Michael Groß "Die Wirtschaft ist irrationaler als der Sport"

Michael Groß gewann als Schwimmer drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen. Heute ist er Chef der PR-Agentur Peakom. Im Interview mit Handelsblatt Perspektiven spricht er über Goethes und Schillers journalistische Ambitionen, Porsche fahren mit 20 und den Intellekt von Athleten.

Diana Fröhlich | , aktualisiert

Herr Groß, Sie sind mit drei olympischen Goldmedaillen der erfolgreichste deutsche Schwimmer aller Zeiten. Was machen Sie heute?
Ich habe eine Unternehmensberatung für Kommunikation in Frankfurt. Wir machen Unternehmenskommunikation, Change Management, klären also die Frage, wie man Unternehmen wandeln kann, und Channel Marketing.

Im Moment jagt ein Skandal den nächsten: Unternehmen spionieren Mitarbeiter aus, die Bahn kauft sich anonym positive Berichterstattung. Warum?
Der Anlass ist in jedem Unternehmen anders. Doch unabhängig von individueller krimineller Energie: Ein Grund ist immer, dass die Unternehmenskultur, die vor solchen Auswüchsen schützen kann, fehlt. Dazu gehört zum Beispiel, dass Kritiker intern Gehör finden und nicht heimlich ihr Wissen ausplaudern.

Warum werden diese Fehler gemacht?
Weiche Faktoren kommen in der Unternehmensführung zu kurz. Das Problem ist bekannt. Wenige Manager kümmern sich aber darum, da es schwieriger ist, Menschen zu motivieren als zu organisieren.

Fühlen die Unternehmen sich unangreifbar, ähnlich wie Doper im Sport, die auch häufig darauf spekulieren, nicht erwischt zu werden?
In beiden Fällen betrügt man sich und andere, da man nie wissen wird, was man mit fairen Mitteln leisten könnte. Sonst lässt sich das nicht vergleichen.

Wie weit darf PR-Arbeit gehen?
Es gibt klare Regeln, wie im Journalismus. Dazu gehört Offenheit und Nachvollziehbarkeit der Arbeit.

Warum haben Sie sich für den Bereich der Kommunikation entschieden?
Vermittlung ist heute mindestens genauso wichtig wie das reine Können oder Wissen von Unternehmen. Kommunikation ist zwar nicht alles, aber alles ist nichts ohne Kommunikation.

Sie hätten es sich doch einfacher machen können und Trainer werden?
Das wäre langweilig gewesen. Der Sport war eine ganz tolle Epoche, aber die letzten beiden Jahre habe ich mir - zeitlich - schon aus dem Kreuz geleiert. Ich habe ja während meiner sportlichen Karriere sowohl Abitur gemacht als auch studiert. Das geht in der Öffentlichkeit zu oft unter: Es gibt viele Sportler in den olympischen Sportarten, die sind Ärzte, Anwälte, Ingenieure. Doch heute ist es schwieriger geworden, nebenbei zu studieren. Das liegt an der wachsenden Professionalisierung.

Sind Sportler heute dümmer als früher?
Nein, sie müssen leider viel eher und häufiger alles auf die Karte Sport setzen.

Wie haben Sie Sport und Studium unter einen Hut bekommen?
Das schafft man, wenn man weiß, was man will. Dann legt man sich auch richtig ins Zeug. Mein Trainer war auch insofern ein Vorbild, weil er Prioritäten gesetzt hat. Hauptberuflich war er Lehrer. Als Trainer war er, was Einstellung und Wissen anbelangt auch ein Profi, aber er hat manchmal Trainingsabschnitte sausen lassen, weil er Abiturarbeiten korrigieren musste.

Warum haben Sie Germanistik, Politik und Medienwissenschaften studiert?
Ursprünglich wollte ich Pilot werden, doch dafür war ich zu groß. Mein zweiter Wunsch war Biochemie, ich hatte Bio auch als Leistungskurs. Doch das gab es damals nur in Tübingen und der Numerus clausus lag bei 1,3. Mit meinem Abitur von 2,1 hätte ich drei Jahre warten müssen. Da habe ich mich neu orientiert. Journalismus, Sprache, das hat mich immer interessiert. Da lag die Fächerkombination nahe.

