Mobile Daten Email am Arbeitsplatz: Der Chef liest mit

Nicht nur Mitarbeiter an der Kasse und im Lager werden überwacht. Auch in Branchen, deren Kapital mobile Daten sind, lesen immer häufiger Chefs die E-Mails mit. Darunter leidet oft das Vertrauen zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten. Dieses Vorgehen ist nur in seltenen Fällen erlaubt.

A. Dörner, K. Stricker | , aktualisiert

Lidl ist überall. Mitarbeiter in Discountern, in Warenlagern und in der Logistik sind längst nicht die Einzigen, die überwacht werden. Gerade diejenigen, die viel im Internet und mit sensiblen Daten arbeiten, wecken die Neugier der Chefs. Gefragter als Kameras und Detektive sind hier jedoch Software-Programme und Server-Daten, die zeigen, wie die Mitarbeiter E-Mail und Internet bei der Arbeit nutzen. "Die Überwachung nimmt vor allem in den Branchen zu, deren wichtigstes Gut mobile Daten sind", sagt der Brühler Arbeitsrechtler Michael Felser. Das trifft nicht nur auf die IT-Branche zu, sondern auch auf Banken, Berater, Forschungsabteilungen und den Vertrieb.

Mit solchen Überwachungen wollen Arbeitgeber zwei Dinge verhindern: Dass sensible Daten weitergegeben werden und dass der Dienstrechner zu sehr für private Zwecke genutzt wird. "Die Grenzen verlaufen hier allerdings fließend", sagt Peter Wedde, Professor für Arbeitsrecht und Recht der Informationsgesellschaft an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Das heißt: Das Sicherheitsinteresse der Unternehmen werde oft als Vorwand genutzt, um zu sehen, wie die Kollegen arbeiten.

Carsten Rau, Entwicklungsleiter bei der Saarbrücker Software-Firma Protectcom, rät dazu, am besten gar nichts Privates an den Bürocomputern zu machen - auch wenn es in Maßen erlaubt ist. Protectcom ist nach eigenen Angaben Marktführer für Überwachungs-Software im deutschsprachigen Raum. Mit ihr können Chefs die E-Mails ihrer Mitarbeiter nach bestimmten Schlüsselwörtern - zum Beispiel dem Namen der Konkurrenz - durchsuchen und sich abends im Zeitraffer ansehen, wer welche Internetseiten aufgerufen hat. Legal ist das auch nach Ankündigung nur in bestimmten Fällen. Doch das stört die Wenigsten. Zu Raus Kunden gehören Unternehmen von fünf bis 50000 Mitarbeitern. "Wir haben jedes Jahr zweistellige Zuwachsraten. Das ist ein regelrechter Boom."

Bei der Internet-Überwachung stehen die Unternehmen vor einem Dilemma. "Einerseits geht die Loyalität zwischen Chef und Mitarbeiter verloren, weil Arbeitsplätze immer unsicherer werden und man häufiger den Arbeitsplatz wechselt", sagt Arbeitsrechtler Felser. Andererseits können Firmen junge Talente kaum an sich binden, wenn ihnen ein Kontroll-Image anlastet - gerade wenn Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt schwer zu bekommen sind. Die Unternehmen geben ihren Mitarbeitern deshalb unterschiedlich viele Freiheiten. Der Chiphersteller Intel und IBM etwa betonen, dass ihre Mitarbeiter große Freiräume haben. "Die Zeiterfassung haben wir bei Intel abgeschafft. Unsere Mitarbeiter bekommen Ziele, die sie erfüllen müssen. Wie und wo sie das machen, ist nebensächlich - das heißt auch, dass privates Surfen in Maßen erlaubt ist", sagt Intel-Sprecher Mike Cato.

Der Chemiekonzern Bayer dagegen hat 2005 entschieden, dass Internet und E-Mail nur noch zu geschäftlichen Zwecken genutzt werden dürfen, weil die Server zu sehr durch Privates belastet wurden. Seitdem wird sämtlicher Internetverkehr protokolliert und in Stichproben ausgewertet. In bestimmten Fällen können die Daten einige Jahre zurückreichen. Der Betriebsrat nennt einen aktuellen Fall, bei dem E-Mails seit 2001 verwertet werden.

