A13) geht mit 3064,97 nach Hause.

Die Bezahlung der Angestellten im öffentlichen Dienst basiert einerseits auf den Tarifverträgen für den Bund sowie andererseits auf den Tarifverträgen der kommunalen Arbeitgeber in den Städten, Gemeinden und Landkreisen. Diese Verträge werden zudem nach den Tarifgebieten West und Ost unterschieden. Zudem gibt es weitere spezielle Regelungen, etwa für Krankenhäuser, Sozialdienste, Sparkassen und den Nahverkehr. Fachhochschul- und Bachelorabsolventen werden in die Entgeltgruppen E9 bis E12 eingestuft, was beim Bund ein Anfangsgehalt zwischen 2237,38 Euro und 2723,86 Euro bedeutet. Hochschul- und Masterabsolventen (E13 bis E15) erhalten zwischen 3038,64 Euro und 3639,58 Euro.

Es kommt jedoch auch vor, dass Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst ihr Gehalt frei verhandeln. So wie Katja Kunde, die als Projektmanagerin bei der Bundeswehr-Tochter Gebb arbeitet und jetzt mehr verdient als zuvor in der freien Wirtschaft. Kunde sagt: "Auch in dieser Hinsicht hat sich der Wechsel gelohnt."

Paragrafenreiter oder Dienstleister?

Das Image des öffentlichen Dienstes ist verbesserungswürdig. Gerade beim Stichwort Verwaltung taucht vor dem geistigen Auge oft die graue und hässliche Behörde auf, in der Männer mit Ärmelschonern ihre Zeit totschlagen und erfolgreich der Arbeit aus dem Weg gehen oder Aktenvermerke auflisten. Eine Vielzahl von Beamtenwitzen pflegt diese Klischees. Manche Vorurteile werden bestätigt.

Ines B. arbeitete bei einem Pharmaunternehmen, ist erst seit drei Monaten Angestellte im öffentlichen Dienst und klagt schon jetzt über "zu viele Hierarchien, unflexible Strukturen, langsames Arbeiten und Vetternwirtschaft". Thomas Eßer, Bereichsvorstand bei Steria Mummert Consulting, kennt die Schattenseiten: "An vielen Stellen gibt es sicher noch zu viel Bürokratie." Auch Professor Reichard sieht den Spielraum der Mitarbeiter häufig irrsinnig gegängelt durch überregulierte Vorschriften und Regelungen. Man müsse den Mitarbeitern mehr Handlungsspielraum geben und so die Motivation verbessern.

Ein zweites großes Problem ist der mangelnde Austausch zwischen Staatsdienst und freier Wirtschaft. Dass Beamte und Angestellte später in Unternehmen wechseln, ist eher selten. Ganz anders als etwa in Großbritannien und den USA, wie Peter Herrendorf von Odgers Berndtson erläutert. Es gebe Vorbehalte, und der öffentlichen Dienst habe noch immer ein "verstaubtes Image". Andererseits wird es sich ein Beamter reiflich überlegen, ob er wechseln möchte. Denn wer um seine Entlassung bittet, büßt ziemlich sicher einen Großteil seiner Altersansprüche ein.

Wenig flexibel zeigt sich der öffentliche Dienst auch im umgekehrten Fall. Quereinsteiger, die man in vielen Bereichen sucht, können nicht mehr verbeamtet werden, wenn sie über 35 Jahre alt sind. Nur wenn für bestimmte Positionen händeringend gesucht werden, weichen manche Länder von dieser Praxis ab - beispielsweise bei Lehrern in berufsbildenden Schulen, die gerade in technischen Fächern auch jenseits der 40, in Hessen sogar bis 50 verbeamtet werden dürfen.

