Neue Geschäftsmodelle Im Mangel die Chance sehen

In Zeiten des Fachkräftemangels entdecken Start-ups ein neues Geschäftsmodell: Sie vermitteln, beraten und betreuen Spezialisten aus dem Ausland.

Christian Wermke und Stefani Hergert | , aktualisiert

Im Mangel die Chance sehen

Fachkräftemangel eröffnet neue Geschäftsfelder: Start-ups erleichtern Spezialisten aus dem Ausland die Ankunft.

Foto: lassedesignen/Fotolia.com

Für Luca Vieto ist der Abstecher in die kleine Bar im Herzen Münchens wie eine Reise in die Heimat. Im Cole & Porter wird an diesem Abend im Frühsommer Rotwein getrunken, italienische Musik gespielt, in seiner Muttersprache geredet. Vieto, 44 Jahre alt, kommt aus Mailand und war jahrelang Projektmanager bei einem Hersteller von Halbleitern. Er verdiente gut, dann kam die Krise – Vieto verlor seinen Job. Seit August ist der Italiener in Deutschland auf Jobsuche. Heute Abend sucht er vor allem nette Gespräche. "Ich wohne in einer WG mit fünf Deutschen", sagt er. "Ansonsten habe ich noch nicht viele Freunde gefunden."

Stammtisch zum Netzwerken

Auch Mariela Krassevich sucht an diesem Abend den Kontakt zu Landsleuten. Die junge Frau aus Südtirol ist Managerin beim Landmaschinenhersteller CNH Industrial und lebt schon seit drei Jahren in München – ist heute aber zum ersten Mal beim italienischen Stammtisch. "Hätte ich davon nur früher gewusst", sagt sie und seufzt. Am Anfang sei es sehr schwer gewesen, Leute kennen zu lernen.

Der Stammtisch ist eine von 150 Gruppen, die das Start-up Internations in München organisiert. Und nicht nur hier: In 390 Städten auf der Welt gibt es jeden Monat Hunderte solcher Events. Die Menschen treffen sich zum Kochen, Joggen, Wandern, Feiern. 2007 ging die Internetplattform online, schnell wurde klar, dass die internationalen Mitglieder vor allem eins wollen: Offline-Kontakt. Heute betreuen 80 Mitarbeiter und Tausende Ehrenamtliche die 1,2 Millionen Mitglieder, zu denen jeden Monat 50 000 neu hinzustoßen.

Spezialisten gesucht

Unternehmen wie Internations haben die Fachkräfte aus dem Ausland als Zielgruppe entdeckt. Sie bieten maßgeschneiderte Angebote für die Zuwanderer oder die Unternehmen, die sie einstellen. Denn jemanden zu finden und anzuheuern ist nur der erste Schritt – viel schwieriger ist es, die neuen Kollegen auch zu halten.

Die Start-ups machen aus der Not ein neues Geschäftsmodell. Denn seit den 70er-Jahren bekommen die Deutschen zu wenig Kinder. Die Folge sind nicht nur düstere Prognosen für die Renten- und Sozialkassen, sondern auch eine immer größer werdende Lücke auf dem Arbeitsmarkt. Derzeit fehlen laut dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) allein mehr als 117 000 Spezialisten aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Deutschland braucht aber auch Krankenpfleger, Erzieher und Ärzte. Bis 2025 könnten dem Arbeitsmarkt rund 6,5 Millionen Menschen weniger zur Verfügung stehen als heute, hat die Bundesagentur für Arbeit errechnet.

Die Zuwanderer vor allem aus den europäischen Krisenländern, von denen immer mehr das Leben und Arbeiten in Deutschland als einen Weg aus der Arbeits- und Perspektivlosigkeit in der Heimat sehen, sind also eigentlich hochwillkommen. Laut den jüngsten Zahlen vom Statistischen Bundesamt hat Deutschland 2013 nach Abzug derer, die weggezogen sind, rund 460 000 Neubürger aus dem Ausland bekommen.

Eine Abschreckkultur

Das Land der Dichter und Denker ist damit hinter den USA Einwanderungsland Nummer zwei innerhalb der Industriestaaten-Organisation OECD. Hinzu kommt, dass die Zuwanderer immer besser ausgebildet sind. Das Problem allerdings: Nur jeder Zweite der 2012 Zugewanderten blieb laut OECD länger als ein Jahr, von denen, die 2011 ins Land kamen, war es nur jeder Dritte.

Denn eine wirkliche Willkommenskultur kennt Deutschland nicht, es ist mühsam, sich auf den Gängen von Behörden, Ämtern und Einrichtungen zurechtzufinden, den richtigen Ansprechpartner für den Umzug, Sprachkurs oder die Anerkennung der Ausbildung und Zeugnisse auszumachen. Arbeitsmarktexperten wie Axel Plünnecke vom IW sind überzeugt, dass vor allem kleinere und mittlere Unternehmen ihre neuen Mitarbeiter dabei nicht komplett unterstützen können, obwohl sie in den nächsten Jahren wohl am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sein werden.

