Mythos MINT Kein Karriere-Selbstläufer

Mathematik, Informatik und andere naturwissenschaftlich-technische Fächer, kurz MINT, gelten als Studiengänge mit eingebauter Jobgarantie. Doch was ist wirklich dran am Mythos MINT? Ein Kurz-Check.

Christian Raschke | , aktualisiert

Kein Karriere-Selbstläufer

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Raumfahrt-Robotik

Foto: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Händeringend suchen Arbeitgeber Absolventen der sogenannten MINT-Fächer. Dazu zählen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Ihre Verbände, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, der Bundesverband der Deutschen Industrie und der Arbeitgeberverband Gesamtmetall locken den Nachwuchs im MINT-Report, den sie jährlich gemeinsam mit dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln veröffentlichen, mit beeindruckenden Zahlen zu Jobsicherheit und Gehalt.

Eine Garantie dafür, dass nach dem Studium der Traumjob winkt, gibt es trotzdem nicht. Denn auch im Boombereich MINT herrscht neben sehr viel Licht durchaus auch Schatten.

Wer einen Abschluss der naturwissenschaftlich-technischen Fächer in der Tasche hat, dem sollen sich glänzende Perspektiven bieten. Es stimmt zwar, dass in der Regel der Berufseinstieg schnell gelingt. Ein Karriere-Selbstläufer ist ein MINT-Abschluss aber dennoch nicht. Denn in vielen Branchen ist der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern bei weitem nicht so hoch wie weithin angenommen. Laut Bundesagentur für Arbeit waren im Mai etwa 21.000 Ingenieure auf Jobsuche, gemeldete offene Stellen gab es allerdings nur etwas mehr als 11.600. Das zeigt: Wirkliche Engpässe an Fachkräften bestehen in einzelnen Techniksegmenten des Arbeitsmarktes wie im Flugzeug-, Maschinen- und Fahrzeugbau oder der Elektrotechnik, aber nicht pauschal in allen MINT-Berufen. Bei Biologen und Mathematikern, aber auch bei Architekten und Bauingenieuren etwa ist die Konkurrenz sehr groß. Kritiker wie der Ökonom Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) werfen den Ingenieursverbänden deshalb Übertreibung in Sachen Fachkräftemangel vor. "Um den gesamten jährlichen Bedarf an Ingenieuren zu decken, reicht schon jetzt die Zahl der Studienabgänger weit mehr als aus", schreibt Brenke in einem Fachaufsatz des DIW.

Wo hakt es wirklich?
Fachkräftebedarf herrscht nur in einigen MINT-Bereichen. Vor allem in der Luft- und Raumfahrttechnik reichen die gemeldeten Arbeitslosen nicht aus, um alle gemeldeten offenen Stellen besetzen zu können.

Junge Ingenieure starten mit einem Jahresgehalt von durchschnittlich 41.150 Euro ins Berufsleben, Mathematiker und Informatiker mit je 41.050 Euro. Damit liegen sie alle laut Angaben des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung mehr als 4000 Euro über dem Durchschnitt aller Akademiker. Noch besser stehen einige Fachhochschulabsolventen da. FH-Elektrotechniker und Wirtschaftsingenieure etwa erhalten zum Einstieg 44.400 Euro beziehungsweise 42.650 Euro pro Jahr.

"FH-Absolventen gehen sofort in die Wirtschaft, die hohe Gehälter bezahlt. Uni-Absolventen bleiben häufiger im Wissenschaftsbetrieb und promovieren", sagt Axel Plünnecke, Leiter des Kompetenzfelds Humankapital und Innovationen am IW Köln. Dennoch lohne sich auch dieser Weg, weil die Gehälter anschließend deutlich steigen.

"Girls' Day", "Komm, mach MINT" oder "MINTalente" – Initiativen, um Frauen für ingenieur- und naturwissenschaftliche Fächer zu begeistern, gibt es einige. Die Mühe scheint sich zu lohnen. Aus einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) geht hervor, dass der Frauenanteil in MINT-Berufen wächst. Seit 2007 ist die Zahl der angestellten Naturwissenschaftlerinnen um fast die Hälfte gestiegen, die der Ingenieurinnen um ein Viertel. Trotz allem ist der Frauenanteil in MINT-Berufen, verglichen mit dem Gesamtanteil berufstätiger Frauen, noch immer unterdurchschnittlich. Den Hauptgrund dafür nennt Wilhelm Adamy, DGB-Arbeitsmarktexperte und Autor der Studie: "Für Frauen gibt es nach wie vor strukturelle Barrieren. Dazu zählen familienunfreundliche Arbeitszeiten, mangelnde Entwicklungsmöglichkeiten, gerade nach familienbedingten Unterbrechungen, sowie die Entgeltungleichheit, die Frauen oft in die Zuverdienerrolle verweist."

MINT-Berufe sind alles andere als elitär. Fast drei Viertel aller Ingenieure stammen aus einem Elternhaus ohne Abitur. Damit steht der Beruf prototypisch für sozialen Aufstieg durch Bildung. Ähnlich sieht es in der Informatik, Biologie und Chemie aus. "Für den erfolgreichen Bildungsweg in MINT-Fächern ist weniger kulturelles Kapital nötig. Stattdessen braucht es Kompetenzen, die man an der Schule gut lernen kann", erklärt Axel Plünnecke vom IW Köln das Phänomen. "Naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten sind im Unterschied zu rechtlichen oder kulturellen Kompetenzen weltweit identisch." Entsprechend attraktiv sind diese Studiengänge auch für Studierende ausländischer Herkunft.

Umfragen zeigen: Viele Arbeitnehmer haben Angst, die längere Lebensarbeitszeit bis zur Rente mit 67 gar nicht durchzuhalten. Nicht so Ingenieure. Wer einmal den Einstieg geschafft hat, bleibt lange gefragt. In keinem Alterssegment ist die Erwerbstätigkeit so stark gestiegen wie bei den über 55-jährigen Naturwissenschaftlern und Technikern. Gegenüber dem Jahr 2005 arbeiteten 2011 etwa 700.000 Menschen mehr mit einer MINT-Qualifikation, die 55 Jahre oder älter waren. "Zum einen stellen wir fest, dass ältere Mitarbeiter länger im Betrieb bleiben", sagt Axel Plünnecke vom IW Köln. Darüber hinaus seien die Einstellungschancen für ältere Ingenieure genauso gestiegen wie für jüngere – zumal Erfahrung in vielen MINT-Berufen den Marktwert eher steigert.

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