Sport kam nicht infrage?
Nein, Sport hatte ich noch nicht mal als Prüfungsfach im Abitur. Für mich war Sport immer die schönste Nebensache der Welt. Genau deshalb macht mir Sport auch heute noch so viel Spaß, als Freizeitbeschäftigung. Beim Mountainbike fahren komme ich auf neue Ideen. Viele andere Sportler meiner Generation sehen das genauso. Wir hatten riesigen Spaß, gerade bei Olympischen Spielen. Das Olympische Dorf in Los Angeles war ein Studentenwohnheim: 35 Grad im Schatten, Smog hoch drei, keine Klimaanlage. Das waren herbe Bedingungen. Was haben wir gemacht? Matratzen geschnappt und in den Keller gezogen. Und das war vor den Wettkämpfen. Wie aufgereiht lagen wir da und haben sechs bis sieben Stunden gepennt.

Haben Sie direkt nach dem Studium promoviert?
Erst zwei Jahre später. Ich habe noch mal Sport gemacht und auch gejobbt. Nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern ich wusste, dass der Sport mich nicht ein Leben lang ernähren wird. Ich hatte schon ein Polster für zwei, drei Jahre. Aber die Werbeeinnahmen waren damals nicht so hoch, dass man sich zehn Millionen auf die hohe Kante legen konnte. Deshalb habe ich nach dem Studium gearbeitet. Ich habe bei Springer für die Welt am Sonntag und die Bild gearbeitet. Habe gelernt, wie man Nachrichten schreibt und auch unter Zeitdruck gute Leistung bringt.

Inwieweit hat Ihnen Ihr Name geholfen, im Berufsleben Fuß zu fassen?
Er war die Eintrittskarte, ganz klar. Aber ich habe immer deutlich gemacht, dass ich keine Extrabehandlung möchte. Ich wollte dort das journalistische Handwerk lernen und wissen, wie man aus einer Polizeimitteilung eine Meldung schreibt. Wenn ich heute irgendwo anrufe, dann weiß ja auch nicht jeder, dass ich der Michael Groß bin. Den Namen selbst gibt es relativ häufig. Das ist angenehm, weil ich so eine ehrliche Resonanz bekomme. Wenn man die Leute dann trifft und vor ihnen steht, dann sagt die Hälfte: Ach, Sie sind das. Der Rest weiß nicht, wer ich bin oder lässt es sich nicht anmerken.

Worüber haben Sie promoviert?
Ästhetik und Öffentlichkeit. Um die Beziehung von Kunst und Gesellschaft. Die Frage war: Warum fingen Goethe und Schiller nach der französischen Revolution an, als Journalisten zu arbeiten? Sie wollten in Zeiten der Anarchie versuchen, die öffentlichen Diskussionsprozesse zu ästhetisieren.

Ähnlich wie PR-Agenturen. Wann haben Sie sich selbstständig gemacht?
1994. Ich war nie sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Ich habe bis heute drei Unternehmen gegründet. Bei meinen ersten journalistischen Gehversuchen habe ich gemerkt, dass ich kein Tageszeitungsjournalist bin. Ich habe damals gemerkt, dass die Nische für die Art von Journalismus, die ich kann, extrem klein ist. Daher ging es bei mir Richtung Kommunikationsgentur, wo ich mich zwar auch kurzfristigen Anforderungen stellen muss, aber meistens doch langfristige Strategien ausarbeite und umsetze.

Haben Sie beim Sport gelernt, mit Druck umzugehen? Oder war der damals nicht so groß?
Na ja, ich war während der Olympischen Spiele schon auf den Titelseiten aller großen Magazine vertreten.

Aber es war weniger Geld im Spiel.
Das hat mit Geld nichts zu tun. Druck ist ja nicht Geld. Der größte Erfolgsdruck kommt von einem selber und dann vom sozialen Umfeld. Manche empfinden dann den äußeren Druck als zusätzlichen Verstärker. Aber abgesehen davon ist es so was von egal, was in der Zeitung oder in Internetforen oder sonst wo steht. Ich habe mir auch eine Elefantenhaut zugelegt. Ich kannte meine Stärken und Schwächen ganz genau. Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er Olympiasieger ist.

Aber kann man das schon einschätzen mit 18 Jahren?
Sollte man, ja. Sportler zu sein ist ein Crashkurs im Erwachsenwerden. Was ich mit Anfang 20 schon erlebt habe, das will ich nicht missen. Es war super, vor allem die Reisen. Und ich habe schon Geld verdient, von meinem ersten Geld habe ich einen Porsche gekauft. Andere Männer erfüllen sich diesen Wunsch, mit 50 - ich konnte mir mit 20 schon einen 911er kaufen. Der ist jetzt 25 Jahre alt, das hat auch was. Ich habe unwahrscheinlich viel erlebt, konnte mir viel leisten.

