Murks ohne Grenzen

Krankenversicherung futsch, Rentenanspruch verloren: Wer sich als Expatriate auf seinen Arbeitgeber verlässt, steht im Ausland oft ohne Schutz da. Junge Karriere zeigt, wie Sie es in Eigenregie besser machen.

Ulrike Heitze | , aktualisiert

"Wieso bin ich hier in Frankreich nicht krankenversichert? Ich zahle doch immer Beiträge an meine Krankenkasse!", "Warum bekomme ich für meine Zeit in den USA keine Rente?", "Warum krieg ich kein Arbeitslosengeld, jetzt wo meine Firma pleite ist? Nur weil ich im Ausland war?" Lauter gute Fragen, auf die es nur eine Antwort gibt: Weil bei der Planung des Auslandseinsatzes wohl ordentlich was schief gelaufen ist. "80 Prozent aller ins Ausland geschickten Arbeitnehmer haben keinen Arbeitslosenschutz und wissen es gar nicht - genauso wenig wie ihre Unternehmen", berichtet Achim Heuser, Rechtsanwalt mit dem Spezialgebiet Expatriates.

Verlass dich nicht auf Arbeitgeber, raten deshalb die Experten. Selbst in Unternehmen, die viele Leute ins Ausland schicken und sich eigene Personaler für das Thema leisten, gibt es nur wenige wirkliche Spezialisten und viele Fehlerquellen. Und bei einem Mittelständler heißt es gleich doppelt intensiv nachforschen, "weil der genauso wenig Erfahrung hat wie sein Auslandskandidat", rät Anwalt Heuser. Wer auf Nummer Sicher gehen will, kämpft sich selbst durch den Dschungel der Auslandsbestimmungen: Welche Versicherungen dort überhaupt gelten, welche Risiken man privat absichern sollte, und in welche Fallen man tappen kann.

Da weiss man, was man hat

Wer zum Arbeiten ins Ausland geht, verlässt erst mal den Boden des deutschen Pflichtversicherungssystems und muss sich hier nicht mehr renten-, kranken-, arbeitslosen- und pflegeversichern. "Klasse!", werden die denken, die von der Zukunft der hiesigen Sozialsysteme wenig halten und froh sind, da rauszukommen.

Die anderen Länder haben allerdings selten bessere Systeme. So existiert in England beispielsweise kein vergleichbares Kranken-Pflichtsystem, sondern nur der steuerfinanzierte, eher marode National Health Service. Da lohnt es, sich mit privaten Versicherungen bessere Leistungen zu sichern. Und nach der Rückkehr muss der Expat meist wieder ins deutsche System zurück - eventuell mit Leistungseinbußen.

70 bis 80 Prozent der ins Ausland versandten Arbeitnehmer möchten lieber hier zu Lande versichert bleiben, ergab eine Studie des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Pricewaterhouse-Coopers (PwC). Da es aber wenig Sinn macht, Expats zwischen verschiedenen Systemen hin- und herzutopfen, wenn der Auslandseinsatz ohnehin nur von kurzer Dauer ist, gibt es Ausnahmen vom Territorialprinzip: Arbeitnehmer unterliegen während eines Auslandseinsatzes auch dann dem deutschen Sozialversicherungsrecht, wenn entweder eine so genannte Entsendung plus Ausstrahlung vorliegt oder bilaterale Ausnahmevereinbarungen möglich sind.

Eine "Entsendung" liegt dann vor, wenn ein Arbeitnehmer von seinem Unternehmen ins Ausland geschickt wird, um dort für diese Firma zu arbeiten und nach dem Transfer wieder in Deutschland beschäftigt zu sein. Dieses Arbeitsverhältnis "strahlt" dann ins Ausland "aus", wenn a) der Arbeitgeber weisungsbefugt bleibt, b) das Gehalt des Expats aus Deutschland gezahlt und dort bilanziert wird und c) der Einsatz befristet oder an die Dauer eines Projektes gebunden ist.

Nur wenn alle diese Punkte erfüllt sind, bleibt der Expat im hiesigen System versichert. Und just hier unterlaufen den Personalabteilungen die fatalsten Fehler.

