Nachwuchskräfte Mythos Generation Y

Die Berufseinsteiger unter 30 Jahren verändern die Arbeitswelt, heißt es. Studien zeigen aber: Das ist alles Quatsch. Die Jungen unterscheiden sich kaum von den Älteren.

von Tina Groll, zeit.de | , aktualisiert

Mythos Generation Y

Foto: nenadmilosevic/Fotolia.com

Sie wollen flexibel arbeiten, feste Arbeitsplätze sind ihnen weniger wichtig als ihre persönliche Freiheit. Eine sinnvolle Tätigkeit ist ihnen wichtiger als die Karriere. Sie wollen ständig Feedback vom Chef, eine ausgeglichene Work-Life-Balance und mögen es, wenn sie ihre eigenen Tools wie Smartphone, Tablet oder Laptop mit zur Arbeit bringen können. Generation Y werden die jüngeren Beschäftigten unter 30 Jahren genannt. In den vergangenen Jahren wurde sehr viel über sie geschrieben und diskutiert. Arbeitgeber müssten dieser Generation einiges bieten, vor allem weil Fachkräfte in Deutschland knapp würden, heißt es.

Sehnsucht nach Sicherheit

Gewerkschaftsstudien haben diese Thesen noch nie belegt. Stattdessen zeichnen Untersuchungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes eher ein Bild einer prekär beschäftigten Generation, die sich den Einstieg auf dem Arbeitsmarkt hart erkämpfen muss. Die vielfach nur Leiharbeit, Minijobs, unfreiwillig Teilzeit und befristete Verträge bekommt. Und die deshalb den Zeitpunkt für die Familiengründung immer weiter aufschiebt. So zeigt etwa eine Studie im Auftrag von IBM, dass für die Jungen finanzielle Sicherheit und Arbeitsplatzsicherheit die maßgeblichen Faktoren bei der Wahl des Arbeitgebers sind.

Von einem Wunsch, super flexibel zu arbeiten, kann nicht die Rede sein. Auch der DGB-Index Gute Arbeit für junge Beschäftigte zeigt, wie sehr sich die jungen Beschäftigten nach einem sicheren Job sehnen, in dem sie ein ausreichendes Einkommen erwirtschaften. 37 Prozent der unter 30-Jährigen haben ein atypisches Beschäftigungsverhältnis und gerade einmal 28 Prozent der unter 35-Jährigen verdienen in Deutschland mehr als 2.500 Euro brutto – das sind Gehälter, von denen man nicht annähernd eine Familie ernähren kann. Jeder Fünfte macht sich ständig Sorgen um seine berufliche Zukunft. Jeder Dritte schleppt sich aus Sorge um den Arbeitsplatz sogar krank zur Arbeit.

Dabei ist es den meisten egal, ob ihr Arbeitsplatz sie mit Sinn erfüllt. Die Berufsanfänger möchten zwar wissen, warum sie eine Tätigkeit ausüben sollen – aber kündigen, nur weil sie auf ihrem Arbeitsplatz nicht unmittelbar zum Weltfrieden beitragen können, würden sie nicht, zeigt die IBM-Untersuchung. Viel wichtiger ist der jungen Generation, überhaupt erst einmal den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden.

Selbstausbeutung aus Angst vor Jobverlust

Und auch wenn sich die meisten gute Arbeitsbedingungen wünschen, nehmen sie widrige Umstände zunächst in Kauf. Dreiviertel der jungen Beschäftigten leiden unter Stress am Arbeitsplatz, weil zu viel Arbeit in zu kurzer Zeit zu verrichten ist, Personal fehlt und die Anforderungen kaum zu bewältigen sind, zeigt der DGB-Index. Jeder Dritte schafft es kaum, in der Freizeit richtig abzuschalten.

Auch dass die junge Generation sich keine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit wünscht, gehört ins Reich der Mythen. Laut DGB arbeiten zwei Drittel der unter 30-Jährigen zwar mehr als arbeitsvertraglich vereinbart, oft auch nach Feierabend, am Wochenende und im Urlaub – allerdings hat das selten den Grund, dass die Arbeit so viel Spaß macht. Auch hier ist die Sorge um die Verlängerung des Arbeitsvertrags ausschlaggebend.

Anpassung anstelle von Rebellion

Und dass sie ständig die Aufmerksamkeit des Chefs benötigten und immerzu Feedback haben möchten, ist außerdem nicht der Fall. In ihrem Bedürfnis nach Anerkennung unterscheiden sich die jungen Beschäftigten nicht von den Älteren. Tatsächlich aber kommt Lob bei vielen zu kurz. Jeder Dritte Unter-30-Jährige gibt an, entweder sehr selten oder nie Anerkennung vom Arbeitgeber erhalten zu haben.

Letztlich zeigt sich, dass die angeblich so fordernde Generation der jungen Beschäftigten die Arbeitswelt kaum verändert – sie passt sich vielmehr an.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

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