Misserfolge Falsche Sucht nach Perfektion

Der Druck im Job steigt: Immer soll alles perfekt sein und man selbst auf den Punkt funktionieren. Wer morgens als erstes kommt und abends oft länger bleibt, ist auf dem Weg zu einem größeren Problem.

Osia Katsidou, wiwo.de | , aktualisiert

Falsche Sucht nach Perfektion

Perfektion 2

Foto: funway5400 / Fotolia.com

Ständig sind wir auf der Suche nach der Anerkennung anderer Menschen. Wir wollen möglichst perfekt sein: selbstbewusster Auftreten, die eigene Meinung auch gegen Widerstände verteidigen, nur keine Schwäche zeigen. Dabei ist es normal, an sich zu zweifeln und manchmal auch notwendig, um das eigene Potenzial zu entfalten. Doch bei vielen Menschen wird daraus ein Selbstzweifel, der so stark ist, dass er Leben und Arbeitsalltag maßgeblich beeinflusst.

Eng verbunden mit einem fehlenden Selbstbewusstsein, ist auch das Gefühl, minderwertig zu sein. Nicht selten kompensieren das Betroffene mit einem starken Verlangen nach Anerkennung, aber auch mit starker Eitelkeit – nicht unbedingt positiv besetzte Eigenschaften.

Sozialer Druck erhöht die Angst vor dem Versagen

Der sogenannte Minderwertigkeitskomplex führt laut Jörg Wittgen, Wirtschaftspsychologe und Managementberater, im Beruf zu häufigen Übertreibungen. Menschen, die betroffen sind, kommen oft als erste ins Büro und bleiben abends länger. "Jemand mit Selbstzweifeln sagt selten Nein zu zusätzlichen Aufgaben und beschwert sich kaum", beobachtet der Experte. Das kann in bestimmten Fällen zu einer Beförderung führen, weil sich die Mühe auszahlt. Wittgen aber warnt, dass Menschen mit Komplexen dann die damit verbundenen Anforderungen eventuell nicht erfüllen und umso größer scheitern könnten.

Auch sozialer Druck kann Minderwertigkeitskomplexe bei Individuen begünstigen. Wer Angst vor dem Versagen und keinen Rückhalt hat, ist für steten Zweifel besonders anfällig. Er fühlt sich schnell, als würde er scheitern – auf ganzer Linie.

In Deutschland ist die Fehlertoleranz gering

Das Scheitern gesellschaftlich zu entstigmatisieren, ist Ziel der Macher der Fuck-Up-Nights (FUN), einer Bewegung, die 2012 in Mexiko gestartet wurde und durch die ganze Welt ging. Die Vortragsreihe, bei der Menschen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ihre Erfahrungen des Misslingens einem Publikum mitteilen, findet unter folgendem Motto statt: Sometimes You Win. Sometimes You Learn.

In Deutschland sprachen bereits Persönlichkeiten wie der FDP-Vorsitzende Christian Lindner und bekannte Internetunternehmer wie die Samwer-Brüder von ihren Misserfolgen. Laut Ralf Kemmer, Mitinitiator von FUN und Lehrender an der Design Akademie Berlin, gibt es in Deutschland eine geringe Fehlertoleranz. "Die Deutschen sind sehr ergebnisfokussiert und somit weniger flexibel", sagt er.

Das belegen Forschungen des Wirtschaftspsychologen Michael Frese von der Leuphana-Universität Lüneburg, die Deutschland und Singapur auf die letzten Plätze setzen, wenn es um eine gesellschaftliche Akzeptanz des Scheiterns geht. Am lockersten, insbesondere bei unternehmerischen Fehlern, sind die US-Amerikaner, die dabei eine Möglichkeit sehen, für die Zukunft dazuzulernen.

Henriette Runge ist Mitorganisatorin bei den Fuck-Up-Nights und arbeitet im sonstigen Leben unter anderem im Musikmanagement. Sie bestätigt das deutsche Stigma beim Thema Scheitern und sagt: "Eine Fehlervermeidungskultur entsteht oft, wenn in einer Gesellschaft Unsicherheiten verpönt sind. Das scheint verbreitet zu sein in Kulturen, in denen das Individuum wichtiger ist als die Gesellschaft."

Minderwertigkeitskomplexe lassen sich nur durch eine Therapie überwinden

Runge hat sich schon viele Vorträge angehört, richtig bewegt wurde sie von der Rede von Jeanine Thorpe. Die einst als Wunderkind geltende Violinistin sah sich – als sie schließlich Konzertmeisterin wurde – mit so starken Panikattacken konfrontiert, dass sie nicht mehr weiterspielen konnte.

Jörg Wittgen ist überzeugt: Ein solcher Komplex muss mit einer Therapie überwunden werden, denn er "kommt nicht plötzlich irgendwo her, sondern ist mit Prägungsmomenten aus der Kindheit verbunden." Er sagt, dass man Minderwertigkeitskomplexe bei Kollegen oder Angestellten am besten mit häufigem Lob und positivem Feedback begegnet. Allerdings ist das Loben eine Disziplin für sich – und nur wenige Chefs können das richtig gut: Es kommt vor allem darauf, dass Chefs den Mitarbeiter persönlich loben sollten – nicht über Dritte und nicht über E-Mail. Hinzukommt, dass das Lob kein Mittel zum Zweck sein sollte, sondern immer ehrlich und aufrichtig. Mitarbeiter spüren es, wenn Chefs nur loben, um dafür etwas herauszuschlagen. Führungskräfte sollten aber auch deutlich machen, wenn ihnen etwas missfällt.

Henriette Runge möchte das Scheitern vor allem gesellschaftlich enttabuisiert sehen. "Manager – und viele andere Menschen im Berufsleben – sollten Fehler viel stärker thematisieren und entstigmatisieren." Dabei geht es ihr nicht um eine endlose Fehlertoleranz sondern um eine bessere Fehlerkultur und einen gesünderen Umgang mit Misserfolgen. Das Scheitern sieht Runge als Teil des Lernprozesses, denn, so sagt sie: "Nobody`s perfect – und niemand muss es sein."


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de

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