Falscher Status kostet Schutz und Geld

"Rein rechtlich gibt es heutzutage so gut wie keine Ausstrahlung mehr," stellt Ulrich Buschermöhle, Rentenberater bei PwC, fest. "Das hat zur Folge, dass 60 bis 70 Prozent aller Expats von ihren Unternehmen in irgendeiner Form falsch versichert werden." Der gängige Fehler: Die Personaler versichern ihre Leute unter Nutzung der Ausstrahlung und der EWG-Verordnung im deutschen System, obwohl die Bedingungen dafür nicht erfüllt sind.

Typische Ausstrahlungskiller sind laut Buschermöhle folgende Bedingungen:

-> Das Expat-Gehalt wird zwar vom Inland gezahlt, die Personalkosten werden aber von der Auslandstochter als Betriebsausgaben steuerlich geltend gemacht.
-> Das inländische Unternehmen hat keine Weisungsbefugnis mehr.
-> Die Entsendung verlängert sich laut Arbeitsvertrag immer wieder automatisch.
-> Ein unbefristeter Vertrag wird erst nachträglich in einen befristeten umgewandelt.

Eine echte Entsendung inklusive Ausstrahlung liegt heute fast nur noch bei Monteuren, Projektmitarbeitern oder Trainees vor, die ins Ausland geschickt werden, um ein bisschen Erfahrung zu sammeln. "Bei Führungskräften, die im Ausland Tochterunternehmen oder Abteilungen aufbauen und leiten sollen, liegt in der Regel ein Personaltransfer, also eine Versetzung vor", erklärt der PwC-Berater.

Wer dann nach dem Prinzip Ausstrahlung versichert wird, fällt zwischen alle Stühle: Das deutsche Recht gilt erst mal nicht mehr, und im ausländischen System ist der Expat gar nicht angemeldet. So überweisen die Unternehmen zwar fleißig Beiträge, es entsteht aber kein Recht auf Leistungen. Meist fällt der Fehler erst auf, wenn jemand krank beim ausländischen Arzt steht und die Kasse nicht zahlen will oder sich im Nachhinein Rentenlücken auftun. Die zu viel gezahlten Gelder gibt es zwar zurück, manches lässt sich in freiwillige Beiträge umwandeln. Aber mehr als Schadensbegrenzung ist das nicht. "Besonders unerfreulich ist das bei der Arbeitslosenversicherung", erklärt Buschermöhle, "Da gibt es dann die Beiträge nur für vier Jahre zurück, aber kein Arbeitslosengeld."

Die Gefahr der Unterversicherung lässt sich leicht bannen - man muss vor dem Auslandsjob nur genau hingucken. So können Expats auch über die mit der EU und vielen anderen Ländern abgeschlossenen zwischenstaatlichen Ausnahmevereinbarungen nach deutschem Recht versichert werden - es braucht nur einen anderen Antrag.

Arbeiten im EU-Ausland und der Schweiz

Liegt bei einem Expat in der EU und in der Schweiz tatsächlich eine Entsendung plus Ausstrahlung vor, dann zahlt er entsprechend der EWG-Verordnung 1408/71 wie bisher in die deutsche Renten-, Kranken-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung ein und erhält die gewohnten Leistungen daraus. Das ausländische Arbeitsland verzichtet darauf, seine Regeln anzuwenden.

Wer für eine längere Frist ins EU-Ausland geht oder die Ausstrahlungskriterien nicht erfüllt, kann sich nur auf zwischenstaatliche Ausnahmevereinbarungen berufen, um im deutschen System zu bleiben. In der Regel geht so ein Sonderabkommen in Ordnung; allerdings ist es zeitlich befristet, zum Beispiel in Dänemark, Großbritannien, Luxemburg und Österreich auf acht, in Italien auf vier Jahre. Liegt keine Entsendung (mehr) vor und gibt es keine Ausnahmeregelung (mehr), fällt der Arbeitnehmer definitiv aus dem deutschen System. Er muss sich dann im ausländischen versichern und notfalls mit privaten Versicherungen nachhelfen.

