Motorik Erfolg im Job mit links

Umgeschulte Linkshänder sind oft weniger leistungsfähig, unkonzentriert und erfolglos. Viele entdecken mit einer Rückschulung ihre Fähigkeiten und Kreativität neu und starten richtig durch.

Tina Groll, zeit.de | , aktualisiert


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Plötzlich konnte er klarer denken

Es passiert kurz vor dem Ende seines Studiums. Gregor Schilling sitzt in einer Vorlesung, muss mitschreiben – es steht eine wichtige Klausur an. Plötzlich versagt seine rechte Hand. "Ich konnte einfach nicht mehr schreiben", erinnert sich der Ingenieur.

Als habe er von einer Sekunde auf die andere das Schreiben verlernt. In seiner Not versucht er es mit der linken Hand – und erschrickt noch mehr. Denn das Schreiben mit links fällt ihm leicht. Mehr noch: Ihm kommt es so vor, als könne er sich besser konzentrieren, klarer denken.

Schilling fängt an zu recherchieren. Kann es sein, dass er in Wahrheit Linkshänder ist? Ist das etwa die Erklärung für seine Lese-Rechtschreibschwäche? Für seine Artikulationsschwierigkeiten? Dafür, dass ihm das Gitarrenspiel einfach nicht gelingt und ihm alles so furchtbar anstrengend und schwierig vorkommt?

Als Kind umgeschult

Schilling findet eine Psychologin, die auf die Beratung von umgeschulten Linkshändern spezialisiert ist. Und er lässt sich testen. Das Ergebnis ist eindeutig: Er ist Linkshänder.

"Viele Erwachsene wurden als Kinder umgeschult", sagt die Psychologin Marina Neumann. "Das beeinflusst ihr Leben sehr stark. Sie sind beruflich oft erfolglos, wählen Berufe, in denen sie eigentlich intellektuell unterfordert sind, aber in denen sie wenigstens motorisch mitkommen."


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Tendenz steigend

Das Leiden von umgeschulten Linkshändern sei ein wenig beachtetes Phänomen. "Bislang ging man davon aus, dass etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung Linkshänder sind, aber ich halte diese Zahl für zu niedrig", sagt die Psychotherapeutin Barbara Sattler.

Sie gilt als führende Expertin auf dem Gebiet der Händigkeit und leitet die erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder. Sattler geht davon aus, dass mindestens ein Drittel aller Menschen Linkshänder sind.

Die Zahlen steigen jährlich – denn seit den neunziger Jahren dürfen Kinder an deutschen Schulen nicht mehr umgeschult werden. In Kitas und Kindergärten, im Elternhaus oder bei den Großeltern finden dagegen auch heute noch Umschulungen statt.

Nicht einfach nur ein Schreibhandwechsel

Bei manchen Kindern fällt die Linkshändigkeit gar nicht auf. Sie schauen sich das Greifen und Malen in ihrer rechtshändigen Umgebung einfach ab. Psychologin Neumann geht deshalb davon aus, dass die Hälfte der Bevölkerung linkshändig sein könnte.

Bei den meisten Menschen ist jeweils nur eine Hand die motorisch stärkere. Komplexe feinmotorische Abläufe wie das Schreiben können sie nur mit einen oder anderen Seite ausführen. Mit der Händigkeit ist aber auch die Aktivität im Hirn verbunden.


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Beruflicher Neuanfang mit der linken Hand

Während Rechtshänder beim Schreiben zunächst die linke Gehirnhälfte ansteuern, geht der erste Impuls im Hirn von Linkshändern von der rechten Seite aus. "Umgeschulte Linkshänder überlasten die nicht dominante Hälfte. Bei der Interaktion der beiden Gehirnhälften kommt es zu Störungen. Das führt zu großer Unruhe im Gehirn", sagt Barbara Sattler.

Viele haben deshalb Probleme mit der Artikulation, eine Lese-Rechtschreibschwäche oder Konzentrationsschwierigkeiten. Viele umgeschulte Linkshänder entwickeln Depressionen, leiden unter Burn-out und Minderwertigkeitskomplexen, sagt die Psychologin Marina Neumann.