Alles in allem sehen die Experten den öffentlichen Dienst aber auf einem guten Weg. Thomas Eßer sagt: "In den vergangenen Jahren ist vieles moderner geworden." In einigen Bereichen haben sich die öffentlichen Arbeitgeber der Privatwirtschaft schon angeglichen. Laut Kienbaum-Studie nutzt immerhin jede zehnte Kommune die leistungsorientierte Bezahlung und honoriert Erfolge ihrer Mitarbeiter. Die variable Vergütung kann bis zu acht Prozent vom Gesamtgehalt betragen. Stichwort E-Government: Die Technik ermöglicht neue Formen der Dienstleistung. Schon heute funktioniert die Kfz-Abmeldung in vielen Gemeinden online. IT-Fachleute werden auch weiterhin gesucht.

Dank der ersten Föderalismusreform kann jedes Bundesland nun seine eigene Personalpolitik machen. Die norddeutschen Küstenländer haben aus vier Laufbahnen zwei gemacht - eine für Einsteiger mit Studium, eine ohne. In anderen Ländern gibt es ähnliche Pläne. Bayern überlegt gar, die Laufbahngruppen völlig aufzugeben. Das heißt allerdings auch, dass die Länder jetzt verstärkt um Absolventen buhlen können - mit höheren Einstiegsgehältern zum Beispiel. Schon jetzt werben einzelne Länder verstärkt Lehrer ab. "Das wird sich in Zukunft auch in anderen Berufsgruppen abspielen", sagt Christoph Reichard.

Das Nachsehen haben die "armen" Länder in Ostdeutschland und Stadtstaaten wie Bremen, die wegen ihrer angespannten Haushaltslage nicht mit üppigen Gehältern antreten können. Interessant könnte das in der Theorie vor allem für die Absolventen gesuchter Fächer werden, die einige Jahre Berufserfahrung haben. Für sie könnte der öffentliche Dienst attraktiver werden. Wer nicht an seinem Heimatbundesland klebt, hat in Zukunft also noch mehr Chancen.

Kuriositäten: Die Kulifarbe ist Politik!

Glücklich: Staatsdienst macht offenbar zufrieden. Keine andere Berufsgruppe hält sich für so glücklich wie Beamte, ergab eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung. Ihnen scheint es also nichts auszumachen, dass zwei Drittel der Deutschen sie für träge oder gar korrupt hält. Das ist das Ergebnis einer anderen Studie - die im Auftrag des Beamtenbundes angefertigt wurde.

Schriftlich I: Im Beamtenleben existiert nichts, was nicht schriftlich existiert. Alles ist Vorgang, und den ziert stets eine nummerierte Verfügung. Die macht deutlich, wer wann wie was mit einer Sache zu tun hatte. Die Verfügung "1. ChefBK m.d.B.u.Prfg. 2. BK z.K. 3. z.d.A." würde etwa folgendes bedeuten: Erst prüft der Kanzleramtschef (ChefBK) die schriftliche Vorlage, dann geht sie an Bundeskanzlerin (BK) Angela Merkel zur Kenntnisnahme. Am Ende wandert der Vorgang in den vorgesehenen Ordner - zu den Akten.

Witzig: Faul, langsam und störrisch oder einfach nur störrisch, langsam und faul? Eine besonders umfangreiche Sammlung an Beamtenwitzen pflegt Roland Schäfer auf seiner Internetseite www.roland-schaefer.de/beamte.htm. Der Mann weiß, wovon er spricht: Schäfer ist Bürgermeister der Stadt Bergkamen - und selbst Beamter.

Schriftlich II: Um den Aktenumlauf etwas übersichtlicher zu gestalten, unterschreiben und korrigieren die verschiedenen Verwaltungsebenen mit anderen Stiftfarben. Freie Kuli-Wahl ist in der öffentlichen Verwaltung also nicht angesagt. Die Farbe aller Farben ist Grün. Sie ist immer den jeweiligen obersten Dienstherren vorbehalten. Die Stellvertreter darunter zeichnen rot. Nur einer wollte sich dem Farbdiktat nicht beugen: Helmut Kohl. Der griff nie zu Grün, sondern zu Schwarz.

