Nachfolge Familienunternehmen und die Erben

Familienunternehmen haben es oft nicht leicht, wenn es darum geht die Nachfolge zu organisieren. Die Firma des Vaters weiterführen - oder alles verkaufen? Antje von Dewitz, Chefin von Vaude, hat sich für das Familienunternehmen entschieden.

Tina Groll / Zeit.de | , aktualisiert

In dem Unternehmen ihres Vaters zu arbeiten, ist für Antje von Dewitz Leidenschaft. "Das Unternehmen war immer eine feste Größe in unserem Leben. Als Kinder haben wir in der Firma gespielt und im Urlaub haben wir die Produkte getestet", erinnert sie sich. Die Firma, das ist der Ausrüster Vaude, eine von Europas führenden Bergsportmarken. "Die Firma zu übernehmen, war immer eine Option", sagt die 38-Jährige. Vor zwei Jahren zog sich ihr Vater und Vaude-Gründer Albrecht von Dewitz im Alter von 65 Jahren aus dem operativen Geschäft zurück. Dass eine seiner drei Töchter das Unternehmen fortführt, begrüßt der Senior natürlich. Aber er hätte sich auch mit der Vorstellung abfinden können, Vaude zu verkaufen. Er wollte seinen Kindern die Berufswahl offen lassen.

Und so sind die beiden anderen Töchter ihren Interessen gefolgt und haben sich gegen eine Karriere bei Vaude entschieden. Die ältere ist Sozialpädagogin, die jüngere Lehrerin geworden. Antje von Dewitz dagegen übernahm vor zwei Jahren die Leitung des Bergsportausrüsters. Heute ist die vierfache Mutter für 420 Mitarbeiter zuständig. Mit Ende 20 war sie ins väterliche Unternehmen eingetreten. Vorher hatte sie ein Studium zur Kulturwirtin abgeschlossen – ein Fach, das sowohl ihren Interessen entsprach als auch die Chance für eine Laufbahn beim Bergsportausstatter offen ließ. Zwischendurch arbeitete sie bei verschiedenen Medien und NGOs – und sie machte auch ein Praktikum in der Firma das Vaters.

1998 baute sie bei Vaude einen eigenen Produktbereich auf: Packs & Bags. Der Vater ließ sie machen, und die Mitarbeiter schlossen die Juniorin ins Herz. Später übernahm Antje von Dewitz die PR-Abteilung. Von 2002 bis 2005 verließ sie das Unternehmen für die Wissenschaft und schrieb ihre Doktorarbeit über leistungsstarke Arbeitsverhältnisse in mittelständischen Unternehmen. Danach kehrte sie zurück.

Doch was macht Antje von Dewitz nun mit ihrem Erbe? "Ich führe den Weg meines Vaters fort", antwortet die Unternehmerin und betont, dass sie ja nicht Allein-Erbin sei, sondern nur die operative Chefin. Sie fühlt sich für die Mitarbeiter verantwortlich. Und für die Region. Der Firmensitz befindet sich in Obereisenbach, einem Dorf in der Nähe des Städtchens Tettnang am Bodensee. Hier gibt es wenig Industrie und viel Tourismus. Vaude ist einer der größeren Arbeitgeber in der Region, und die Region passt zum Unternehmen. Oder ist es umgekehrt?

Der Heimat verpflichtet

Die unmittelbare wirtschaftliche Bedeutung für die Heimat nimmt Antje von Dewitz ernst. Sie fühlt sich der Heimat verpflichtet. Mit diesem Wertekompass ist die Unternehmertochter nicht allein. Das hat Reinhard Prügl, Professor für Entrepreneurship an der Zeppelin Universität, in einer Studie in Zusammenarbeit mit dem Friedrichshafener Institut für Familienunternehmen (FIF) und dem Unternehmermagazin Impulse festgestellt. Prügl und seine Kollegen befragten 231 Unternehmerkinder im Alter von 16 bis 35 Jahren zu ihren Lebensentwürfen und Zukunftsplänen. Dabei kam heraus, dass sich die Unternehmerkinder für die Firmen ihrer Eltern und zumeist auch für die Region verantwortlich fühlen.

Mehr als die Hälfte der Befragten plant die operative Nachfolge, und gerade einmal drei Prozent spielt überhaupt mit dem Gedanken, das elterliche Erbe zu verkaufen. Die meisten würden dies, wenn überhaupt, nur mit schwerem Herzen tun, weil sich das Geschäft nicht mehr lohnt oder die Nachfolge nicht mit den eigenen Lebensplänen zu vereinbaren ist. Dem überwiegenden Rest juckt es geradezu in den Fingern, das Unternehmen künftig zu gestalten.

Bisweilen hört man, Familienunternehmen hätten es schwer, die Nachfolge zu organisieren. Doch das bestätigt die Studie unter den Unternehmerkindern keineswegs. Befragt wurden allerdings nicht die ganz kleinen Firmen, sondern vor allem Mittelständler mit mehr als 250 Mitarbeitern. Ein Fünftel der Befragten beschäftigt sogar über 1000 Mitarbeiter und setzt mehr als 100 Millionen Euro pro Jahr um.