Auch sie war bis zu ihrem 47. Lebensjahr eine umgeschulte Linkshänderin, hatte oft das Gefühl, nicht mithalten zu können, "sich für alles unendlich anstrengen zu müssen", wie sie sagt. Aber sie erinnerte sich, dass sie als Kind gerne gemalt hat – mit der linken Hand.

"Mein Kopf war plötzlich frei"

In der Schule wollte sie dann auch mit links schreiben lernen, das wurde ihr aberzogen. Erst als Erwachsene – sie war bereits seit 20 Jahren als Psychologin tätig – entschied sie sich für die Rückschulung auf die linke Schreibhand.

Damit entdeckte sie völlig neue Seiten an sich und sie veränderte sich auch beruflich. "Mein Kopf war plötzlich frei", sagt sie. Seither widmet sich Neumann der Behandlung von Linkshändern. Eine berufliche Veränderung scheint häufig mit der Entdeckung der Linkshändigkeit und der Rückschulung zusammenzuhängen.


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Das Leben wird leichter

Auch Gregor Schilling kann davon berichten. "Plötzlich konnte ich klar kommunizieren, klar denken, meine Gedanken fokussieren. So als habe sich ein Knoten im Kopf gelöst", erzählt er. Auch sein räumliches Vorstellungsvermögen verbesserte sich.

Früher litt er unter einem geringen Selbstbewusstsein, konnte seinem Arbeitgeber nicht mitteilen, was ihn an seiner Tätigkeit störte. Er hatte Angst vor Bewerbungssituationen und vermied Prüfungssituationen. Jetzt macht sich der junge Ingenieur mit einem Internet-Start-up selbstständig. "Ich bin viel kreativer als früher."

"Eine Rückschulung ist für die meisten wie eine Befreiung", sagt Neumann. Malen oder Schreiben mit der linken Hand werde als weniger mühselig empfunden. Selbst einfache Tätigkeiten machten plötzlich Spaß. Aber eine Rückschulung dauert.

Hilfe annehmen und Geduld wahren

"Man sollte das auf keinen Fall allein machen, sondern immer unter Anleitung eines Linkshänderberaters oder Psychologen", rät Marina Neumann. Andernfalls sei das Risiko hoch, sich zu schnell zu überfordern. In der Rückschulung fängt man deshalb mit sehr einfachen Aufgabe an, erst später geht es ans Schreiben.

Nach wenigen Monaten gelingt das Schreiben mit der linken Hand, aber das Schriftbild sieht oft noch sehr kindlich aus. "Nach etwa anderthalb bis zwei Jahren haben die meisten ihre eigene Schrift", sagt Neumann.


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Trauerarbeit gehört dazu

Nicht unproblematisch sei die mit der Rückschulung verbundenen Aufarbeitung von negativen Erlebnissen, die umgeschulte Linkshänder im Laufe ihres Lebens gemacht haben. Gregor Schilling quälten in Schule und Studium Misserfolge und Unsicherheit. Das Gefühl, irgendwas stimme nicht mit ihm, belastete ihn.

Mit der Entdeckung der Linkshändigkeit hatte er zwar die Antwort und die Chance auf ein erfolgreicheres Leben, "aber da ist natürlich viel Trauer und auch Wut darüber, dass ich es so schwer hatte", sagt er.

Marina Neumann hofft, dass Linkshändigkeit stärker Beachtung findet. Auch für Linkshänder, denen nicht die linke Hand verboten wurde. "Linkshänder brauchen in vielen Berufen eigenes Equipment – Werkzeuge, Besteck, Maschinen", sagt sie Psychologin.

Sie fordert, dass sich Unternehmen besser auf Linkshänder einrichten. So müssten schon in Berufsschulen Werkzeuge für Linkshänder zur Grundausstattung gehören. Gregor Schilling hat sich einige Geräte für Linkshänder angeschafft. Aus ihm ist ein stolzer Linkshänder geworden.

Zuerst veröffentlicht auf zeit.de

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