New Work Schöne neue Arbeitswelt?

Feelgood-Manager, Work-Life-Balance und Chefeinladungen zum Tofu-Grillen. Die neue Arbeitswelt wird uns schöner verkauft, als sie ist. Denn in den vergangenen 30 Jahren hat sich nicht viel verändert.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Schöne neue Arbeitswelt?

Foto: luismolinero / fotolia.com

Alles so schön bunt hier: wir arbeiten in der Hängematte mit dem Smartphone, überall nur flache Hierarchien. Alle sind fröhlich (das hat der Feelgood-Manager so angeordnet). Beim "Neuen Arbeiten", "New Work" im Personalersprech, geht es nicht mehr nur darum, täglich seine acht bis zehn Stunden abzureißen, um die Miete bezahlen zu können. Nein, es geht um den Menschen, seine Individualität, seine Ideen, sein Wohlbefinden, seine Selbstverwirklichung. Das "S" in dem Wort Arbeit steht schließlich für Spaß.

Arbeit 4.0 ist ein fiktiver Begriff

Die Idee, die sich hinter "New Work" verbirgt, ist nicht neu: Philosoph Frithjof Bergmann hat den Begriff bereits in den 1980er Jahren geprägt. Er sprach davon, dass Arbeiten kein langweiliger "Nine-to-Five-Job" sein dürfe, sondern sinnstiftend sein müsse. Die Personaler-, Berater- und Coach-Welt tanzt also seit gut zwei Jahren aufgeregt um eine mehr als 30 Jahre alte Idee.

Stefan Kühl, Soziologe und Professor an der Universität Bielefeld, hält auch nicht viel von dem Mode-Arbeitsbegriff: "Arbeit 4.0 ist ein völlig fiktiver Begriff", sagte er bei der Messe Zukunft Personal, die sich ausgerechnet das Thema Arbeiten 4.0 zum Motto gewählt hatte. "So viele neue Trends sind bei der Arbeit 4.0 nicht dabei", sagt er. "IT-Vernetzung war beispielsweise schon in den 1980er Jahren ein Thema."

New Work ist wie die Rückkehr der Jeans mit den zerschnittenen Knien

Das Problem, dass neue Technologien bestimmten Berufen den Garaus machen, gibt es vermutlich auch schon seit Erfindung des Rades. Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) an der Hochschule Ludwigshafen, ergänzt: "Seit den 80er Jahren geht es um Produktionstiefe, Lean-Management, Verschlankung, Auslagerung. Das ist also auch alles nicht neu."

Die gute alte Tele-Arbeit, die beispielsweise BMW mit dem Ziel von Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben einführte, heißt mittlerweile Home-Office. Die erwähnte Vereinbarkeit nennt sich Work-Life-Balance. BMW hat seinen Tele-Mitarbeitern damals dafür übrigens PCs, Faxgeräte und Festnetz-Telefonanschlüsse zu Hause installiert. Davon ist heute so manches Unternehmen, das Home-Office anbietet, noch meilenweit entfernt.

Auch Rump arbeitet seit 15 Jahren immer und überall, sie nennt ihren Rollkoffer ihr Büro. Kühl vergleicht sie die Arbeitswelt deshalb mit der Modebranche: Bei beiden gäbe es Wellenbewegungen. "Nur vergisst man immer wieder, welche Effekte es gab."

Trotzdem heißt es überall, dass sich unsere Arbeitswelt in einem rasanten Wandel befindet. Entsprechend wird sowohl in Unternehmen, Medien als auch in der Politik darüber diskutiert, wie wir in Zukunft arbeiten wollen. Und in vielen Bereichen gibt es tatsächlich Veränderungen. Nur ein Umbruch bedeuten diese eben nicht. "Die Diskussion um New Work ist Evolution, nicht Revolution. Das ist einfach die Wirtschaftsform, die wir uns ausgesucht haben", sagt Stefan Ries, Personalchef bei SAP.

Schattenseiten des technischen Fortschritts

Richtig ist, dass technische Innovationen unsere Arbeit sehr viel schneller und auch leichter machen. Christian Montag, Heisenberg-Professor für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm, hat mehr als 2.000 Personen bei ihrem Medienverhalten am Arbeitsplatz getrackt und dabei herausgefunden, dass uns die Geräte, die wir nutzen, deutlich produktiver machen. "Wir können schneller kommunizieren und Dinge vergleichen", sagt er auf der Messe Zukunft Personal. Aber: "Es gibt einen Scheitelpunkt, ab dem eine zu intensive Nutzung in Unproduktivität umkippt."
 
Mitarbeiter würden zu oft unterbrochen – und zwar nicht nur durch E-Mails. Knapp drei Stunden am Tag, alle 18 Minuten, nutzten Arbeitnehmer ihre mobilen Geräte. 20 Prozent dieser Zeit verbrächten sie mit WhatsApp, zehn Prozent mit Facebook.

