Migranten Opfer der statistischen Diskriminierung

Migranten wollen sich integrieren, sagt der OECD-Experte Thomas Liebig im Interview. Er verlangt Förderprogramme und das Ende der Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Zudem müsse endgültig mit falschen Vorurteilen aufgeräumt werden.

Tina Groll / Zeit.de | , aktualisiert

Sind Sie Thilo Sarrrazin für seine Äußerungen über die Einwanderer dankbar, immerhin wird die OECD-Studie, an der sie mitgearbeitet haben, nun ja prominent diskutiert?
Zugegeben, die Äußerungen haben die Öffentlichkeit, die unseren Ergebnissen nun zuteil wird, wahrscheinlich erhöht. Aber Aufmerksamkeit ist für uns kein Selbstzweck und ich würde mir eine andere Richtung für die Debatte wünschen. Derzeit wird eine Integrationsvermeidungsdebatte geführt.

Die Studie untersucht die Jobchancen von Einwandererkindern. Es zeigt sich, dass Deutschland hier im Vergleich mit 15 weiteren OECD-Ländern nicht besonders gut abschneidet. Ist das jetzt ein Zeichen von mangelnder Integration der Migranten oder ein Hinweis auf vorherrschende Diskriminierung durch die Einheimischen?
Zuerst stört mich der Begriff "Einheimischer". Der suggeriert, dass die Kinder von Einwanderern nicht in Deutschland heimisch wären. Die meisten von ihnen sind aber hier geboren. Für die vergleichende Studie haben wir bei der OECD zwei Gruppen von Migrantenkindern herangezogen: Die einen sind selbst im Ausland geboren und noch vor ihrem 18. Lebensjahr zusammen mit ihren Eltern gekommen. Die anderen haben zwei Eltern, die im Ausland geboren sind – sie selbst sind jedoch im Einwanderungsland geboren. Beide Gruppen haben nicht nur in Deutschland, sondern auch in den meisten anderen europäischen OECD-Ländern niedrigere Beschäftigungsquoten als Personen ohne Migrationshintergrund.

Daraus könnte man ja schließen, dass sich die Migranten und ihre Nachkommen nicht integrieren möchten.
Das wäre der falsche Schluss. Die meisten Migranten wollen sich integrieren und sie tun es auch. In Deutschland liegt die Beschäftigungsquote von Nachkommen von Migranten in der Gruppe der 20- bis 29-jährigen bei den Männern immerhin bei knapp 70 Prozent, bei den Frauen bei rund 62 Prozent. Niedrig qualifizierte Nachkommen von Migranten – diese Gruppe wird ja häufig als besonders "problematisch" angesehen – haben eine ähnlich hohe Beschäftigungsquote wie Personen ohne Migrationshintergrund.

Und wie steht es um die Nachkommen türkischer Zuwanderer?
In unserer Studie sind rund die Hälfte der in Deutschland geborenen Nachkommen von Zuwanderern türkischer Abstammung. Deren Väter kamen in der Regel als Gastarbeiter in den sechziger und frühen siebziger Jahren. Die meisten von ihnen waren – und sind noch immer – sehr gut auf dem Arbeitsmarkt integriert, jedoch häufig in niedrig qualifizierten Beschäftigungen. Wenn wir die Bildungsergebnisse derer Kinder analysieren, darf nicht vergessen werden, dass schätzungsweise rund die Hälfte der Mütter dieser Kinder nur einen Grundschulabschluss oder überhaupt keine Schulbildung hat. Da dies nur für einen kleinen Bruchteil der Kinder ohne Migrationshintergrund gilt, ist es schwierig, beide Gruppen pauschal zu vergleichen.

