Neue Währung Zeit ist das neue Gehalt

Arbeitnehmer wollen heute selbst entscheiden, wann und wo sie arbeiten – doch nicht immer sind die Unternehmen daran schuld, wenn sie es nicht können. Was die Politik tun kann – und was wir tun müssen.

von Nils Heisterhagen, wiwo.de | , aktualisiert

Zeit ist das neue Gehalt

Zeit bewusst genießen – das kann echter Luxus sein.

Foto: Anton Maltsev/Fotolia.com

Erinnern sie sich noch an Julia Engelmann? Ihr YouTube-Video von einem Poetry Slam der Universität Bielefeld erlebte Anfang des Jahres einen beispiellosen Social-Media-Hype. Ein regelrechter Candystorm brach über sie herein. Menschen teilten das Video über ihre sozialen Netzwerke, auch Journalisten waren überschwänglich. Beim "Stern" etwa hieß es: "Dieses Video könnte Ihr Leben ändern". Engelmann ging es um Zeitsouveränität.

Verhandelbarkeit von Zeit als Ziel

Engelmann erinnerte in ihrem jugendlichen Idealismus und in ihrem Trotz an die kleine Momo, die in Michael Endes gleichnamigen Roman gegen die grauen Herren in den Kampf zieht. Momo wollte den Menschen die von den grauen Herren gestohlene Zeit zurückzubringen. Gerade das scheinen viele – vor allem junge – Menschen zu wollen: ihre fehlende Zeit zurück.

Nicht nur Berufseinsteiger stellen in Frage, ob Arbeit alles in ihrem Leben sein soll. Auch die Eltern der Generation Y suchen nach Entschleunigung, Stressabbau und vor allem nach Zeitgewinnen, weil die Arbeit viel Wochenzeit in Anspruch nimmt. "Mehr Zeitwohlstand wird ähnlich bedeutend wie monetärer Wohlstand", sagt Wolfgang Schroeder, Professor für Politik an der Universität Kassel.

Das Problem ist: Sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber wollen mehr Flexibilität – aber jeweils zu ihren Bedingungen. "Daher darf Arbeitszeit auch kein Diktat der Arbeitgeber sein, sondern muss verhandelbar sein. Und um diese Verhandelbarkeit zu erreichen, braucht es vor allem eine Mitbestimmungsmöglichkeit für die Beschäftigten", so Schroeder.

Ungleiche Freiheiten

Grundbedingung für eine flexible Arbeitszeitregelung ist allerdings, dass die Arbeitsplätze wettbewerbsfähig bleiben. Die Zeitsouveränität der Arbeitnehmer muss also auch Grenzen haben. Und obwohl solche Grenzen wichtig sind, gibt es bislang oft zu wenig Zeitsouveränität für die Arbeitnehmer. Privat- und Arbeitsleben verschwimmen immer mehr. Diese zeitliche Entgrenzung der Arbeit äußert sich nicht nur in langen Arbeitstagen, sondern auch in ständiger Verfügbarkeit. In der neuen Arbeitswelt verlangen Vorgesetzte auf der einen Seite mehr Flexibilität, ohne dass sie ihren Angestellten im Gegenzug Einfluss auf ihre Arbeitszeit einräumen. Aus Sicht der Arbeitgeber sind diese Arbeitnehmer jederzeit ersetzbar. Kurzfristige Strategien und starker Wettbewerb führen zudem dazu, dass die Unternehmen Arbeitsstellen abbauen und den übrigen Mitarbeitern mehr Aufgaben zuschustern. Sie erwarten Effizienzsteigerungen und flexible Einsetzbarkeit, nur um den puren Arbeitsplatz zu erhalten.

Auf der anderen Seite gibt es für einige Arbeitnehmer bereits Spielräume. Manche sprechen auch von einem Arbeitnehmermarkt, auf dem sich Unternehmen um Hochqualifizierte auch besonders bemühen. Sie gewähren Sabbaticals, führen Home-Office-Tage ein oder vereinbaren Vertrauensarbeitszeiten.

