Mittelstand Mit Freelancern gegen den Fachkräftemangel

Weil Fachkräfte fehlen, entgehen dem deutschen Mittelstand Milliarden. Freiberufler könnten so manche Lücken stopfen. Warum die Unternehmen trotzdem nur vereinzelt mit Freelancern zusammenarbeiten.

Sebastian Schaal und Kerstin Dämon, wiwo.de | , aktualisiert

Mit Freelancern gegen den Fachkräftemangel

Foto: Jane / Fotolia.com

"Mittelstand beklagt fehlende Bildung der Azubis", "Nachwuchswerbung: Mittelstand hat es schwer" oder "Jeder vierte Mittelständler hat Probleme mit einer geeigneten Nachfolge". Schlagzeilen wie diese zeichnen ein klares Bild: Egal ob Auszubildender, Fachkraft oder künftiger Chef, Deutschlands Mittelständler sorgen sich ums Personal.

Zwei Entwicklungen machen Unternehmen zu schaffen: die Digitalisierung und der Fachkräftemangel. Dabei beißt sich die Katze in den Schwanz: Denn nicht nur, dass der Programmierer in Rente geht und einfach niemand nachrückt – es entstehen auch im Minutentakt neue Anforderungen. Universitäten und Fachhochschulen kommen mit dem Ausbilden kaum noch hinterher.

Während große Unternehmen mit attraktiven Karrieremöglichkeiten und großen Werbeetats im Rennen um die besten Köpfe bessere Chancen haben, bekommt der Mittelstand den Mangel besonders zu spüren. Das zeigt das aktuelle Mittelstandsbarometer der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY.

Freiberufler wenig verbreitet

Mehr als die Hälfte sieht die Entwicklung des eigenen Betriebs bedroht, weil zu wenig qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Laut EY entstehen dadurch Umsatzeinbußen von 36,5 Milliarden Euro pro Jahr, weil Aufträge nicht fristgerecht erledigt oder erst gar nicht angenommen werden können.

Eine Möglichkeit, Fachkräfteengpässe und Planungsunsicherheiten zu umgehen, kann der Einsatz von Freiberuflern sein. Doch viele Unternehmen zieren sich: Laut einer Umfrage des Personaldienstleister Hays und dem Marktanalyseunternehmen PAC unter 225 Fachbereichsleitern in mittleren und großen deutschen Unternehmen setzen nur zehn Prozent externe Mitarbeiter ein, die sie bei sich verändernden Bedingungen ganz einfach wieder loswerden könnten. 16 Prozent sagen sogar, dass der Einsatz von Freelancern ihnen zwar helfen könnte, ihre Probleme zu lösen – beauftragt habe man aber trotzdem keine.

Nachholbedarf im Mittelstand

Michael Moser kennt die Gründe für die Zurückhaltung. "Der Mittelstand kennt die Beschäftigungsform des Freiberuflers weniger", sagt der Geschäftsführer der auf IT- und Engineering-Freelancer spezialisierten Personalagentur Gulp. "Große Unternehmen arbeiten hingegen seit Jahren mit Freelancern zusammen."

Laut Moser arbeitet nur rund jeder fünfte Freiberufler für kleine Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern. "Dieser Wert schwankt immer ein wenig, die Tendenz ist aber steigend." Zum Vergleich: Die Hälfte der Freelancer arbeitet bei größeren Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern. Die Kleinen haben Nachholbedarf.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

Je größer ein Unternehmen ist, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass es Freelancer einsetzt. "Wir beschäftigen Freiberufler, wenn interne Kapazitäten so ausgelastet sind, dass wir Aufträge oder Zuarbeiten extern vergeben", sagt Frank Jordan aus der Personalabteilung von Phoenix Contact aus Blomberg. "Teilweise holen wir uns damit auch Experten-Know-how an Bord." Zudem sei in der Weiterbildung die Besetzung der Referentenplätze mit Externen eine gewohnte Praxis.

Mit seinen weltweit 14.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von rund 1,8 Milliarden Euro gehört der Automatisierungsspezialist zu den größeren mittelständischen Unternehmen. Die Zusammenarbeit mit Freelancern ist hier keine Seltenheit – aber nicht in jedem Bereich. "Wir beschäftigen Freiberufler im IT- und Web-Umfeld, im Bereich Werbung und Gestaltung sowie im Bereich Recht", sagt Personaler Jordan. "Finanzen, Entwicklung und Vertrieb sind Bereiche mit hoher Vertraulichkeit, deswegen werden hier keine Freelancer eingesetzt."

Digitalisierung setzt Unternehmen unter Druck

Auch bei dem Schaltschrankbauer Rittal aus dem hessischen Haiger werden Freiberufler bislang nur vereinzelt eingesetzt. "Dies geschieht vor allen Dingen im Marketing, in der IT und als Trainer in der Weiterbildung", erläutert Unternehmenssprecherin Regina Wiechens-Schwake. "Unsere Strategie ist es, das Know-how für unsere weltweiten Innovationen bei unseren eigenen Mitarbeitern weiter auszubauen."