Wann der Arbeitgeber Kameras aufstellen, E-Mails lesen oder die Internetnutzung überwachen darf und wo die Grenzen der Kontrolle sind, klärt die Junge Karriere in den wichtigsten Fragen zu diesem Thema.  

Darf mich mein Arbeitgeber am Arbeitsplatz mit Kamera überwachen?

Er darf, aber nur, wenn er einen konkreten Verdacht hat, etwa dass einer seiner Mitarbeiter in die Kasse oder Regale greift. Eine dauernde Kameraüberwachung ist nicht erlaubt, da dadurch die Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter verletzt werden. "Der Generalverdacht, dass alle Mitarbeiter potenzielle Diebe sind, reicht nicht aus", sagt der Brühler Anwalt Michael Felser.

Die Videoüberwachung zur bloßen Kontrolle des Arbeitsverhaltens der Belegschaft ist verboten. Die Arbeitsgerichte reagieren auf dieses Thema mittlerweile sehr rigide. Schließlich kann der Vorgesetzte, wie im Fall Lidl, bei der vermeintlichen Suche nach Ladendieben viele Informationen über seine Mitarbeiter auskundschaften, die ihn nichts angehen, etwa Privates. "Auch am Arbeitsplatz steht dem Arbeitnehmer Privatsphäre zu", sagt Arbeitsrechtsanwältin Pia Alexa Becker aus München. Daher sind Kameras auf Toiletten, in Pausenräumen und Teeküchen unzulässig. Einzige Ausnahme: Dort ist es in der Vergangenheit schon öfters zu Diebstählen oder Körperverletzungen gekommen. Gibt es einen Betriebsrat in der Firma, muss er der Videoüberwachung vorher zugestimmt haben - und hat dann die Pflicht, zu kontrollieren, dass sich die Überwachung in Grenzen hält und die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen nicht verletzt werden.

Wo müssen Arbeitnehmer mit Kontrolle rechnen? Sind Akademiker betroffen?

Nicht nur im Einzelhandel wird überwacht, auch in vielen anderen Bereichen kommen Kameras und Co. zum Einsatz, etwa in Banken, Krankenhäusern oder Forschungszentren. Und auch Akademiker sind nicht sicher vor der Kontrolle durch ihren Arbeitgeber. Nur geht es bei ihnen weniger um Ware als um immaterielle Werte wie Kundenlisten, geschützte Verfahren oder sonstige Betriebsgeheimnisse. Denn die Angst vor Geheimisklau ist gerade in der Computer- oder Forschungsbranche sehr groß. "Diese Gefahr nutzen viele Unternehmen als Vorwand, um ihre Mitarbeiter zu bespitzeln, etwa wie oft vielleicht privat untereinander geschwatzt wird oder jemand Raucherpausen macht", so Becker. "Das ist zwar nicht erlaubt, aber ein netter Nebeneffekt für viele Vorgesetzte."

Wie kann man sich gegen eine Überwachung à la Lidl wehren?

Wer am Arbeitsplatz bespitzelt wird, kann beispielsweise seinen Chef abmahnen oder sogar seine Arbeit verweigern, bis beispielsweise die Kamera wieder weg ist. In extremen Fällen kann der Mitarbeiter seinen Chef sogar auf Schadenersatz verklagen.

Darf der Chef meine E-Mails lesen?

In vielen Unternehmen ist es üblich, die Internet-, Mail- und Computernutzung der Mitarbeiter zu überwachen", beobachtet der Arbeitsrechtsspezialist Felser. Im Gegensatz zur Videoüberwachung ist die Kontrolle in diesen Bereichen eher erlaubt, weil sie nicht die Persönlichkeitsrechte des einzelnen Mitarbeiters betrifft. Generell gilt: Ist die private Nutzung von Internet und Mail gestattet, darf der Chef private Mails nicht lesen. Um diese klar zu kennzeichnen, empfiehlt es sich, in seinem Mailaccount einen separaten Ordner anzulegen. Der ist für den Chef tabu.

