Michael Diekmann "Die Welt wartet auf Sie!"

Allianz-Chef Michael Diekmann über Chancen in der Krise, wie einfach gute Ideen entstehen und warum er weder Lehrer noch Richter geworden ist.

Tanja Kewes | , aktualisiert

karriere.de: Herr Diekmann, die Finanzkrise hält uns in Atem, und lässt jetzt auch Absolventen und Aufsteiger um ihre Jobs bangen. Wird die junge Generation das erste Opfer der Finanzkrise?

Michael Dieckmann: Die jungen Leute sollten auf keinen Fall verzagen. Eine Krise ist auch immer eine Chance. In Deutschland suchen wir beispielsweise nach wie vor Spezialisten wie Aktuare oder Nachwuchskräfte für den Vertrieb. Und in zehn Jahren wird es in Deutschland ohnehin ganz anders aussehen. Aufgrund des demografischen Wandels werden die Unternehmen händeringend nach qualifizierten Nachwuchs suchen.

Wie viele Absolventen hat die Allianz dieses Jahr eingestellt, und wie viele werden es 2009 sein?

In Deutschland haben wir dieses Jahr knapp 400 Hochschulabsolventen eingestellt und führen permanent Gespräche mit potenziellen Spezialisten, Vertriebsleuten und TopTalenten. Von daher werden wir auch weiter großen Bedarf an qualifizierten Bewerbern haben und auf diesem Niveau einstellen.

Sie waren selbst keiner, der seine Karriere vom ersten Semester an zielgerichtet verfolgt hat. Sie haben zwölf Semester Philosophie studiert und dann abgebrochen. Anschließend studierten Sie Jura. Bei der Allianz schlugen Sie erst mit 34 Jahren auf. Würde Michael Diekmann heute Michael Diekmann einstellen?

Die Zeiten haben sich geändert. Ich glaube, ich hätte es im Jahr 2008 gegen die Konkurrenz sehr schwer. Wenn ich mir den Nachwuchs heute ansehe, sind die Bewerber extrem gut ausgebildet, haben so gut wie immer Auslandserfahrung und sind dabei noch sehr jung. Natürlich liegt das auch daran, dass wir Unternehmen immer höhere Ansprüche stellen. Trotzdem finde ich es interessant, wenn ein Lebenslauf einmal nicht so stringent ist. Das heißt, ich würde mich also auf jeden Fall einladen.

Was hat zu den Wechseln - erst Studium der Philosophie, dann Jura, erst Reiseliteratur, dann Versicherung - geführt?

Auf den ersten Blick mag das ungewöhnlich erscheinen. Es war aber so, dass ich mich immer bewusst für den nächsten und auch naheliegenden Schritt entschieden habe. Nehmen Sie beispielweise mein damaliges Hobby, das Schreiben und Verlegen von Reiseliteratur. Damit habe ich mir mein Jura-Studium finanziert. Und der Einstieg in die Versicherungsbranche ist mit einem Jura-Abschluss nichts Ungewöhnliches.

Sie sollen gleich bei Ihrem ersten Chef sehr selbstbewusst aufgetreten sein und ein gutes Einstiegsgehalt ausgehandelt haben. Woher nahmen Sie dieses Selbstbewusstsein?

Zu diesem Zeitpunkt war ich kein unerfahrener Berufseinsteiger mehr. Ich hatte bereits mehrere Jahre meinen eigenen Verlag geleitet. Ich wusste, was ich einbringen konnte.

Einmal bei der Allianz ging es dann ganz schnell. Erst Assistent, dann Vertriebsleiter, schließlich Aufbau des Asien-Geschäfts, dann zehn Jahre nach dem Einstieg Mitglied des Vorstands. Seit 2003 sind Sie Vorstandsvorsitzender. Wie haben Sie das gemacht?

Mit dem Einstieg als Vorstandsassistent war auch mein Karriereweg klar vorgezeichnet. Wir haben hier in der Allianz einen festen Entwicklungsplan für Vorstandsassistenten, der immer eine Vertriebs- und wenn möglich eine Auslandsstation beinhaltet, bevor man eine Managementposition bekommt. Zum anderen hat mir die Allianz immer wieder die Chance gegeben, mich zu beweisen. Dafür bin ich sehr dankbar. Schlussendlich waren es aber meistens meine Chefs, die mich für bestimmte Aufgaben empfohlen haben.

Die Finanzkrise trägt zur Verunsicherung bei. Hat sich bei Ihren Mitarbeitern der Druck, die Angst, keine Fehler machen zu dürfen, erhöht?

Jede Krise führt unweigerlich dazu, dass man sich Gedanken macht, ob der eigene Arbeitsplatz noch sicher ist. Aber niemand sollte sich von der Angst, Fehler zu machen, beherrschen lassen. Im Gegenteil: Es ist weit wichtiger zu überlegen, wie man konstruktiv an Verbesserungen mitarbeiten kann.