Treu: Ganz genau nehmen es die Bayern. Jeder angehende Beamte hat dort einen Fragebogen zur Prüfung der Verfassungstreue auszufüllen. Kostprobe: "Sind oder waren Sie Mitglied einer oder mehrerer extremistischer oder extremistisch beeinflusster Organisationen?" Auch zu einer möglichen Stasi-Vergangenheit müssen die Beamten in spe schriftlich Stellung beziehen.

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Porträts

Krisenflüchtling

Ironie des Schicksals: Melissa Sommer, 27, verlor ihren Arbeitsplatz und fand einen neuen - bei der Agentur für Arbeit in Aschaffenburg. Seit Februar 2009 betreut sie Arbeitslose bei der Jobsuche. Eine Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. "Ich habe sicher den Vorteil, dass ich weiß, wie sich unsere Kunden fühlen."

Nach ihrem BWL-Studium arbeitete sie zunächst in der Personalabteilung eines Herstellers für Industriekeramik. Doch in der Krise kam für sie das Aus. Bei der Suche nach einer neuen Stelle hatte Sicherheit für Melissa Sommer höchste Priorität, und so wählte sie den öffentlichen Dienst. Bislang ist sie für ein Jahr befristet eingestellt, doch sie rechnet stark damit, dass ihr Vertrag bald um weitere vier Jahre verlängert wird. Sommer ist nicht die einzige Quereinsteigerin in der Behörde. Unter den Kollegen sind auch Biologen, Geologen und Pädagogen. Sie alle durchliefen das Assessment-Center, absolvierten psychologische Tests, wurden in Arbeitsrecht geschult und schauten erfahrenen Kollegen über die Schulter, bevor sie in die Beratung gingen.

60 Prozent ihrer Zeit plant Sommer für Kundengespräche ein, darüber hinaus bearbeitet sie Anträge und sichtet Bewerbungsunterlagen. Ihre Aufgaben sind abwechslungsreich. Vor kurzem wechselte sie auf eigenen Wunsch ins Team, das Arbeitslose unter 25 Jahren betreut. "Das macht viel Spaß. Ich habe einen guten Draht zu den Jugendlichen."

Überzeugungstäter

Über das Image vom schnarchigen Beamten kann Peter Freitag nur lachen. Der 29-jährige Jurist schätzt schnelle Entscheidungen und gute Organisation. Gerne arbeitet er so unbürokratisch wie möglich: "Natürlich haben wir klare Dienstwege, feste Hierarchien, und wir sind an gesetzliche Vorgaben gebunden, aber ich denke doch, dass wir sehr nahe am Bürger sind." Manchmal zu nahe, mögen sich Temposünder und Umweltverschmutzer denken.

Denn dem Leiter des Rechtsamtes im Main-Tauber-Kreis (Baden-Württemberg) untersteht auch die Bußgeldstelle. Zudem beraten er und seine neun Mitarbeiter alle Ämter und Eigenbetriebe des Kreises bei juristischen Fragen. Für Freitag, der in Münster, Freiburg und Speyer studierte, war der Weg in die Verwaltung vorgezeichnet, und er wollte nie etwas anderes machen. Schon seine Eltern arbeiteten im öffentlichen Dienst, der Vater ebenfalls als Beamter, die Mutter als Angestellte. Regierungsrat Freitag sagt: "Für das Gemeinwohl zu arbeiten bedeutet mir viel. Außerdem ist die Absicherung ein großer Vorteil. Gerade in diesen Zeiten hätte ich mich nie selbstständig gemacht."

Endgültig abgesichert ist er allerdings erst, wenn er nach seiner Probezeit zum Beamten auf Lebenszeit ernannt worden ist. Das Kreisamt in Tauberbischofsheim wird er in absehbarer Zeit auch wieder verlassen müssen. Sein Dienstherr, das Land Baden-Württemberg, wird ihn versetzen: zunächst ins Regierungspräsidium, später auch noch ins Ministerium. So sind die Vorschriften.

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