Eine neue Studie des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) stellt sogar fest, dass die Unternehmen, die ihren Beschäftigten mehr Wahlmöglichkeiten bei Arbeitszeit und Arbeitsort lassen, innovativer sind als die Konkurrenz. Eine um elf bis 14 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit auf bessere Arbeitsergebnisse haben laut IfW Unternehmen, die auf Vertrauensarbeitszeiten ihrer Mitarbeiter setzen. Kurzum: Kluge Arbeitszeitregeln können nicht nur die Zeitsouveränität der Arbeitnehmer erhöhen, sondern auch die Produktivität des Unternehmens.

Eines dieser Unternehmen, die auf mehr Wahlfreiheit bei der Arbeitszeitgestaltung setzen, ist Xing. Das soziale Netzwerk für Geschäftsbeziehungen und Berufskontakte setzt auf flexible Modelle für seine Mitarbeiter. "Vertrauensarbeitszeit und flexible Arbeitszeitgestaltung – in Absprache mit dem Teamleiter und den Kollegen – sind bei uns Alltag", erzählt Marc-Sven Kopka, der dort Vice President für Marketing und Kommunikation ist. "In vielen Bereichen ist auch Home Office üblich."

Kann man Stress verbieten?

Mehr Zeitsouveränität ist natürlich nicht der alleinige Weg ins Arbeitnehmerparadies. Eine größer werdende Gruppe von Arbeitnehmern scheint verlernt zu haben, was es heißt, Feierabend zu haben. Sie haben zwar viel Souveränität über ihre Zeit, nutzen sie aber kaum. Ihr schlechtes Gewissen oder die Angst mit einer gestellten Aufgabe nicht rechtzeitig fertig zu werden, sorgen für einen Selbstzwang, der leicht zu Überforderungen führen kann. Dagegen hilft nur ein bewussterer Umgang mit der Zeit, wie ihn auch Julia Engelmann in ihrem Video forderte – wahrscheinlich war das Video auch deswegen so beliebt.

Arbeitsministerin Andrea Nahles will nun für eine Anti-Stress-Verordnung sorgen. "Es gibt unbestritten einen Zusammenhang zwischen Dauererreichbarkeit und der Zunahme von psychischen Erkrankungen", sagte sie. Deshalb wolle man die Dauererreichbarkeit abschaffen. Es sei allerdings eine Herausforderung, das gesetzlich umzusetzen. Und wie soll die Politik die Entgrenzung der Arbeit stoppen, wenn die Arbeitnehmer viel von ihrer Mehrarbeit freiwillig erledigen? Etwa weil sie glauben, nur so Karriere machen zu können, oder weil es der Konvention im Unternehmen entspricht.

"Es muss neben politischen Angeboten auch zu einem Umdenken in Deutschland kommen", meint Politikwissenschaftler Schroeder. "Sinnvoll ist eine grundlegendere Debatte über das Verhältnis von Be- und Entlastung. Wir sollten darüber nachdenken, dass Regeln nicht nur Einschränkungen sind, sondern auch Hilfen, um die Komplexität des Alltags zu bewältigen. Auch Zeitsouveränität muss gelernt werden. Zur Arbeitskultur gehört es eben, die Zeit als einen zentralen Wert zu schätzen."

Angebote der Politik

An diesem Umdenken versucht man sich praktisch bei Xing. "Bei Xing glauben wir nicht daran, dass die Mitarbeiter mit dem ausdauerndsten Sitzfleisch uns weiter bringen", sagt Kopka. "Was zählt ist das Ergebnis. Um gute Ergebnisse erzielen zu können, ist eine gesunde Work-Life-Balance wichtig. Unsere Führungskräfte achten darauf, dass das ‚Life‘ hier nicht zu kurz kommt".

Doch gibt es für die Gruppe derer, die schon mehr Zeitsouveränität haben, absolut keine politischen Angebote? "Doch die gibt es", glaubt Schroeder. "Zum Beispiel die Entwicklung einer besseren sozialen Infrastruktur, die die Menschen in einer flexibilisierten Arbeitsgesellschaft unterstützt, um Erwerbsarbeit und Familie zu verbinden. Zentral ist dabei die quantitativ auskömmliche und qualitativ anspruchsvolle Organisation der Kinderbetreuung."

