Misserfolg Wie man mit Niederlagen umgeht

Dasselbe Ziel anpeilen? Kommt auf die Analyse an. Nach einer Niederlage sollte man zunächst zwei oder drei Tage abschalten. Und dann zur Fehleranalyse übergehen. Das kann man lernen, sagt die Trainerin und Beraterin Anja Gräfin von Kanitz.

Miguel Zamorano, wiwo.de | , aktualisiert


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Wieder einmal hat die deutsche Nationalmannschaft eine Niederlage gegen Italien hinnehmen müssen. Was raten Sie den enttäuschten Spielern?

Anja Gräfin von Kanitz: Man sollte den Schmerz erst einmal in seinem engsten Kreis verarbeiten. Sowohl emotional als auch körperlich ist das in dieser Phase des Schmerzes ungeheuerlich wichtig.

Anja Gräfin von Kanitz, Jahrgang 1964, ist Kommunikationstrainerin, Moderatorin und Coach. Sie arbeitet seit 1990 im Bereich Optimierung mündlicher Kommunikationsprozesse mit Managern, Führungskräften und Teams in Unternehmen und Organisationen. Als Fachbuchautorin hat sie sich bei ihrem Buchprojekt zur emotionalen Intelligenz intensiv mit der Verarbeitung belastender Gefühle wie Enttäuschung, Ärger, Trauer und Scham auseinander gesetzt.


    

Was ist wichtiger: Loslassen oder Fehleranalyse?

Zwei oder drei Tage mit der Familie oder vertrauten Freunden verbringen ist für die emotionale Aufarbeitung in Ordnung. Wenn diese vorbei ist, dann heißt es: Kopf einschalten, mit der Fehleranalyse beginnen. Was hätte ich/was hätten wir anders machen können? Was war einfach nur Pech? In einem Teamsport hat man nicht alles selbst in der Hand.

Mit der Analyse gewinnt man etwas Distanz. Das ist nötig, um sich von dem Geschehen lösen zu können. Sonst läuft man Gefahr, dass da bei einigen ein Trauma hängen bleibt.

Kann man sich überhaupt auf solche Niederlagen vorbereiten?

Nein, im Vorfeld eines Spiels sollte man nicht an Niederlagen denken. Das schwächt einen psychisch. Aber gerade im Sport kann man lernen, wie man aus Niederlagen gestärkt hervorgeht. Vor allem muss man trainieren, Niederlagen auf eine reife Art und Weise zu begegnen. Man sieht ja häufig im öffentlichen Raum, dass es sehr unreife Verarbeitungsmuster gibt, mit Fehlern umzugehen.


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Fehler zu leugnen, und so zu tun, als ob alle anderen verrückt wären. Der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat das lange durchgehalten. Ein weiterer Fehler ist, dass man trotzig und aggressiv wirkt und die Schuld bei anderen sucht.
 
Auch bei Managern kommt das nicht gut: bei Erfolgen stellen sie sich ins Rampenlicht, bei Misserfolgen schicken sie ihre Mitarbeiter vor.
 
Als Verantwortungsträger muss man lernen, so ein Geschehen nüchtern aufzuarbeiten und zu dem zu stehen, was man gemacht oder unterlassen hat. Allerdings hat nicht jede Niederlage mit Schuld zu tun. Manchmal sind auch einfach unglückliche Umstände oder Pech im Spiel. 
 
Was ist also wichtig: Ziele neu anzupeilen oder umzuformulieren?

Das hängt von der Analyse ab. Nach einer Fehleranalyse kann es durchaus der Fall sein, dass man die vorherigen Ziele wieder anpeilt und bei seiner Strategie bleibt. Es kann aber auch sein, dass man nach der Analyse sagt: Wir haben die Dinge falsch eingeschätzt. In dem Fall könnte Löw sich fragen, ob er seiner Mannschaft im Halbfinale mit dem erneuten Wechsel in der Aufstellung nicht zu viel zugemutet hat, er ein zu großes Risiko eingegangen ist. Die Italiener spielten in ihrer vertrauten Konstellation. Er wird mit der Erfahrung im Rucksack in Zukunft vielleicht die Vertrautheit eines Systems höher bewerten.

Leute mit unreifen Verarbeitungsmusten, die ihren Anteil nicht sehen wollen oder die Schuld bei anderen suchen, sind dazu verdammt, immer wieder die gleichen Fehler zu machen. Solche Personen kommen aus ihrem Verdrängungssystem meist nur mit professioneller Hilfe heraus .

Nun müssen wir die Konsequenzen ziehen und Dinge ändern. Leute, die unreife Verarbeitungsmuster haben, ihren Anteil nicht sehen wollen oder die Schuld bei anderen suchen, sind dazu verdammt, immer wieder die gleichen Fehler zu machen. Solche Personen brauchen Hilfe von außen.


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Es müssen nicht unbedingt Profis sein, aber es müssen auf jeden Fall Leute sein, die kein eigenes Interesse haben. Sie müssen den Sachverhalt verstehen und keine Vorwürfe formulieren.

Sätze wie: "Habe ich Dir doch gesagt, dass das nichts bringt", helfen nicht weiter.

Bei einem Manager, der für das Schicksal von Mitarbeitern verantwortlich ist oder über zig Millionen Euro bestimmen muss, kommt das Problem hinzu, dass sie im eigenen Unternehmen von Konkurrenten umstellt sind. Dann müssen sie sich fragen: Mit wem kann ich offen reden? Ein Coach ist in solchen Fällen hilfreich.

Wie überträgt man dann die Konsequenzen aus der Analyse auf das Team?

Erst wenn man als Manager die Sache emotional einigermaßen verarbeitet hat, kann man auch mit dem Team die Ist-Situation und die nötigen Konsequenzen besprechen.

In einem Unternehmen kann es aber auch sinnvoll sein,  dass man die Fehleranalyse und Entwicklung von Konsequenzen mit seinen engen Mitarbeitern gemeinsam erarbeitet.


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Im unternehmerischen Bereich gibt es so viele Einfluss-Faktoren, dass eine Entscheidung per se nie hundertprozentig sicher sein kann. Selbst ein Unternehmer, der sagt: Ich lasse alles wie es ist, weil ich kein Risiko eingehen möchte, geht damit ein Risiko ein, weil die Rahmenbedingungen sich ändern und seine Entscheidung, nichts zu ändern, sich in einer dynamischen Umwelt als Fehler herausstellen kann.

Es gibt in diesem Bereich einfach keine Entscheidung, die risikofrei wäre. Wichtig ist, dass man Entscheidungen bewusst trifft und Alleingänge vermeidet. Man sollte einen Kreis an kritischen Vertrauten haben, mit denen man gezielt verschiedene Szenarien durchdenken.

Dann kann man sich auch im Zweifel gegen die Meinung eines Experten entscheiden. Der Manager muss aber für sich wissen, wieso, weshalb und warum er eine Entscheidung trifft. Er trägt die Verantwortung. Dann kann er eine Niederlage, im Falle einer Fehlentscheidung, aufrechten Hauptes tragen. Als Trainer kann man während des Spiels ja einiges korrigieren – als Unternehmen geht das nicht immer so schnell.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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