Ist der private Gebrauch des Mailaccounts nicht erlaubt, darf der Arbeitgeber davon ausgehen, dass alle Mails im Posteingang des Arbeitnehmers dienstlich sind. Und "auf dienstliche Mails dürfen Vorgesetzte und Kollegen selbstverständlich zugreifen, zum Beispiel, wenn man im Urlaub oder krank ist", erklärt Felser. Dienstliche Mails seien das gleiche wie geschäftliche Briefpost. Seiner Auffassung nach dürfte der IT-Service des Arbeitgebers sogar die Passwörter für den Computerzugang knacken, wenn der Chef dringend Daten benötigt. "Der PC im Büro ist ein Werkzeug, praktisch wie ein Aktenschrank", erinnert der Arbeitsrechtsexperte.

Wann sind private Mails erlaubt?

Ob es in einem Unternehmen üblich ist, mal eine private Mail zu empfangen oder auch mal privat zu surfen, sollten Berufsanfänger im Zweifel gleich am Anfang klären, rät Arbeitsrechtlerin Pia Alexa Becker. Gibt es kein ausdrückliches Verbot, kann man in der Regel von einer moderaten privaten Internetnutzung ausgehen - ähnlich wie beim Telefon. Übertreiben sollte man es trotzdem nicht: "Ich wäre vor allem als Berufseinsteiger vorsichtig mit privaten Äußerungen im Job - egal, ob per Mail oder im Gespräch mit Kollegen", so Becker. Schließlich wisse man nie, welcher Kollege vielleicht doch aus Eigennutz eine unüberlegte Lästerei gegen einen verwendet.

Darf kontrolliert werden, wohin ich surfe?

"Die private Internetnutzung hat sich zu einem der beliebtesten Kündigungsgründe entwickelt", erklärt Anwalt Felser. Was früher die Reisekostenabrechnung sei heute das Surfen: Eine potenzielle Rechtfertigung für eine Kündigung, wenn der Chef einen Grund sucht, um einen Mitarbeiter loszuwerden. Allerdings darf ein Mitarbeiter nur bei extremer Nutzung des Dienst-PCs für private Zwecke fristlos gekündigt werden; in allen anderen Fällen muss er vorher zunächst ausdrücklich abgemahnt werden. Ist privates Surfen erlaubt, darf der Arbeitgeber die aufgerufenen Seiten seines Mitarbeiters nur überwachen, wenn es einen dringenden, ganz konkreten Missbrauchsverdacht gibt. Eine permanente Inhaltsüberwachung ohne Einwilligung des Arbeitnehmers ist nicht zulässig.

Darf der Chef mein Privatleben bespitzeln?

Ein klares Nein. Was ein Mitarbeiter in seiner Freizeit treibt, mit wem er zusammenlebt, mit wem er ausgeht, das alles geht den Boss nichts an. Die Privatsphäre des Mitarbeiters ist heilig. Ausnahme: Gibt es einen konkreten Verdacht, dass ein Mitarbeiter seine Krankheit nur vortäuscht, ist es erlaubt, den Angestellten außerhalb seiner Wohnung von einem Privatdetektiv beobachten und etwa filmen oder fotografieren zu lassen. Lidl beteiligt sich an der Junge-Karriere-Initiative Fair Company und hat sich damit verpflichtet, Praktikanten und Absolventen fair zu behandeln. Nachdem die Spitzelvorwürfe bekannt wurden, hat die Redaktion Lidl aufgefordert, das Bekenntnis zu erneuern: "Selbstverständlich sehen wir uns weiterhin den von uns anerkannten Grundsätzen von Fair Company verpflichtet und wenden diese strikt auf die in unserem Unternehmen beschäftigten Praktikanten an."

Artikel teilen

Ihr Browser ist veraltet. Deshalb können Sie diese Webseite nicht korrekt darstellen!

Bitte laden sie einen dieser aktuellen, kostenlosen und exzellenten Browser herunter:

Für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit, Komfort und Spaß.

Lade Seite...