Neue Zeitrechnung Hören Sie auf Ihre innere Uhr

Ausreichend Schlaf ist wichtig. Nur auf den Schlafrhythmus achtet niemand. Ab acht Uhr morgens herrscht Leistungspflicht. Wer später fit ist, gilt als Trantüte. Wäre es anders, wären Menschen und Unternehmen produktiver.

Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Hören Sie auf Ihre innere Uhr

Foto: Light Impression/Fotolia.com

Der eine kommt vor zwei Uhr nachts nicht ins Bett, während der Nachbar schon um fünf Uhr morgens topfit ist. Um acht Uhr arbeiten oder zur Schule gehen müssen aber beide. Während der eine dabei Höchstleistungen bringt, kann der andere mit Mühe und Not einen geraden Satz formulieren. Mit dem gutgemeinten Rat, früher ins Bett zu gehen, ist es aber nicht getan. Ob wir Lerche oder Nachteule sind, bestimmt nämlich unsere Hirnstruktur, wie Wissenschaftler am Forschungszentrum Jülich bewiesen haben.

Leistung nach der inneren Uhr

Der Chronobiologe Till Roenneberg hat den Lerchen und Nachteulen Zeiten zugeordnet: Der frühe Chronotyp, also der Frühaufsteher, ist zwischen sechs Uhr morgens und zehn Uhr abends wach. Besonders viel Energie hat er in der Zeit vom Aufstehen bis zum Mittag. Der späte Chronotyp ist hingegen zwischen neun Uhr morgens und ein Uhr nachts wach. Seine besten Leistungen bringt er nachmittags und abends. Auch wenn beide Typen zur gleichen Zeit aufstehen und schlafen gehen, ändert sich am Zeitfenster der besten Leistung nichts. Beim Spätaufsteher fährt die Körpertemperatur erst ab neun Uhr hoch, sein Körper ist also morgens um sechs noch auf Nacht eingestellt. Muss die Nachteule um sechs aufstehen, wird sie sich noch drei Stunden lang wie erschlagen fühlen. So, als müsse der Frühaufsteher noch um Mitternacht möglichst kreativ sein und Probleme lösen.

"Jeder Mensch hat eine eigene innere biologische Uhr, die festlegt, zu welcher Zeit das Leistungsvermögen am höchsten ist beziehungsweise wann der Wunsch zu schlafen entsteht", erläutert Jessica Rosenberg vom Forschungszentrum Jülich. Allerdings nimmt die Gesellschaft darauf wenig bis keine Rücksicht. "Durch die Globalisierung unserer Lebens- und Arbeitsaktivitäten wird unser Schlaf-Wach-Rhythmus immer wieder durchbrochen", so Alfred Wiater, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM).

Schlafmangel macht krank

So sind sich Eltern, Mediziner und Schlafforscher zwar einig, dass kleine Kinder sehr früh fit sind und Jugendliche erst später auf Touren kommen, Klassenarbeiten schreiben aber beide um 7.45 Uhr. Entsprechend sacken bei vielen in der Pubertät die Noten ab. Roenneberg hat herausgefunden, dass bei den extrem späten Chronotypen, den Nachteulen, die Noten deutlich schlechter sind, als bei den Mitschülern, die früh aufstehen. Er fordert deshalb, die Schulanfangszeiten für Pubertierende zu überdenken. "Der Schlafbeginn wird hauptsächlich von der inneren Uhr, das Ende des Schlafes dagegen vom Wecker bestimmt", sagt er. Jugendliche sammeln deshalb nicht nur schlechte Noten, sie häufen auch ein großes Schlafdefizit an.

Und das ist nicht gesund: Langfristig zu wenig zu schlafen kann nämlich die Entstehung von Demenz begünstigen. Bestimmte Abbauprodukte im Gehirn würden im Schlaf abtransportiert und häuften sich bei Mangel an, sagt Geert Mayer, Neurologe und Chefarzt der Hephata-Klinik in Schwalmstadt. "Das kann zu einer Frühschädigung des Gehirns führen, die wir noch gar nicht merken."

Die Vorgänge im Gehirn während des Schlafes sind ein Thema beim Neurologen-Kongress in München. Rund 7.000 Fachleute aus Neurologie, Neuropädiatrie, Neuropathologie, Neurochirurgie und Neuroradiologie befassen sich mit Schlaganfall, Demenz, Multipler Sklerose, Epilepsie, Lähmungen, Schmerz- und Schwindelsyndromen und 200 weiteren Krankheiten, bei deren Entstehung Schlaf eine weit größere Rolle spielt, als bisher angenommen. "Der permanente Kampf gegen unsere innere Uhr macht uns krank", fasst Wiater die Folgen zusammen.

Innere Uhr entscheidet

Unternehmen, die darauf bestehen, dass alle Mitarbeiter ab acht Uhr morgens Topleistungen bringen, spielen also nicht nur mit deren Gesundheit. Sie verschenken auch Produktivität. Wer seinen Arbeitsbeginn nach seiner inneren Uhr richten kann, arbeitet effektiver und motivierter.

Flexible Arbeitszeitgestaltung sollte also nicht nur jungen Eltern angeboten werden. Selbst Unternehmen, deren Mitarbeiter im Schichtdienst tätig sind, sollten ihnen zumindest die Wahl lassen, zu welcher Schicht sie arbeiten wollen. Wer eine Nachteule regelmäßig in die Schicht um vier Uhr morgens einteilt, darf keine Höchstleistung erwarten.

Zeit individualisieren

Wer gar nicht aus seinem Arbeitszeitkorsett herauskann, sollte an den freien Tagen das zwangsläufig entstehende Schlafdefizit durch langes Ausschlafen kompensieren, raten Experten. In Extremfällen kann auch eine professionelle Lichttherapie unterstützen, mit deren Hilfe die individuellen Phasen künstlich verschoben werden.

Deutlich besser wäre es jedoch, sich vom starren Zeitplan zu verabschieden, die Mitarbeiter als Individuen wahrzunehmen – und auch so zu behandeln.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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