Gleichzeitig zeigen die Beispiele von den sehr erfolgreichen Kindern vietnamesischer Einwanderer, dass nicht immer das Bildungsniveau der Eltern entscheidend ist.
Es stimmt, dass sie in fast allen Ländern gut integriert sind. Für diese Gruppe spielt Bildung traditionell eine große Rolle, und die Eltern investieren sehr stark in den schulischen Erfolg ihrer Kinder. Auch macht es einen Unterschied, ob Einwanderer als Flüchtlinge in ein Land kamen oder als niedrig qualifizierter Arbeitsmigrant. Zu den Flüchtlingen gehören häufig politische und geistige Eliten eines Landes. Sie fliehen in dem Bewusstsein, nicht in ihr Herkunftsland zurückzukehren. Darum sind die Anreize, beispielsweise die Sprache des Empfangslandes zu erlernen, sehr viel höher als sie es bei den Gastarbeitern waren.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass die Integrationsmotivation schon grundlegend ist ...
Die meisten Immigranten haben mehr Schwierigkeiten im Arbeitsmarkt als Personen ohne Migrationshintergrund – selbst bei gleichem Bildungsstand. Ihnen fehlen häufig die beruflichen und sozialen Netzwerke, die wichtig bei der Arbeitsplatzfindung sind. Diese bringen wichtige Kontakte mit potentiellen Arbeitgebern. Sei es, indem sie auf offene Stellen hinweisen oder indem sie den Weg zu einem Praktikum öffnen, das dann wiederum bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einer Stelle hilft. Migranten haben weniger Zugang zu solchen Netzwerken. Darum haben es selbst hoch qualifizierte Kinder von Migranten schwieriger, eine adäquate Stelle zu finden. Und selbstverständlich gibt es auch Diskriminierung, trotz des allgemeinen Gleichstellungsgesetzes. Ein großer Teil davon ist das, was die Ökonomen "statistische Diskriminierung" nennen: Weil viele Zuwanderer und deren Kindern niedrig qualifiziert sind, wird davon ausgegangen, dass Bewerber mit Migrationshintergrund generell niedrig qualifiziert sind, selbst wenn sie gute Abschlüsse haben. Auch wenn Antidiskriminierungsgesetze wichtige Signale senden: Mit Gesetzen allein kann man strukturelle Vorurteile nur bedingt abschaffen.

Können Sie Diskriminierung denn belegen, gibt es Studien, die das beweisen?
Hier klafft leider immer noch eine Forschungslücke in Deutschland. Mit Befragungsstudien kommen wir nicht weiter. Und die wenigen Fälle, die vor ein Gericht oder eine Schiedsvereinbarung kommen, sind nur die Spitze des Eisbergs. Das wahre Ausmaß der Diskriminierung könnte jedoch mittels fiktiven Bewerbungen wissenschaftlich zweifelsfrei aufgezeigt werden. Studien aus Frankreich haben beispielsweise gezeigt, dass Bewerber mit einem ausländisch klingenden Namen drei bis vier Mal mehr Bewerbungen schreiben müssen als ansonsten identische Bewerber, die sich nur durch einen französischen Namen von ihnen unterscheiden. Diese Zahl muss man vor Augen haben, um einzuschätzen, welche Frustration dies für die Kinder von Einwanderern bedeuten kann.

Sie stellen zudem fest, dass in Deutschland Menschen mit Migrationshintergrund in den wichtigen Jobs, beispielsweise in der Verwaltung fehlen. Warum ist das so?
Offenbar haben sie auch hier einen schlechteren Zugang. Das ist besonders bedauerlich – zum einen, weil die Verwaltung mit gutem Beispiel vorangehen müsste und zum anderen, weil gerade in der öffentlichen Verwaltung Rollenvorbilder sehr wichtig sind. Zwar ist es erfreulich, dass Migranten oder Kinder von Migranten heute Parteivorsitzende oder Fußballstars sind. Aber für den normalen Jugendlichen ist es nicht erreichbar. Viel entscheidender ist die Präsenz von Migranten im täglichen öffentlichen Leben, sei es durch eine Karriere in der öffentlichen Verwaltung oder als Lehrer, Richter oder Polizisten. Das hilft auch, Vorurteile auf beiden Seiten zu durchbrechen.

Welche Handlungsempfehlungen geben Sie an die Politik?
Wir müssen Mentoringprogramme ausbauen, um Zuwanderern und deren Kindern Zugang zu Netzwerken zu verschaffen und Informationen über das Funktionieren des Arbeitsmarktes zu übermitteln. Auch können Förderprogramme in der öffentlichen Verwaltung helfen. In Bremen hat bereits der Satz " … wir würden Bewerbungen von Personen mit Migrationshintergrund besonders begrüßen“ in den Ausschreibungen für Ausbildungsplätze in der öffentlichen Verwaltung dazu beigetragen, dass sich deutlich mehr Migranten auf diese Stellen beworben haben. Man sieht daran, dass es häufig bereits kleine Signale sind, die einen großen Einfluss haben können.

Thomas Liebig ist Referent in der Division für Internationale Migration des Arbeitsmarktdirektorats der OECD.

(Zuerst erschienen bei Zeit Online)

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