Expats in Nicht-EU-Ländern mit Abkommen

Mit vielen Ländern dieser Erde hat Deutschland inzwischen Sozialversicherungsabkommen geschlossen, die es einem Expat ermöglichen, in Deutschland versichert zu bleiben. Diese Freistellungen sind wie in Europa zeitlich befristet, die USA erlauben zum Beispiel neun Jahre, Japan acht. Wenn sie ablaufen, heißt es für den Expat: komplett ab ins fremde System.

Der Haken an diesen Sozialversicherungsabkommen ist, dass sie je nach Land unterschiedlich geregelt sind und sich nicht über alle Bereiche erstrecken (www.dvka.de/inhalt/sites/VertragsstaatenEntsendung.htm). Für die Pflegeversicherung gibt es zum Beispiel so gut wie keine Vereinbarung. In den USA und Kanada gelten sie ausschließlich für die Rente. Das heißt, man zahlt eine Zeit lang in die deutsche Rentenkasse ein, unterliegt aber in allen anderen Bereichen wie der Krankenversicherung dem Auslandsrecht.

Das Problem: In den USA und Kanada existiert keine Kranken- und Arbeitslosenversicherungspflicht. Wenn der Arbeitgeber daran nicht denkt, überweist er Beiträge in die deutschen Kassen und der Expat ist trotzdem nirgendwo versichert, weil ja das deutsche Recht nicht gilt - laut Experten kein seltener Fall. Wer also vor seinem Abflug versäumt hat, sich um eine Auslandskrankenversicherung zu kümmern, bleibt auf Behandlungskosten sitzen, wenn der Arbeitgeber nicht einspringt.

Arbeiten in Ländern ohne Abkommen

In Ländern, mit denen Deutschland kein Sozialversicherungsabkommen hat, wie zum Beispiel den meisten asiatischen, afrikanischen und arabischen Staaten sowie Südamerika, gilt grundsätzlich das Recht des jeweiligen Landes und man wird als Expat in deren Pflichtversicherungen untergebracht, so es denn welche gibt (Infos bei den Botschaften). Der Haken dabei: Gelten bei dem Auslandseinsatz die Regeln für Entsendung und Ausstrahlung, so ist der Expat auch noch in Deutschland pflichtversichert und zahlt doppelt. Beispiel Brasilien: Dort wandern acht bis zehn Prozent des Bruttolohns an die staatlichen Behörden.

Das muss kein Nachteil sein, denn der Arbeitnehmer erhält dann auch Leistungen aus beiden Systemen, hat später keine Rentenlücken hierzulande und behält seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Ein Pluspunkt vor allem, wenn im Ausland gar keine Versicherungspflicht besteht, denn so spart man sich die private Absicherung. Wer die Doppelversicherung umgehen will, sorgt in seinem Arbeitsvertrag dafür, dass keine Entsendung vorliegt; dann ist er aus dem deutschen System ganz raus - mit allen Vor- und Nachteilen.

Hilfe gegen Unterversicherung

Stellt ein Auslandskandidat fest, dass er bei einzelnen Risiken gar nicht oder nicht ausreichend versichert ist, kann er sich zum einen mit privaten Zusatzversicherungen zum Beispiel gegen Krankheit mehr Schutz verschaffen oder sich im deutschen staatlichen System freiwillig weiter versichern (www.bfa.de, Broschüre Nummer 20).

Das geht auch in der Rentenkasse - selbst wenn man dauerhaft im Ausland bleibt. Der Vorteil: Die Rentenlücke bis zur möglichen Rückkehr fällt kleiner aus. So steigt bei einem dreijährigen Auslandsjob und vollen Rentenbeiträgen die spätere monatliche Rente um 144 Euro. Der Nachteil: Manche Rentenleistungen, zum Beispiel bei Altersteilzeit oder Erwerbsunfähigkeit, entstehen nur durch Pflichtbeiträge und nicht durch freiwillige. Wer nur befristet im Ausland bleibt, kann deshalb auf Antrag auch wieder Pflichtbeiträge für die Rente zahlen.

