Mobiles Arbeiten Deutschlands größtes mobiles Büro

Kaum ein Verkehrsmittel wird so viel von Businesskunden genutzt wie die Deutsche Bahn. Doch allzu offenes Arbeiten im Zug kann arbeitsrechtlich bedenklich sein.

Tina Groll / Zeit.de | , aktualisiert

Heike Friedrichs ist eine überzeugte Bahnfahrerin. "In keinem anderen Verkehrsmittel kann man die Reisezeit auch als Arbeitszeit nutzen", sagt die Chefin einer Agentur für Kommunikation und Design in Berlin. Vor fünf Jahren eröffnete sie mit ihrem Unternehmen eine weitere Niederlassung in Hamburg. Mindestens zweimal in der Woche pendelt sie seither zwischen beiden Städten. Die Zeit im Zug nutzt sie vor allem zum Arbeiten. Ihren Laptop und das Mobiltelefon hat sie immer mit dabei. Aber wirklich konzentriert arbeiten geht meist nur, wenn sie einen Sitzplatz nah an einer Steckdose ergattert und sowohl die Internet-, als auch die Handyverbindung hält.

Schnelle Verbindungen wie die zwischen Hamburg und Berlin machen den Zug als Verkehrsmittel für Geschäftsreisen attraktiv, kein Wunder, dass der Anteil der Geschäftsreisenden bei der Bahn seit Jahren steigt. Hinzu kommt der Gedanke an die Umwelt, der auch für Heike Friedrichs wichtig ist. Aber das Arbeiten in Deutschlands größtem, mobilen Büro hat seine Tücken.

Zum einen zu wenig Steckdosen. In vielen alten Zügen gibt es pro Wagon gerade einmal eine Steckdose – und die war ursprünglich zum Staubsaugen gedacht. Denn in den 90er Jahren, als diese Züge gebaut wurden, gab es noch keine mobilen Computer oder Telefone, die aufgeladen werden mussten. Selbst die neueren Züge sind nur mit wenigen Stromquellen ausgestattet.

So gut wie jeder kennt Szenen aus dem Zug, in denen sich Businessreisende mit Studenten um die freien Plätze in Steckernähe kabbeln. Bei der Sitzplatzreservierung lässt sich nicht bestimmen, wie weit die Entfernung zur nächsten Steckdose ist. Bei längeren Fahrten und erst Recht, wenn die Mobilfunkverbindung häufig unterbricht, ist durchgehendes Arbeiten also nur mit frisch geladenen Akkus möglich.

Immerhin: Damit die Telefonverbindung besser ist, hat die Bahn alle ICE-Züge mit neuen, leistungsoptimierten Repeatern ausgestattet. Angeblich auch auf der Strecke Hamburg-Berlin. Heike Friedrichs berichtet dennoch von abreißenden Verbindungen. "Aber", sagt sie, "es hat durchaus auch seine Reize, die knapp zwei Stunden mal nicht erreichbar zu sein". Da lässt sich die ungestörte Zeit anderweitig nutzen.

Zum Surfen allerdings weniger. Denn eine Internetverbindung gibt es nur auf bestimmten Strecken. Beispielsweise zwischen Köln und Frankfurt am Main, Stuttgart und München, Frankfurt und Hamburg. Das Angebot des Kooperationspartners T-Mobile ist kostenpflichtig, die Nutzungsgebühr kommt zusätzlich zum Fahrpreis hinzu. Zwar bemüht sich die Deutsche Bahn darum, das Angebot auszubauen – teuer bleibt es dennoch. Für eine Stunde werden acht Euro fällig, die Nutzung für einen Monat kostet 29 Euro.

Und Platz, um wirklich zu arbeiten, ist in den meisten Wagen ohnehin nur in der ersten Klasse. Wer eingepfercht in der zweiten Klasse sitzt, neben sich Fernreisende mit gigantischen Koffern, packt selten Akten und Laptop aus.

Schließlich ist das Arbeiten im Zug auch noch arbeitsrechtlich bedenklich. Denn die Bahn gilt als öffentlicher Ort. "Der Businesstalk am Telefon kann arbeitsrechtlich heikel werden. Sie können nie ausschließen, dass Fremde das Gespräch belauschen", sagt der Berliner Arbeitsrechtler Ulf Weigelt. Die meisten Arbeitnehmer haben eine Geheimhaltungsklausel in ihren Arbeitsverträgen. Wer Betriebsgeheimnisse fahrlässig oder absichtlich verrät, riskiert seinen Rauswurf. Der Arbeitsrechtler rät deshalb davon ab, sensible Unterlagen im Zug zu bearbeiten oder berufliche Telefonate offen im Abteil zu führen. "Selbst wenn Sie privat unterwegs sind und einen beruflichen Anruf im ICE erhalten und ein entsprechendes Gespräch führen, dürfte es schwierig werden, im Fall eines Rechtsstreit hier einen Ausnahmetatbestand zu konstruieren", sagt der Jurist.

Ulf Weigelt geht auch selbst im Zug auf Nummer sicher. Die Akten seiner Mandanten bleiben im Koffer, sein Handy ist während der Fahrt meist abgeschaltet. Er hat allerdings auch schon Juristenkollegen gesehen, die im ICE offen Prozessakten studieren. Dabei reicht schon der Spalt zwischen den Sitzreihen aus, um Unbefugten den Blick auf sensible Daten zu gewähren. Selbst das Arbeiten am Computer kann im Zug zum Risiko werden. Denn schon dann, wenn Dritten ein Blick auf den Bildschirm mit den internen Firmenzahlen zugänglich ist, verstößt der im Zug arbeitende Mitarbeiter gegen die Geheimhaltungsklausel seines Arbeitsvertrags, sagt Weigelt.

Und es kommt noch besser: Journalisten, die im Zug die Fetzen aus dem Telefonat über die Firmenfusion oder Bilanzzahlen vom Monitor des Netbooks mitbekommen, dürfen diese Informationen verwenden und sogar veröffentlichen. "Öffentliche Verkehrsmittel sind eben öffentlicher Raum", betont Ulf Weigelt.
Zumindest für das Problem mit dem Computerbildschirm gibt es eine Lösung: Sichtschutzfolie. Die gibt es bei verschiedenen Anbietern und kostet nur ein paar Euro. Heike Friedrichs hat sich eine solche besorgt, um ihre Kundenpräsentationen, an denen sie im ICE oft arbeitet, vor den Blicken anderer Fahrgäste zu schützen. "Man weiß ja doch nie, ob ein Mitbewerber hinter einem sitzt", sagt sie. Wenn sie während der Fahrt – sofern die Verbindung es zulässt – geschäftliche Anrufe bekommt, beschränkt sie sich zudem auf das Nötigste. "Eigentlich ist das ja auch eine Frage der Höflichkeit. Nichts ist schlimmer als die Gespräche anderer Fahrgäste in epischer Breite mitlauschen zu müssen", sagt die Unternehmerin.

Die Deutsche Bahn hatte übrigens in den 90er Jahren Konferenzabteile in ihren Zügen eingeführt. Doch wurden diese wegen zu geringer Nutzung wieder abgeschafft.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen auf Zeit.de

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