Sie selbst wollten einmal Lehrer werden, später Richter oder Staatsanwalt. Warum sind Sie es nicht geworden?

Im Referendariat habe ich gemerkt, dass Gestaltungsmöglichkeit eine der wesentlichen Antriebsfedern für mich ist. Da lag die Entscheidung nahe, in die Wirtschaft zu gehen.

Was raten Sie Ihren Kindern? Ihre Träume zu verfolgen oder sich nach den Markterfordernissen zu richten?

Beides. Ich habe vier Kinder, drei davon sind im Studienalter. Es wird in Zukunft sehr wichtig sein, sich immer wieder auf veränderte Situationen einzustellen, und das erfordert Flexibilität. Die heutige Arbeitsmarktsituation - und diesen Eindruck haben auch meine Kinder - ist unglaublich hart. Aber in nur zehn Jahren werden sich Firmen um gut ausgebildete Persönlichkeiten reißen, weil ihnen schlichtweg der Nachwuchs fehlt. Deshalb rate ich als Vater: Kümmert euch um eine gute Ausbildung, das ist das A und O. Entwickelt eure Persönlichkeit, bleibt immer flexibel, aber vergesst auch nicht zu leben.

Was erwarten Sie von jungen Menschen, die sich bei der Allianz bewerben?

Das grundlegende Rüstzeug wie eine fundierte Ausbildung bringt der Nachwuchs heute ohnehin mit. Was mir vor allem wichtig ist: Sie sollten neugierig sein, etwas bewegen wollen und Flexibilität zeigen. Alles Attribute, über die übrigens auch ein Unternehmer verfügen muss.

Sind Sie Mentor von jemandem?

Ja natürlich. In der Allianz sind Sie immer Mentor Ihrer derzeitigen und früheren Assistenten. Darüber hinaus habe ich eine ähnliche Rolle als Pate für Mitarbeiter, die ins Ausland entsendet wurden und jemanden brauchen, der sich um die Rückkehr kümmert.

Wie stellen Sie bei der Allianz sicher, dass Einsteiger ihre Ideen auch einbringen können?

In meinen mittlerweile 20 Jahren im Unternehmen hat mir die Allianz stets gezeigt, dass man etwas bewegen kann. Ob das in meiner Anfangszeit in unserer Hamburger Niederlassung war, in Asien, Osteuropa, Russland, Lateinamerika oder USA. Ich habe das immer erlebt, es gilt aber nicht nur für mich. In der Allianz finden gute Ideen Gehör. Egal, ob sie über das betriebliche Vorschlagswesen eingehen, oder über eines unserer NachwuchsTalente-Teams, denen wir als Vorstand bewusst bestimmte Themen zur Ideenentwicklung geben. Ich kann den jungen Leuten nur empfehlen, einmal ein Praktikum in einem vermeintlich verstaubten und langweiligen Industriebetrieb zu machen. Sie werden überrascht sein, wie dynamisch diese Unternehmen heute sind.

"Betriebliches Vorschlagswesen" - das klingt nicht gerade nach Kreativität ...

Unter betrieblichem Vorschlagswesen hat man lange Zeit folgendes verstanden: Sie schicken Ihren Verbesserungsvorschlag an die Personalabteilung, diese schickt Ihnen nach drei Monaten zusammen mit einer Kinokarte die Antwort, dass sie diesen Vorschlag bereits schon mal erhalten habe, und legt die Idee auf Halde. Unser Programm "i2s - ideas to success" hat eine ganz andere Qualität.

Die operativen Einheiten können die Ideen-Generierung frei gestalten. Aber wir verlangen von jeder Einheit, eine bestimmte Quote von Ideen zu generieren und auch umzusetzen. Besonders gute Ideen diskutieren wir im Vorstand und prämieren die besten. Ich habe jetzt gerade jemandem einen Scheck über 60000 Pfund für eine einfache aber extrem wirksame Idee in die Hand gedrückt. Meistens sind es ja genau diese "einfachen" Ideen, die uns weiterbringen.

Normalerweise sagt man, ein Vorstandschef soll die wesentlichen Dinge nach 100 Tagen anstoßen. Warum warteten Sie so lange?

Als ich im Jahr 2003 übernommen habe, schrieb die Allianz erstmals in ihrer Geschichte rote Zahlen. Die zentrale Aufgabe damals war, die Finanzstärke zu sichern und die Profitabilität wiederherzustellen. Erst nach diesem Programm, in dem viele Auslandseinheiten neu aufgestellt wurden, war es sinnvoll, aus einer Position der Stärke heraus auch den Umbau in Deutschland zu starten.

Wenn Sie Rat brauchen, wen fragen Sie?