Hilfe aus einer Hand

"Hier gibt es einen Bedarf", sagt Plünnecke. Vor allem für Start-ups, die sich auf bestimmte Berufsbilder, Branchen und Regionen spezialisieren. Wie groß der Markt werden könnte, hängt von der Politik ab. "Wenn sich Deutschland stärker für Ausländer aus Nicht-EU-Staaten öffnet, ist das Potenzial erheblich", sagt Alexander Kritikos, Gründerforscher am DIW in Berlin.

Zwar helfen auch die Außenhandelskammern, geeignete Bewerber zu finden, und Handwerkskammern sowie Industrie- und Handelskammern unterstützen hierzulande jene Unternehmen, die Spezialisten aus dem Ausland einstellen wollen. "Doch öffentliche Anbieter tun sich schwer, den gesamten Prozess aus einer Hand anzubieten", sagt Plünnecke.

Genau das aber schwebt Internations-Mitgründer und Co-Chef Malte Zeeck vor. "Wir wollen nach und nach immer mehr Probleme unserer Mitglieder lösen", sagt der 37-Jährige, der die Firma zum Universalanbieter für jene machen will, die ins Ausland gehen. Ein "One-Stop-Shop für Expats" schwebt ihm vor.

Dass es dafür einen Markt gibt, hat er schwarz auf weiß. Vor kurzem fragten Zeeck und seine Kollegen die Mitglieder des Netzwerks, wobei sie noch Hilfe, wo mehr Orientierung im fremden Land brauchen. Die Ergebnisse: beim Umzug, bei der Wohnungs- und Jobsuche, beim Sprachtraining und dem Verständnis der Kultur des Landes.

Integration 2.0

Zeeck erläutert das in seinem Münchener Büro. Es liegt im bunten und quirligen Viertel rund um den Hauptbahnhof. Nebenan gibt es Wettbüros, Ein-Euro-Shops und Dönerläden. Genauso bunt ist auch sein Team: 80 Mitarbeiter aus 25 Nationen arbeiten in dem Start-up, die meisten davon in München.

Er selbst hat viele Jahre im Ausland gelebt, arbeitete als Fernsehreporter in verschiedenen Ländern. Mit zwei Freunden kam er auf die Idee für das Netzwerk. "Die Menschen wollen sich kennen lernen, um im Ausland nicht einsam zu sein", ist er überzeugt. Das Geschäftsmodell basiert darauf, dass die Mitglieder für einige Services zahlen – 15 Prozent machen das auch. An Veranstaltungen wie Wandertouren, Ausstellungsbesichtigungen oder Karaoke-Abenden können nur jene teilnehmen, die knapp vier Euro im Monat überweisen. Die Beiträge machen einen Großteil der Einnahmen aus, der Rest kommt aus der Werbung. Schwarze Zahlen habe man zwar noch nicht geschrieben, sagt Zeeck, "aber wir können uns aus dem Cashflow finanzieren".

Optimale Betreuung

Bisher werden die Gruppen vor Ort von weltweit mehr als 4 400 ehrenamtlichen Mitgliedern geführt, im Gegenzug gibt's den Premium-Status gratis. Nun hat Zeeck erstmals die Stelle für einen Koordinator in Madrid ausgeschrieben. "300 Bewerbungen haben wir bekommen", sagt er.

Wo Zeeck mit Internations einmal hin möchte, positioniert sich auch Chris Pyak mit seinem Start-up Immigrant Spirit: Er bietet ein Betreuungspaket für Spezialisten aus dem Ausland. Pyak vermittelt mit aktuell drei Mitarbeitern Fachkräfte und kümmert sich ein Jahr lang um sie. Neuankömmlinge bekommen einen persönlichen Coach, ihnen wird die Kultur in den Unternehmen hierzulande nähergebracht. Dieses "Culture Coaching" zahlt nicht der Zuwanderer – sondern die Firma, die ihn angestellt hat. 30 Prozent vom Jahresbruttogehalt bekommt Pyak als Provision, das nehmen auch klassische Headhunter mindestens. Pyak bezahlt davon auch die einjährige Betreuung. Sein größter Kunde ist das Reiseportal Trivago, 14 offene Stellen versucht er dort gerade zu besetzen.

Pyak selbst hat viele Jahre im Ausland gelebt, im Baltikum, in Russland, in Zypern, in Großbritannien. Dort hat er erlebt, wie schwierig es ist, den Anschluss zu finden. Und wie wenig Wertschätzung ausländische Mitarbeiter oft erfahren. Pyak war Krankenpfleger, Radiomoderator, arbeitete im Vertriebsbereich des Rabattanbieters Groupon und hat später Psychologie studiert. Seit neun Jahren ist er Personalcoach, mit seinem Düsseldorfer Start-up macht er nun auch den Fachkräftemangel zum Geschäft. Über seinen Newsletter und durch Kooperationen mit Headhuntern und internationalen Agenturen erreicht er nach eigenen Angaben bis zu 400 000 potenzielle Kandidaten.