Dass ausgerechnet in der Aus- und Weiterbildung Wissen von außen dazu geholt wird, kommt nicht von ungefähr. Eines der Kernergebnisse der Hays-Umfrage: Die Digitalisierung setzt Unternehmen unter einen starken Anpassungsdruck, der sich wiederum auf den Fachkräftebedarf auswirkt. Entsprechend gaben vier von fünf Befragten an, nicht nur einfach Spezialisten zu brauchen, sondern vor allem Menschen, die sich schnell neuen Bedingungen anpassen können. Denn: Was heute begehrtes Spezialwissen ist, ist morgen schon wieder überholt – und das Personal muss für neue Aufgaben geschult werden.

Freelancer häufig in IT-Abteilungen

63 Prozent gaben an, dass sie bereits Probleme haben, geeignete Kräfte zu finden, mit denen sie die Digitalisierung gestemmt bekommen. Fast genauso viele Unternehmen (57 Prozent) sagen, dass es aufgrund der sich rasant verändernden Umstände immer schwieriger wird, langfristig zu planen. Wer weiß schon, ob Apps, die derzeit ganze Abteilungen von IT-Spezialisten in Lohn und Brot halten, nicht mit dem nächsten großen Wurf von Apple und Co. wieder out sind. Oder ob nicht schon nächste Woche jemand etwas erfindet, dass Cloud-Dienste so alt aussehen lässt wie den Beruf des Laternenanzünders. Und schon stehen die ganzen heißbegehrten Cloud-Architekten auf der Straße.

So überrascht es kaum, dass Rittal und Phoenix Contact mit den Freelancern in ihren IT-Abteilungen nicht alleine dastehen. Rund die Hälfte der von Hays befragten Personaler sagen aus, dass sie im letzten Jahr im IT-Bereich Freelancer eingesetzt haben, 55 Prozent lagerten Projekte an Dienstleister aus.

Warum gerade in den IT-Abteilungen verstärkt Freelancer eingesetzt werden, hat einen einfachen Grund. "Die meisten Aufträge finden außerhalb des laufenden Betriebs statt", sagt Moser. "Hier holen sich die Unternehmen gezielt fehlendes Spezial-Know-how für einmalige Vorgänge, zum Beispiel das Upgrade einer SAP-Version." Diese Einschätzung teilt auch Regina Wiechens-Schwake. "Wenn wir in ganz bestimmten Fällen zeitlich limitiert Spezialwissen benötigen, setzen wir hochqualifizierte Freiberufler aus unserem Netzwerk ein – zum Beispiel im IT-Bereich, bei Großprojekten und einmaligen Investitionen", sagt die Rittal-Sprecherin.

Bedarf an Externen wird steigen

Weil es besonders in kleinen Unternehmen zu selten solche aufwändigen Projekte gibt, lohnt sich für sie ein IT-Experte auf einer festen Stelle kaum – zudem gerade in der IT auch viel Spezialwissen gefragt ist. Wegen der steigenden Anforderungen gehen 32 Prozent aller Befragten davon aus, dass der Bedarf an Externen in den nächsten zwei bis drei Jahren steigen wird.

Aber nicht nur die kleinen und mittleren Unternehmen sind in der IT auf Freelancer angewiesen. "Auch Großunternehmen können bestimmte Skill-Gruppen nicht mehr als Angestellte fest an sich binden", sagt Moser. "Zum Beispiel SAP-Experten oder Mobile-App-Entwickler arbeiten zunehmend lieber freiberuflich, da sich die projektbezogene Arbeit für sie rentiert."

Einiges Fachwissen wird künftig verstärkt von Extern gezielt eingekauft. Dass Gros der Mitarbeiter wird aber nach wie vor fest angestellt sein. Hier haben die Personalsorgen bei kleinen und mittleren Unternehmen nachgelassen – entspannt sind sie aber immer noch nicht.

Optimistische Chefs im Mittelstand

Immerhin ist die Zuversicht da: 57 Prozent der Mittelständler, die Einstellungen planen, erwarten Schwierigkeiten bei der Suche nach Fachkräften. Das zeigt eine aktuelle Studie von KfW Research auf Basis des repräsentativen KfW-Mittelstandspanels 2014. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 lag der Anteil der einstellungsbereiten Unternehmen, die befürchteten, offene Stellen nur mit Abstrichen, verzögert oder überhaupt nicht besetzen zu können, noch bei 75 Prozent.

"Der Optimismus bei der Fachkräfterekrutierung überrascht", sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW. Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Arbeitnehmern, die zunehmende Mobilität der Arbeitnehmer sowie die Zuwanderung gut qualifizierter Fachkräfte aus EU-Ländern hat den Chefs im Mittelstand offenbar einige Personalsorgen genommen, schätzt Zeuner. "Allerdings wohl nur vorübergehend." Der demografische Wandel werfe seine Schatten voraus: Bereits heute sei über alle Branchen hinweg der Mangel an qualifizierten Bewerbern Hauptsorge für unbesetzte Arbeitsstellen. "Das ist ein Indiz für zunehmende Fachkräfteengpässe in der Zukunft."

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