Meinen Sohn. Kinder haben ja die Gabe, ganz klar und unverstellt zu antworten. Sein Rat und vor allem seine Gegenfragen sind für mich wertvolle Anregungen.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem ersten Chef und späteren Mentor?

Ja, wir schreiben und sehen uns regelmäßig, obwohl er mittlerweile seit Jahren im Ruhestand lebt.

Nach den Terroranschlägen des Jahres 2001 sprachen Sie von einem "perfekten Sturm", in dem sich die Allianz befinde. An den Börsen fielen die Aktienkurse, in den USA kosteten Asbest-Altlasten viel Geld. Und kurz zuvor hatte sich die Allianz mit der Dresdner Bank zudem einen Klotz ans Bein gebunden. Befindet sich die Allianz durch die Finanzkrise derzeit wieder in einem perfekten Sturm?

Ohne Zweifel ist dies die schwerste Finanzkrise seit 30 Jahren, eine internationale Systemkrise. Auch die Allianz kann sich natürlich dem Marktumfeld nicht entziehen. Aber mit dem "Drei plus Eins"-Programm, das wir bereits vor fünf Jahren gestartet haben, haben wir unseren Fokus auf stabile operative Erträge gelegt. Und deswegen werden wir von dieser Krise sogar profitieren können. Denn wo immer es weniger Anbieter gibt - vor allem Anbieter mit unserem guten Rating -, eröffnen sich für uns neue Chancen.

Die Allianz stand lange Zeit für Stabilität und Vertrauen. Inwieweit hat auch diese Marke durch die Finanzkrise an Vertrauen verloren?

Jeder Einzelne ist von den Verwerfungen an den Finanzmärkten direkt betroffen und fühlt sich betrogen oder den Marktkräften zumindest hilflos ausgesetzt. Mit diesen Fragen setzen wir uns ernsthaft und professionell auseinander. Für unsere Kunden besteht allerdings kein Anlass zur Sorge. Die Allianz hat keine Schwierigkeiten, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Wir haben keine Liquiditäts- oder Kapitalengpässe. Diese Stärke gerade in turbulenten Zeiten ist das, wofür die Marke Allianz steht. Das sollte uns für die Zukunft zusätzlichen Rückenwind im Wettbewerb um die Kundengunst geben.

Sehen Sie für die Allianz auch eine Chance in der Finanzkrise?

Auf jeden Fall wird die Finanzindustrie nach der Krise eine andere sein. Das Geschäftsgebaren und die Geschäftsmodelle werden sich ändern, Risiko wird wieder einen angemessenen Preis haben. Vor allem aber werden wir eine weitreichende Konsolidierung sehen. Diese Entwicklung bietet gerade Unternehmen wie der Allianz große Chancen, ihre Position im Wettbewerb weiter zu stärken.

Eine Chance für Berufseinsteiger?

In Zukunft wird es zum Beispiel immer mehr anspruchsvolle Stellen rund um den Kunden geben, also im klassischen Vertrieb. Einsteiger sollten deshalb diese Tätigkeit nicht scheuen, sondern als echte Chance begreifen, um den Markt kennenzulernen, und vor allem auszuloten, in welchen Bereichen sie persönlich noch weiterkommen können und wollen. Gerade in der Krise können sie übrigens besonders viel über gute Kundenkommunikation lernen. Welche Chance sehen Sie für sich selbst? Es hat sich mal wieder bestätigt, wie wichtig es ist, einen gradlinigen Kurs zu haben, der nicht alle Modeerscheinungen mitmacht.

Haben Sie noch eine zentrale Botschaft an die junge Generation?

Ja. Die Welt wartet auf Sie!

Michael Dieckmann: Der 54-jährige Bielefelder führt den größten deutschen Finanzkonzern. Die Allianz ist an der Börse derzeit deutlich mehr Wert als die Deutsche Bank, die von dem Schweizer Josef Ackermann gelenkt wird. Die Finanzkrise trifft aber auch die Allianz wie kein Ereignis mehr seit 30 Jahren. Diekmann erwartet aber, dass die Allianz aus dieser Krise und der zu erwartenden Konsolidierung gestärkt hevorgeht. Seit seinem Amtsantritt 2003 hat er den Dax-Konzern radikal umgebaut. Sein Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Diekmann fand nach einem abgebrochenen Philosophiestudium, der Gründung eines Reisebuchverlags und einem schließlich hervorragend abgeschlossenen Jurastudium zwar erst spät, mit 34 Jahren, zur Allianz und in die Finanzindustrie, startet dann aber durch. Er ist erst Assistent, dann selbst Vertriebsleiter, schließlich baut er das Asien-Geschäft auf, und nur zehn Jahre nach seinem Start, zieht er in den Vorstand ein. Bei aller Karriere vergisst er dabei nicht zu leben. Er reist viel, ist verheiratet und hat vier Kinder.

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