Die große Hürde: Deutschkenntnisse

Jetzt muss er nur noch die Unternehmen überzeugen. Leipzig, vor wenigen Wochen. Pyak steht in einem Hotelsaal vor Vertretern des Mittelstands, erläutert seinen Ansatz. Ein Manager vom Dübelhersteller Fischer merkt an, dass er in England kaum Leute aus Spanien und Italien einstellen konnte, weil keiner von den Bewerbern genug Englisch sprechen konnte, geschweige denn Deutsch. Ein Mittelständler aus der Gebäudetechnik findet es schwer, die passenden Ausbilder zu finden, die sich um Einwanderer ohne Deutschkenntnisse kümmern.

Pyak fordert: "Ermöglichen Sie es den Menschen, mit Englisch bei Ihnen anzufangen und erst in Deutschland Deutsch zu lernen." Ein Raunen geht durch den Saal. Er lässt ein Schaubild auf die Leinwand werfen, es zeigt ein Diagramm, darauf die Sprachkenntnisse der Fachkräfte mit Hochschulabschluss in seinem Netzwerk. "Fünf Prozent davon sprechen Deutsch, nur zwei Prozent davon auf sehr gutem Niveau", sagt Pyak und lässt die Zahlen kurz nachhallen. "91 Prozent sprechen Englisch, 40 Prozent auf sehr gutem Niveau."

Sprachbarrieren abbauen

Die Sprache ist noch immer eine der größten Hürden für ausländische Fachkräfte. In jungen Start-ups oder Konzernen mag Englisch selbst in den Kaffeeküchen gesprochen werden, der deutsche Mittelstand tut sich damit schon in den Büros schwer. Auch deshalb legen viele Personalvermittler Wert darauf, dass Bewerber aus dem Ausland Deutsch schon in ihrer Heimat lernen und mit guten Kenntnissen ankommen.

Vielleicht halten sich die Arbeitgeber auch wegen der Sprachbarrieren noch zurück. Bei einer Befragung der IW Consult aus dem Jahr 2013 zogen weniger als 15 Prozent der vom Fachkräftemangel betroffenen kleinen und mittleren Unternehmen ausländische Bewerber überhaupt in Betracht, bei den Großunternehmen ist es immerhin ein Drittel.

Je größer aber die Not, desto eher scheinen auch die Firmen bereit zu sein, neue Wege zu gehen. In den deutschen Kindergärten jedenfalls, die wegen des massiven Ausbaus der vergangenen Jahre über viel zu wenig Erzieher klagen, scheint man ein Stück weiter zu sein. So weit, dass Nataliya Shevchenko dafür aus der Finanzbranche ausstieg und zur Unternehmerin wurde.

Die gebürtige Ukrainerin sucht mit ihrer Firma Begemot pädagogische Fachkräfte im Ausland, vor allem in Osteuropa - Ungarn, Slowakei oder Kroatien etwa. Gerade war sie zum ersten Mal auf einer Jobmesse in Polen. Um Fachkräfte zu finden, arbeitet sie mit Universitäten und Arbeitsagenturen zusammen. 14 Kunden hat das 2013 gegründete Unternehmen, darunter auch ein überregionaler Träger, der 150 Einrichtungen hat. 20 bis 24 Spezialisten zu vermitteln haben sich Shevchenko und ihre zwei festen und zwei freien Mitarbeiter für dieses Jahr vorgenommen, 16 sind es bisher. Die Jungunternehmerin hat die Geschäftsidee mit Kommilitonen in ihrem berufsbegleitenden Managementstudium an der Mannheim Business School entwickelt. Gegründet hat die 34-Jährige dann aber allein.

Fachrkäftemangel in der Kita

Ihr Geschäftsmodell: Die Kitaträger zahlen eine Pauschale von weniger als eineinhalb Monatsgehältern, wenn der neue Mitarbeiter anfängt zu arbeiten. Das ist für viele Träger zwar neu, doch gerade die Privaten sind hier offen. "Fast alle privaten Kindergärten würden Vermittlungsgebühren zahlen, weil Fachkräfte so rar sind", sagt Philipp Haußmann, Chef des Bildungsunternehmens Klett, das Kitas betreibt und eine Tochterfirma hat, die ebenfalls in den Markt der Vermittlung von Fachkräften drängt. Auch andere Personalvermittlungen haben die Kita-Nische entdeckt. 

Gute Mitarbeiter binden

Shevchenko hat von ihren Kunden erfahren, dass es genauso wichtig ist, die Mitarbeiter zu halten. Ihnen dabei zu helfen soll ihr zweites Standbein werden.

Mit Cocktails und Häppchen wie bei den Internations-Treffen hat das allerdings weniger zu tun. Die bieten immer wieder Überraschungen. Der spanische Ingenieur Juan Ignacio Antonanzas Yesa etwa hat über das Start-up zwar nicht seinen aktuellen Job gefunden – dafür aber einen Teil seiner Vergangenheit. Er hat in München einen Freund aus der Heimat getroffen, mit dem er als Kind Fußball gespielt hat.

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