Doch das kostet: Eine Studie der Bertelsmann Stiftung empfiehlt, dass bei unter Dreijährigen eine Erzieherin für höchstens drei Kinder verantwortlich sein sollte. Um diesen Personalschlüssel zu erreichen, seien 120.000 zusätzliche Erzieherinnen erforderlich. Das würde nach eigenen Berechnungen der Stiftung jährlich zusätzliche Personalkosten von rund fünf Milliarden Euro bedeuten. Dafür ist kein Geld da. Doch eine Kita, die um 13 Uhr schließt, fördert die Flexibilität der Arbeitnehmer definitiv nicht.

Dass Eltern mit kleinen Kindern mehr Angebote brauchen, weiß auch Christina Schildmann. Sie ist bei der Friedrich-Ebert-Stiftung zuständig für Familienpolitik und war Koordinatorin der Arbeitsgruppe, die das Modell der Familienarbeitszeit entwickelt hat: Eine staatliche geförderte 32-Stunden-Woche für Eltern, wie sie Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) zu ihrem langfristigen Ziel erklärt hat. "Die Familienarbeitszeit hat – als zusätzliche Wahlmöglichkeit – das Ziel, die Flexibilität junger Eltern in der Rush-Hour des Lebens zu steigern", hebt Schildmann hervor.

Die Familienarbeitszeit stellt eine einkommensabhängige Lohnersatzleistung dar, wenn beide Partner Arbeitszeit reduzieren. Nach diesem Modell sollen Eltern für maximal drei Jahre ihre Arbeitszeit auf 80 Prozent reduzieren können und für einen Teil des entgangenen Gehalts eine Lohnersatzleistung bekommen, die sich am Nettoeinkommen der Eltern ausrichtet. Der Vorschlag sieht dabei vor, dass Eltern mit kleineren Einkommen prozentual mehr entschädigt werden als Eltern mit höheren Einkommen. Wenn der Partner – oder meistens die Partnerin – vorher Teilzeit gearbeitet hat und ihre Arbeitszeit auf 32 Stunden erhöht, wirkt die staatliche Leistung als Bonus für die Arbeitszeiterhöhung. Das Modell macht das Elterngeld nicht überflüssig, sondern soll in Anschluss daran gezahlt werden.

Das gewerkschaftsnahe Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat Wirkungen und Kosten des Modells vorgerechnet. Das DIW zieht eine positive Bilanz des Modells: "Die Kosten der Lohnersatzleistung wären mit bis zu 140 Millionen Euro pro Jahr zu Beginn relativ moderat", schreiben die Forscher. "Wenn sich die sozialen Normen langfristig ändern und mehr Familien das Modell nutzen, würden die Kosten zwar steigen, dann wäre aber auch viel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erreicht".

Erste Modelle sind ein gutes Signal

Darüber hinaus betonen sie: "Zudem würde sich das Arbeitskräftepotenzial in Deutschland erhöhen, die Einkommen und Renten vieler Mütter würden steigen." Die Geschlechterperspektive ist in der Tat besonders interessant. In Analogie zur sogenannten "Gender Pay Gap", welche die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern in der Volkswirtschaft wiedergibt, kann man von einer "Gender Time Gap" sprechen. Frauen leisten im Verhältnis immer noch mehr Anteile an Hausarbeit und Kinder- und Pflegebetreuung als Männer. Bessere Arbeitszeitpolitik könnte somit auch einen Effekt für mehr Geschlechtergerechtigkeit erzeugen, weil sich die Männer bei günstigeren Arbeitszeiten dann nicht mehr herausreden könnten. Die Familienarbeitszeit schlägt auch hier in die richtige Kerbe.

Die Familienarbeitszeit ist allerdings nur ein mögliches Konzept für eine neue Arbeitszeitpolitik, auch wenn es bisher das Umfassendste ist, weil es zusätzlich die Geschlechtergerechtigkeit fördert.

Das Modell der Familienarbeitszeit ist ein Anfang für die Debatte um Arbeitszeit. Aber es ist höchste Zeit, sie ambitionierter zu führen. Denn die Bürger wollen hier Lösungen. Denn es wird keine Momo kommen, die die Zeit zurückbringt.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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