Entsprechend häufig gaben die Unternehmerkinder in der Studie an, eigenverantwortlich arbeiten und eine stabile Wirtschaft aufrechterhalten, aber auch ein gutes Familienleben führen zu wollen. Über 90 Prozent der Befragten wollen das schaffen. So glauben auch 97 Prozent der Befragten, dass Rivalitäten unter den Geschwistern dem Familienunternehmen schaden.

Auch Antje von Dewitz sieht dies so. Als Tochter vom Vaude – der Name der Firma steht für die Initialen des Nachnamens – hatte sie, wie auch ihre Schwestern, immer eine besondere Rolle in der Region. "Es lag schon ein verstärktes Augenmerk auf der Familie. Manchmal habe ich mich beobachtet gefühlt", sagt sie. Es ist diese besondere Beachtung durch die Umwelt, welche Unternehmerkinder prägt.

Etwas Eigenes voranbringen

"Bei der Verschiedenheit der von uns Befragten sticht doch hervor, dass sich so gut wie alle für die Gesellschaft verantwortlich fühlen und etwas bewegen wollen", hat Reinhard Prügl herausgefunden. Die Jungen wollen aber nicht nur in den Fußstapfen der Eltern bleiben, sondern etwas eigenes voranbringen. Darum setzen die meisten Unternehmerkinder auf Innovationen.

Innovationen will auch Antje von Dewitz voranbringen. Vaude soll künftig mit komplett ökologischen Produkten hervorstechen. Damit hat die Firmenchefin vor über einem Jahr angefangen, mittlerweile sind 30 Prozent der Vaude-Produkte komplett ökologisch. Umweltschutz war bereits dem Vater wichtig, Antje von Dewitz setzt das fort. Vaude hat sich als besonders umweltfreundliches Unternehmen zertifizieren lassen und Fotovoltaik-Anlagen auf den Firmendächern montiert. "Nachhaltigkeit ist mir sehr wichtig. Und mich reizt die Verantwortung. Unternehmer sind in einer besonderen Pflicht, Vorbilder zu sein", sagt Antje von Dewitz.

Als vierfache Mutter möchte sie auch, dass es ihren Mitarbeitern möglich ist, Familie und Beruf zu vereinbaren. 55 Prozent der Mitarbeiter arbeiten Teilzeit, im Unternehmen gibt es verschiedene flexible Arbeitszeitmodelle. "Alles ist möglich, lautet unser Grundprinzip", sagt die Chefin. Damit sich die Mitarbeiter nicht um eine Kinderbetreuung zu sorgen brauchen, hat Antje von Dewitz eine firmeneigene Kita aufgebaut, die eine flexible Betreuung von 7 bis 17 Uhr für Kinder zwischen sechs Monaten und zehn Jahren anbietet. Auch die Kinder der Chefin besuchen den Hort. So wächst die nächste Von-Dewitz-Generation bei Vaude auf. Manchmal ertappt sich die Mutter dabei, wie sie sich vorstellt, eines ihrer Kinder würde Vaude später übernehmen. Aber sie möchte es halten wie ihr eigener Vater: Die Kinder sollen selbst entscheiden. Wichtig ist ihr, dass ihre vier wissen, was sie tut. Das gilt auch für die Mitarbeiter. Sie sollen mitsprechen dürfen. "Die beste Investition ist Vertrauen. Das wird immer zurückgezahlt", sagt von Dewitz.

Soziales Engagement

Investition als Innovation ist ein Ziel, das auch 60 Prozent der in der Studie befragten Unternehmerkinder als Ziel angeben. Dabei wollen viele Unternehmerkinder auch in Projekte investieren, die gar nichts mit dem Firmengeschäft zu tun haben, aber gut für die Gesellschaft und die Region sind. Vaude hat beispielsweise das öffentliche Schwimmbad im Heimatort vor der Schließung bewahrt und betreibt es nun als öffentliches Angebot in Eigenregie weiter.

Soziales Engagement scheint den Unternehmerkindern wichtig zu sein. Ein großer Teil der von Reinhard Prügl Befragten geht einem Ehrenamt nach. Und ein Fünftel ist Mitglied in einer konservativen Partei.

Und wie sieht es mit dem Unternehmergeist aus? In der Studie gibt der Großteil an, dass der "schnelle Erfolg" unwichtig oder zumindest egal sei. Auch Antje von Dewitz sagt, sie wolle lieber langfristigen Erfolg. Die Wirtschaftskrise hat beim Bergsportausrüster zumindest zu keinem wirtschaftlichen Einbruch geführt. Im Gegenteil: "Krisenzeiten haben bei uns so gut wie keinen Einfluss. Für den Bergsport ist eher das Wetter ausschlaggebend." Wahrscheinlich das Einzige, das die junge Unternehmerin nicht beeinflussen kann.

(Zuerst erschienen auf ZEIT ONLINE)

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...