Auch der Führungsstil muss sich anpassen

Auch beim Führungsstil gibt es Änderungen, die positive und negative Seiten haben: Mitarbeiter sind nicht mehr nur die Hamster im Rädchen, sie sind geschätzter Teil des Ganzen. Oder wie Wolfgang Brnjak, Leiter der Abteilung Compensation, Benefits & Pension Services bei der Deutschen Telekom, sagte: "Von uns wird erwartet, dass wir die Mitarbeiter einbinden. Wenn sie das Gefühl haben, dass sie etwas mitgestalten, kommen sie gern zur Arbeit." Neue Mitarbeiter brauchten eben auch neue Vorgesetzte und einen neuen Führungsstil.

Das Stichwort in dieser Diskussion: "Flache Hierarchien". Keiner ist so richtig Chef, alle sind gleichberechtigt, jeder bekommt Verantwortung für sein Tun und niemand verteilt herrisch Dienstanweisungen. Das fordere vor allem die junge Generation. Zumindest, so lange alles nach Plan läuft. "Wenn Prozesse schief laufen und Fehler gemacht werden, dann ist es oftmals mit der Verantwortung nicht mehr so weit her", erzählte Diplom-Psychologe Thomas Moldzio.

Kühl sagt, dass beispielsweise Start-ups flache Hierarchien brauchen, "um Mitarbeiter bei Laune zu halten", da in der Anfangsphase eines Unternehmens in der Regel die Gehälter nicht so üppig sind. Man müsse sich jedoch immer im Klaren sein, dass eine weniger Hierarchien zu mehr Machtkämpfen führen, so der Soziologe. Außerdem sei auch in einem Unternehmen mit flachen Hierarchien allen klar, an wen man sich halten muss, um mehr Geld oder Prestige zu bekommen. So werde selbst ohne sichtbare Abgrenzungen nach oben gebuckelt und nach unten getreten.

Am Ende zählt das Ergebnis

Ob es nun neu ist oder nicht – die Vorteile des mobilen Arbeitens liegen auf der Hand: So sagt beispielsweise Brnjak, dass es bei der Telekom um gute Arbeitsergebnisse gehe – sonst nichts. "Dafür müssen Mitarbeiter nicht immer am Schreibtisch sitzen."

Dem stimmt auch Nurten Erdogan bei der Messe Zukunft Personal zu. Sie ist Managing Director und verantwortlich für den Bereich Mergers & Acquisitions – also Transaktionen, Fusionen und Firmenübernahmen bei der Commerzbank. "Ich verhandele viel. Das kann ich per Videokonferenz zwischen Frankfurt und New York machen, das kann ich am Telefon machen. Da spielt es doch keine Rolle, ob ich das im Büro oder zu Hause mache", so Erdogan. "Ich bin dann zwar nicht im Büro, aber ich arbeite doch."

Zwar gebe es noch den sozialen Druck und das Klischee, dass Leute, die nicht zwölf Stunden oder mehr im Büro sitzen, nicht produktiv sein können, wie Cristina Riesen, Europachefin des virtuellen Notizbuchs Evernote, erzählt.Aber: "Manager sehen schnell, ob die Arbeit liegen bleibt."

Insofern setzt sich das flexible Arbeiten in immer mehr Betrieben durch. Auch, weil immer mehr, gerade junge Mitarbeiter diese Flexibilität einfordern. "Du kannst nicht darauf warten, dass dein Chef dich fragt, ob du mehr Zeit mit deinen Kindern verbringen willst", sagt Riesen. Mitarbeiter müssten ihren Vorgesetzten deshalb klar sagen, was sie brauchen.

Doch auch das Büro-Nomadentum hat seine Schattenseiten, wie Betriebswirtin Rump aus eigener Erfahrung weiß: "Es ist schwierig, neue Kollegen anzulernen, wenn alle überall sind, nur nicht im Büro. Und es ist schwierig, eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, wenn alle überall sind, nur nicht im Büro." Damit das klappt, brauche es eine ganze Menge Selbstdisziplin und Selbstmanagement. "Hätte ich noch einmal die Wahl, ich würde es anders machen", sagt sie. "Die Nachteile sind doch ziemlich heftig." Sie ist mittlerweile für eine Mischform aus Anwesenheit und mobiler Arbeit. Und auch Ries von SAP betont: "Es braucht Anlaufstellen, Kümmerer, an die man sich wenden kann, auch wenn der Chef nicht erreichbar ist. Alle Generationen brauchen das, auch die Generation Y."

Es gibt nicht nur die eine Arbeitswelt

Natürlich ist es wichtig, dass Unternehmen auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen und dass sie ihre Angestellten nicht als unmündige Kinder verstehen, über die sie bestimmen können. Genauso wenig sollten Arbeitnehmer in ihrem Vorgesetzten beziehungsweise dem Unternehmen den besten Freund und Förderer sehen. Und wir sollten uns darüber klar sein, dass es natürlich in Zukunft auch die uns versprochenen Massagesessel, Smoothies, Feelgood-Manager und hippen Bürolandschaften für glückliche, erfolgreiche, flexible Mitarbeiter mit dickem Konto geben wird.

Aber daneben wird es eben auch noch zahlreiche weitere Arbeitsrealitäten geben – abhängig von Bildungsgrad, Branche und Position. Und vermutlich wird New Work in diesen Welten – Stichwort gewerblicher Arbeitsmarkt – genauso wenig chic und flauschig sein, wie in den vergangenen 30 Jahren.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...