Midlife Crisis Gefährliche Wende mitten im Leben

Früher oder später erfasst sie jeden: Die Midlife Crisis verschlechtert die Laune, verschiebt die Prioritäten und verändert das Leben. Wie sollten Betroffene reagieren?

Daniel Rettig, wiwo.de | , aktualisiert

Gefährliche Wende mitten im Leben

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Foto: Jan Schuler/Fotolia.com

Sie konnten es nicht verhindern. Als die Führungsetage von Goldman Sachs erfuhr, dass Dorothee Blessing die Investmentbank verlassen will, reagierte sie sofort. Berichten zufolge bot sie ihr mehr Geld und mehr Verantwortung. Nicht nur Deutschland-Chef Alexander Dibelius, auch der Vorstand in der New Yorker Zentrale soll versucht haben, sie umzustimmen. Vergeblich. Anfang März wurde bekannt, dass Blessing die Bank verlässt.

Das vorläufige Ende einer Karriere, in dessen Verlauf es die Ehefrau des Commerzbank-Chefs Martin Blessing fast bis ganz nach oben schaffte. Zuletzt war sie bei Goldman zuständig für das Investmentbanking in Deutschland und Österreich. Doch nun sagte sie dem hoch dotierten Job Lebewohl und ließ ausrichten, eine Auszeit nehmen zu wollen.

Durchatmen. Nachdenken. Und vielleicht auch umorientieren – was angesichts ihres Alters nicht überraschen würde. Dorothee Blessing ist derzeit 45 Jahre alt. Eine Phase, in der sich viele Menschen noch mal neu ausrichten. Die Folgen sind häufig dieselben: Die Laune verschlechtert sich, die Prioritäten verschieben sich, das Leben verändert sich. Alles Anzeichen der typischen "Midlife Crisis".
 
Den Herbst planen

Zurück geht der Ausdruck auf den kanadischen Psychoanalytiker Elliott Jaques. Er analysierte bereits 1965 die Lebensläufe von 310 berühmten Künstlern – Maler wie Albrecht Dürer, Komponisten wie Ludwig van Beethoven, Schriftsteller wie William Shakespeare. Und dabei fiel ihm auf: Alle befanden sich zwischen dem 35. und 40. Lebensjahr in einer Schaffenskrise. Jene seelischen Tiefs seien völlig normal und alltäglich, schrieb Jaques. Und ergänzte: "Ich nenne sie Midlife Crisis."

So geht es vielen Menschen um die 40. Sie wagen den Neustart – oder denken zumindest darüber nach. Die einen wollen sich noch mal neu beweisen, die anderen ganz von vorne anfangen. Egal, was sie bislang schon erreicht haben. Denn ab dem 40. Lebensjahr stehen sie an einer Art Wegkreuzung.

In dieser Phase blicken die Menschen zurück auf die Ziele ihrer Jugend und realisieren, welche Träume sich vermutlich nicht mehr erfüllen werden – oder welchen sie unbedingt noch nacheifern sollten. Sie realisieren, dass sie sich langsam dem Spätsommer des Lebens nähern und langsam für den Herbst planen müssen. Sie erkennen, welche Chancen und Gelegenheiten sie bislang verpasst haben. Zurück bleibt der Wunsch, jetzt irgendetwas anders machen zu wollen.

Mit diesem Phänomen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Psychologen auseinandergesetzt. Seitdem gilt es als erwiesen, dass die meisten Menschen im vierten Jahrzehnt ihres Lebens tatsächlich unzufriedener sind. Oder anders formuliert: Unser persönliches Wohlbefinden verläuft in Form einer U-Kurve. Zu dieser Erkenntnis gelangten im Jahr 2008 zum Beispiel die beiden Forscher David Blanchflower (Dartmouth College) und Andrew Oswald (Universität von Stirling). Für eine Studie werteten sie verschiedene Umfragen aus. Darin hatten mehr als 500.000 Personen aus 72 Ländern über Jahrzehnte hinweg ihr seelisches Befinden kundgetan.

Und dabei entdeckten Blanchflower und Oswald: In der Jugend ging es den Menschen gut, doch dann fiel das Wohlbefinden plötzlich bis zur Mitte des Lebens. Den Tiefpunkt erreichte die persönliche Zufriedenheit etwa zwischen dem 42. und 47. Lebensjahr – und danach stieg sie wieder an.

Doch noch verblüffender war: Dieser vorübergehende Sinkflug und anschließende Anstieg war unabhängig davon, ob es sich um Männer oder Frauen handelte, Europäer oder Amerikaner, Reiche oder Arme, Ledige oder Verheiratete. Aber warum?

Gestresst von der Endlichkeit

Eine mögliche Erklärung liefert die sozioemotionale Selektivitätstheorie der US-Psychologin Laura Carstensen. Sie ging davon aus, dass Menschen ihr Handeln bewusst danach ausrichten, wie viel Zeit ihnen noch auf der Erde bleibt. In der Kindheit und der Jugend schmieden sie Pläne, träumen von einer schnellen Karriere, wollen ein Haus bauen, Länder besuchen und Bäume pflanzen. Doch in der Lebensmitte realisieren sie, was sie bislang noch nicht erreicht haben – und vielleicht auch nie erreichen werden.