Was haben Sie noch aus dem Sport fürs Berufsleben übernommen?
Zielstrebigkeit, Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen. Das lernt man. Mit Niederlagen umgehen, dranbleiben an einer Sache, breite Schultern haben und Fairness.

Waren Sie immer fair?
Manche sagen, dass ich zu fair war. Im Sport gibt es Regeln. Wer sich nicht daran hält, wird disqualifiziert. Das gibt es so eindeutig in der freien Wirtschaft nicht. Ich gehe nach wie vor davon aus, dass sich alle an die Regeln halten. Ich weiß aber natürlich, dass es nicht alle tun. Der Wettbewerb ist in der freien Wirtschaft nicht so transparent wie im Sport. Irrationale Beweggründe spielen im Wirtschaftsleben eine wesentlich größere Rolle als im Sport. Im Sport entscheiden nur Zeiten und Zahlen.

Sport als Ideal, ist das nicht etwas naiv?
Er ist zu 100 Prozent transparent und es gibt feste Regeln. Natürlich gibt es Sportler, die versuchen, das zu unterlaufen, Stichwort Doping. Der Sport, so wie wir ihn verstehen, ist idealisiert. Nach dem Motto: Hier geht es mal nicht um Geld - die olympischen Ideale sind bürgerliche Ideale. Hier wird mal nicht mit Hauen und Stechen gearbeitet, sondern hier geht es fair zur Sache. Der Begriff der Fairness kommt aus dem Sport. Die Sehnsucht nach Fairness über den Sport ist groß. In der freien Wirtschaft wird leider noch mehr betrogen als im Sport. Viele fragen sich: Warum soll der Sport fairer sein als die Wirtschaft? Gerade weil die Wirtschaft so ist, soll der Sport dieses Ideal verkörpern.

Sie haben zwei Kinder. Raten Sie denen zum Leistungssport?
Man sollte das, was man macht, wirklich von Herzen machen. Man sollte es wirklich wollen. Wenn man es will, sollte man versuchen, es richtig zu machen. Mit 14 ist bei mir der Groschen gefallen, da wusste ich, dass ich wirklich schwimmen will. Und ich habe gemerkt, was ich draufhabe, was Sache ist. Mit 14 wollte ich allerdings noch nicht Olympiasieger werden - da wollte ich hessischer Meister werden. Das entwickelt sich stufenartig. Kein Mensch will als Berufseinsteiger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank werden. In seinem Umfeld sollte man versuchen, sein Ziel zu erreichen. In meinem Job heute kann ich nicht der Beste der Welt werden. Ich möchte aber die bestmögliche Leistung bringen.

Standen Ihre Eltern immer komplett hinter Ihren Entscheidungen?
Meine Eltern haben mich immer unterstützt - unter einer Bedingung: Die Schule darf nicht darunter leiden. So mache ich das mit meinen Kindern auch. Ich unterstütze sie immer, ohne künstlich Druck aufzubauen. Meine Kinder haben kapiert, dass das Abitur die Eintrittskarte ist für viele Dinge im Leben. Meine Goldmedaillen fliegen zwar zu Hause rum. Aber unser Lebensstil, den wir heute in der Familie Groß pflegen, hat damit nur wenig zu tun. Sie wissen, dass sich der liebe Papa auf den Hosenboden gesetzt und sein Studium durchgezogen hat. Das Wichtigste ist Bildung und Gesundheit, der Rest entwickelt sich daraus.

Schwimmen Sie heute noch ab und an?
Schwimmen oder baden? Ab und zu schwimme ich noch. Dieses Jahr bisher sage und schreibe zwei Mal.

Zur Person

Er gewann drei Mal Gold bei den Olympischen Spielen, wurde fünf Mal Weltmeister und 13 Mal Europameister: Michael Groß ist bis heute der erfolgreichste deutsche Schwimmer. Doch der heute 44-Jährige hat sich schon früh auf eine zweite Karriere nach dem Sport vorbereitet. Nach dem Abitur studierte er in seiner Heimatstadt Frankfurt Germanistik, Politik und Medienwissenschaften und promovierte anschließend.

Groß hat sich nach ersten Gehversuchen im Journalismus 1994 mit einer PR-Agentur selbstständig gemacht. Mittlerweile ist er Inhaber der Agentur Peakom in Frankfurt und beschäftigt 14 Mitarbeiter. Seit 2004 ist Groß zudem Lehrbeauftragter an der Frankfurt School of Finance and Management, Schwerpunkt Unternehmenskultur und Personalführung. Der auch unter dem Spitznamen "Albatros" bekannte Michael Groß ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie im Taunus.

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