Mitarbeiterführung Der Umgang mit Macht ist erlernbar

Wenn ein Vorgesetzter wütend wird, erntet er oftmals wenig Kritik. Doch die Entgleisungen haben Folgen. Im Interview spricht Arbeitspsychologe Tim Hagemann darüber, wie Führungskräfte mit ihrer Wut umgehen und Mitarbeiter reagieren sollten.

Tina Groll / Zeit.de | , aktualisiert

Herr Hagemann, was geht in Führungskräften vor, die wie der Finanzminister Wolfgang Schäuble ihre Mitarbeiter öffentlich vorführen?
Wer schon lange in einer Machtposition ist, verliert oft das Gespür für soziale Normen. Solche Führungskräfte bekommen häufig kaum oder kein aufrichtiges Feedback von außen. Vor allem dann, wenn sie mit sozialen Konventionen brechen. Eigentlich lernt jeder Mensch in der Kindheit, sich an soziale Normen zu halten und seine Impulse zu unterdrücken. Führungskräfte in Machtpositionen, die viele Menschen in einem Abhängigkeitsverhältnis unter sich haben, fallen aber oft in ein impulsgesteuertes Verhalten zurück. Sie unterdrücken ihre Gefühle weniger, weil ihre Machtposition das zulässt. Die Umwelt scheint dies zu akzeptieren, weil sie oft abhängig von der Führungskraft ist.

Macht macht also emotional kaputt?
Die Verhaltensmechanismen laufen meistens automatisch ab. In dem Video, das es von der Pressekonferenz gibt, kann man das recht gut beobachten: Die Journalisten scheinen sich zunächst mit dem Minister zu verbünden, einige lachen. Die öffentliche Empörung über das Fehlverhalten des Ministers wurde erst später laut.

Jetzt aber hat Schäubles übergriffiges Verhalten eine öffentliche Debatte ausgelöst. Warum?
Weil viele solche Situationen aus ihrer eigenen Arbeitswelt kennen. Kaum ein Lebensbereich ist derart stark von Machtstrukturen durchdrungen wie die Arbeitswelt.

Aber nicht jede Führungskraft verlernt, die eigenen Gefühle zu regulieren.
Natürlich nicht. Es hängt eben davon ab, welche alternativen Verhaltensstrategien zur Verfügung stehen. Ein guter Umgang mit Macht lässt sich in Kommunikationstrainings und Coachings lernen. Das Verhalten ist auch abhängig vom jeweiligen Führungsstil. Man kann ein Unternehmen oder ein Ministerium mit Strenge und Angst führen – oder mit Vertrauen und Souveränität. Otto Schily etwa galt als strenger Chef, den seine Mitarbeiter fürchteten. Frank-Walter Steinmeier war als angenehmer Chef bekannt, der das Vertrauen und den Respekt seiner Mitarbeiter genoss. Beide Politiker aber haben ihre Ministerien gut geführt.

Wie würde ein konstruktiver Umgang mit der Wut aussehen?
Der Chef würde sie kontrollieren. Prinzipiell gibt es drei Arten, mit Ärger umzugehen. Man kann ihn unterdrücken, aber das macht auf Dauer krank. Man kann ihn rauslassen – dann führt man mit Angst. Oder man kann ihn kontrollieren. Das setzt aber voraus, dass man seine Emotionen analysiert und die Sachebene von der Beziehungsebene trennt.

Kontrolle bedeutet also ein reflektiertes Unterdrücken der Wut?
Nein, es ist wichtig, die Verärgerung zum Ausdruck zu bringen. Das sollte aber in einer Vier-Augen-Situation geschehen. Chefs sollten ihren Ärger zeigen, aber sie sollten sich die Zeit nehmen, die Situation richtig zu bewerten. Wer blind seinen Impulsen folgt, verspielt die Loyalität und das Vertrauen seiner Mitarbeiter. Emotionen verändern sich mit der Zeit. Darum ist der alte Rat sinnvoll, eine Nacht über eine ärgerliche Situation zu schlafen. Erst danach sollte man seinen Mitarbeiter zum Gespräch rufen.

Was sollte der Mitarbeiter tun? Hat er überhaupt eine Chance, in der akuten Situation den wütenden Chef zu erreichen?
Der Mitarbeiter sollte sich möglichst nicht provozieren lassen. Er sollte aber seinen Ärger auch nicht in sich reinfressen, sondern mit etwas Abstand das Gespräch suchen. Dabei sollte er seinen inhaltlichen Fehler eingestehen und Lösungsansätze aufzeigen. Zum Beispiel könnte der Mitarbeiter anbieten, die Aufgabe beim nächsten Mal besser oder schneller zu erledigen. Aber er sollte seinem Vorgesetzten auch klar mitteilen, dass er sich auf der emotionalen Ebene sehr verletzt fühlt. Es ist wichtig, Feedback zu geben. Das übergriffige Verhalten des Vorgesetzten muss Konsequenzen haben. Deshalb finde ich es souverän, wenn nun Schäubles Sprecher zurücktritt. Das ist ein deutliches Signal. Allerdings sollte nicht nur der betroffene Mitarbeiter reagieren, sondern auch die Kollegen.

(Zuerst erschienen auf Zeit Online)

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