In die staatliche Arbeitslosenversicherung kann man weder freiwillige noch Pflichtbeiträge einzahlen, wenn man einmal aus dem deutschen Recht gefallen ist.

Leistungen aus der Heimat

Arbeitnehmer, die während ihrer Zeit im Ausland im deutschen Sozialversicherungssystem bleiben, haben Anspruch auf die Leistungen, die sie auch hierzulande bekommen würden. Bei der gesetzlichen Krankenversicherung läuft die Erstattung entweder über den Auslandskrankenschein oder als Kostenerstattung über den Arbeitgeber. Ist eine Behandlung im Ausland teurer als hierzulande, zahlt die Kasse den hiesigen Betrag, und den Rest trägt der Arbeitgeber.

Privatpatienten sollten vor der Ausreise mit ihrer Versicherung klären, ob und in welchem Umfang der Schutz auch im Ausland gilt und wie die Kostenerstattung funktioniert. Gleiches gilt bei privaten Berufsunfähigkeits-, Haftpflicht- und Hausratversicherungen. In manchen ist der Auslandsschutz bereits enthalten, einige sind nachrüstbar.

Arbeitslosengeld wird grundsätzlich nicht ins Ausland überwiesen. Der Grund: Man steht den Arbeitsämtern nicht für die Vermittlung zur Verfügung. Wer Leistungen haben will, muss erst zurückkommen. Alters- und Erwerbsunfähigkeitsrenten werden problemlos auch ins Ausland gezahlt. Zahlungen aus der Pflegeversicherung werden in der Praxis meist nicht ins Ausland überwiesen, Geld für Kuren sowieso nicht. Geld gibt es erst bei Rückkehr.

Ansprüche aus dem Ausland

Wer als Expat nicht im deutschen System versichert ist, sondern in die Versicherungen des Auslandes zahlt, erhält Leistungen nach dem dort geltenden Recht. Die Bedingungen, wie viel Arbeitslosengeld es gibt oder welche Leistungen die Krankenkasse zahlt, sind je nach Land sehr unterschiedlich. In Großbritannien gibt es nur für sechs Monate Arbeitslosengeld à 50 Pfund die Woche. In Dänemark bekommt eine Schwangere statt der deutschen 14 gleich für 28 Wochen Mutterschaftsgeld. In den Niederlanden winkt die Rente ab 65, in Frankreich ab 60. Wer aus mehreren Ländern Rente bezieht, sollte diese unterschiedlichen Starttermine im Auge haben.

Hat man nur für kurze Zeit in die Auslandsrentenkasse gezahlt und die Mindestversicherungszeiten für einen Rentenanspruch nicht erfüllt, so kann man sich die dortigen Beiträge auf das hiesige Rentenkonto anrechnen lassen. Vor dem Auslandsabstecher erworbene Altersrentenansprüche verfallen nicht und können nach der Rückkehr fortgeführt oder im Alter auch im Ausland abgerufen werden. Früher erworbene Ansprüche auf Erwerbsunfähigkeitsrente verfallen dagegen sehr rasch, wenn man nicht mehr im deutschen System versichert ist: und zwar schon nach zwei Jahren ohne Pflichtbeiträge. Mögliche Lösung: Antrag auf Rückkehr in die Rentenpflichtversicherung stellen.

Ansprüche auf deutsches Arbeitslosengeld bleiben bestehen, wenn man innerhalb von drei Jahren mindestens zwölf Monate eingezahlt hat. Wer also länger als zwei Jahre im ausländischen System bleibt, verliert seine hier erworbenen Ansprüche und muss nach einer Rückkehr neu loslegen. Es dauert ein Jahr, bis der Anspruch wieder besteht, und zwei Jahre, bis man den Status quo erreicht hat. Als Notlösung gibt es für Rückkehrer eine private Zwei-Jahres-Versicherung beim Bund der Auslands-Erwerbstätigen (www.bdae.de). Obwohl all diese Regelungen in Zeiten der Globalisierung hoffnungslos veraltet anmuten, rechnen Experten nicht mit einer baldigen Vereinfachung - es fehlt einfach die Lobby.

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