Gleichzeitig steigt ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit, da die Uhr des Lebens langsam abläuft. Und dieser Zustand verursacht Stress. Auch bei Affen. Das zumindest legte im vergangenen Jahr Alexander Weiss von der Universität Edinburg nahe. Für eine Untersuchung befragte er Pfleger und Wissenschaftler, die 155 Schimpansen und 172 Orang-Utans in Nordamerika, Asien und Australien betreuten. Die Experten gaben einerseits an, wie alt die Affen waren und andererseits, wie sie gelaunt waren, ob sie gerne mit Artgenossen spielten, wie gut sie gehorchten und wie glücklich sie ihnen vorkamen.

Affen in der Midlife-Crisis

Kaum zu glauben: Auch bei den Affen entdeckte Weiss die U-Kurve. In jungen Jahren waren die Tiere glücklich und zufrieden, dann wurden sie bis zur Mitte des Lebens missmutiger, danach stieg ihre Laune wieder.

Offenbar liegt uns die Midlife-Crisis also teilweise in den Genen. Und ihre Auswirkungen sind mitunter ziemlich drastisch – zumindest auf der Leinwand. Das prominenteste Beispiel lieferte im Jahr 1999 der Film "American Beauty". Kevin Spacey spielte darin die Rolle des Lester Burnham, der seinen gut bezahlten Job kündigte, in einem Imbiss anheuerte, plötzlich Drogen nahm, einen Sportwagen kaufte und sich in die beste Freundin seiner Tochter verliebte. Nun muss die Midlife Crisis nicht immer so dramatisch verlaufen. Doch auch die harmlose Variante ist im Berufsleben spürbar – heute mehr denn je.

Früher gab es in vielen Unternehmen noch eine Art ungeschriebenen Vertrag, dass Mitarbeiter bei entsprechendem Einsatz aufsteigen und nicht gekündigt werden. Doch dieser Vertrag existiert heute in vielen Branchen nicht mehr. Die einen Mitarbeiter fallen Umstrukturierungen und Kündigungswellen zum Opfer, sprich: Sie müssen sich neu orientieren. Die anderen wollen das freiwillig.

"In der Midlife Crisis realisieren Menschen vor allem, dass ihr Leben endlich ist", sagt auch der Psychologe Roland Kopp-Wichmann. Was vorher eine verstandesmäßige Erkenntnis war, werde nun auch emotional begriffen. Hier stockt die Karriere, dort nähern sich gesundheitliche Probleme. Kurzum: Alles kommt auf den Prüfstand, auch der Job. Und die Prioritäten verschieben sich. Finanzielle Anreize allein befrieden nicht mehr, die Menschen stellen Fragen nach dem Sinn der Tätigkeit und auch der Nachhaltigkeit: "Findet der Mitarbeiter darauf keine gute Antwort, ist er heute eher bereit zu wechseln", sagt Kopp-Wichmann.

Natürlich könnte man daran verzweifeln und sich darauf fokussieren, was man alles verpasst hat. Aber wirklich besser gehen würde es einem dadurch nicht. Deshalb lässt sich die Midlife Crisis auch als Chance begreifen. Damit ist nicht zwangsläufig die überstürzte Kündigung gemeint. Zuvor sollten sich die Betroffenen Fragen beantworten: Wollen Sie Ihre Stelle wirklich wechseln? Oder flüchten Sie womöglich vor vorübergehenden Problemen? Wer gut abwägt, verhindert eine allzu spontane Handlung, die er im Nachhinein womöglich bereut.

Kosten-Nutzen-Rechnung

Außerdem sollten sie sich unbedingt mit Freunden, Kollegen oder auch Coaches beraten. Die können zum Beispiel dabei helfen, eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung aufzustellen. Was müsste man aufgeben? Was riskiert man? Und was kann man gewinnen? Wichtig ist ebenfalls, seine Finanzen zu prüfen: Sind temporäre Einbußen drin? Kommt ein Umzug infrage? Oder sollte man den Sprung in die Selbstständigkeit wirklich wagen?

Wohlgemerkt: Nicht jeder muss beruflich wechseln, um im Job glücklicher zu sein. Vor diesem Trugschluss warnt zum Beispiel die Berliner Psychologin Birgit Permantier. Sie hat in den vergangenen Jahren viele Klienten gecoacht, die sich in der Midlife Crisis befanden. "Manchmal reichen auch kleine Veränderungen, die aber eine riesige Wirkung haben können", sagt Permantier. Wer jeden Tag ins Büro pendeln muss, kann zum Beispiel das Fahrrad mitnehmen und wenigstens einen Teil des Weges radeln – um sich die vollen Züge zu ersparen. Außerdem kann es helfen, wichtige Fragen zu beantworten. Aber unbedingt in aller Ruhe.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de

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