Mentorenprogramme Hilfreiche Erkenntnisse aus anderen Welten

Gegenseitiges Weiterkommen: Manager engagieren sich als Mentoren für Kinder und Jugendliche, deren Lebensweg aus unterschiedlichen Gründen erschwert ist. Das hilft dem Nachwuchs – beschert aber auch den Erwachsenen neue Erkenntnisse.

Carola Sonnet | , aktualisiert

Hilfreiche Erkenntnisse aus anderen Welten

Andere Welt1

Foto: castelberry/Fotolia.com

Mansour (Name geändert) wollte eigentlich mal Profi-Fußballer werden. Der 17-Jährige kam über Frankreich aus dem Senegal nach Deutschland, zusammen mit seinen Eltern und zwei Geschwistern. Regelmäßig spielt er bei Unterhaching. Inzwischen ist er aber fast zu alt für eine Profikarriere.

Daher hat er einen neuen Plan: Er lässt sich zum orthopädischen Schumacher ausbilden. Sollte er eines Tages in den Senegal zurückkehren, könnte er damit einen ganzen Geschäftszweig aufziehen.

Dass er diese Ausbildung jetzt macht, hängt wahrscheinlich auch mit Walter Prem zusammen. Der Direktor der Bayerischen Landesbank ist Mentor im Programm "Joblinge". Erfahrene Menschen aus der Wirtschaft wie er helfen Jugendlichen, den schwierigen Übergang von der Hauptschule in eine Berufsausbildung zu schaffen. Als Prem von Mansours Ausbildungsplänen hörte, nutze er seine guten Verbindungen: Er rief bei der Innung an, die empfahl ihm einen guten Betrieb, dort machte Mansour ein Praktikum. Es lief offenbar gut, seit September lernt er dort.

Mit Ernsthaftigkeit auf beiden Seiten

Prem ist seit drei Jahren Mentor im Programm. Er hat einige Jugendliche begleitet. Einige haben ihren Ausbildungsplatz bekommen, andere das Programm wieder abgebrochen. "Wer unpünktlich ist oder Termine nicht wahrnimmt, der sollte den Platz jemandem überlassen, der es ernst meint", sagt er.

Vier bis fünf Stunden Zeit sollte sich ein Mentor im Monat nehmen – Prem findet, das geht. Zumal es hochinteressant sei, etwas über die Lebensumstände und Familien dieser jungen Menschen zu erfahren, mit denen er sonst wahrscheinlich nie etwas zu tun gehabt hätte. Der BayernLB-Direktor ist Mentor aus Überzeugung: "Ich bin selbst gesegnet mit drei gesunden Töchtern. Wenn wir selbst so viel Glück haben, empfinde ich es als moralische Verpflichtung, anderen davon etwas abzugeben."

Umgekehrt dürfte das ähnlich sein. Wenn er sich mit Mansour im Café trifft und sie sich unterhalten, ist das auch für den jungen Mann ungewöhnlich. Sie haben einen guten Draht zueinander. "Es beeindruckt mich zu sehen, wie viel Energie diese Jugendlichen aufbringen, um sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen", sagt Prem.

Manchmal muss er an Raubtiere denken, weil sie oft cleverer seien als andere und gelernt hätten, Situationen viel schneller und besser richtig einzuschätzen.

Prem interessiert sich zudem für das Engagement der Kollegen außerhalb des Büros, er findet das sehr wichtig. Bei der BayernLB hat er deshalb ein Freiwilligenprogramm aufgesetzt, bei dem die Mitarbeiter an zwei Tagen im Jahr ihre Arbeitszeit in ein gemeinnütziges Projekt investieren können.

Er selbst war häufiger in Hauptschulen zu Gast, um dort Finanzwissen zu vermitteln, und hat dabei festgestellt: "Überall stößt man auf ungeschliffene Diamanten, aber es ist schwer, sie zu schleifen." Wie viele Menschen und Potenziale diesem Land verloren gingen, weil zu wenig Geld in Bildung investiert würde, macht den Bankdirektor fassungslos.

Joblinge: Sechs Monate lang helfen Mentoren aus der Wirtschaft Jugendlichen, einen Ausbildungsplatz zu finden, wenn sie den Hauptschulabschluss gemacht oder die Schule abgebrochen haben. In dieser Zeit absolvieren die Jugendlichen mehrere Praktika. Joblinge ist eine Initiative der Boston Consulting Group und der Eberhard von Kuenheim Stiftung von BMW.

Standorte sind München, Berlin, Frankfurt, Leipzig, Köln und Essen.

"Mein Schützling" nennt Mentorin Katharina Latif Lina. Die Afghanin kam mit 17 Jahren als Vollwaise nach Deutschland und ohne ein Wort Deutsch sprechen zu können. Das Flüchtlingskind durfte nur bleiben, weil es minderjährig war. Die beiden lernten sich kurz nach Linas Ankunft kennen.

Über die Freiwilligenagentur "Tatendrang" in München fand Latif die "Schlau"-Schule, die Abkürzung steht für "Schulanaloger Unterricht". Lina war zu diesem Zeitpunkt schon Schülerin dort, die Programmkoordinatoren suchten eine Mentorin für sie.

Katharina Latif, die das operative Geschäft der Allianz-Tochter Climate Solutions leitet, hat schon während ihres Studiums in London in Armenküchen Essen an Obdachlose verteilt. In Deutschland begann die 31-Jährige ihre Karriere bei einer Unternehmensberatung, seit 2007 arbeitet sie für die Facheinheit für Klimaschutz und erneuerbare Energien der Versicherung.

Intensive Betreuung

Die "Schlau-Schule" ist eine staatlich anerkannte private Ersatzschule, die jungen Flüchtlingen intensiv Deutschunterricht und dann Stunden in all den Fächern gibt, die sie für einen deutschen Schulabschluss brauchen - damit sie eine Ausbildung beginnen können. Lina lernte in Rekordzeit Deutsch. Sie spricht es fast akzentfrei.

Einmal in der Woche für zwei bis drei Stunden saßen Latif und Lina zusammen. Ihre Mentorin traf sie anfangs in deren Freizeit. "Aber wenn ich um sieben Uhr Feierabend hatte, fiel es ihr schwer, sich noch lange zu konzentrieren", erzählt Latif. So kam Lina zum Lernen tagsüber zu ihr ins Büro.

Lina war aber auch oft bei Latif zu Hause. Vier Jahre lang begleitete sie ihren Schützling. Lina lebte zunächst in einer Wohngemeinschaft des Stadtjugendamts. Ihre Mentorin nahm sie mit zu Ikea, gemeinsam richteten sie ihr Zimmer ein. Die junge Afghanin hat schließlich sogar das Abitur gemacht. "Diese Flüchtlingskinder wissen, dass die Bildung in Deutschland ihre einzige Chance ist und sie nehmen sie unglaublich ernst."

Volle Integration

Inzwischen ist Lina völlig integriert, hat eine Wohnung, einen deutschen Freundeskreis und macht eine Ausbildung, während sie auf ihren Medizin-Studienplatz wartet. "Das hat sie geschafft, weil sie so eine Kämpfernatur ist", ist sich Latif sicher. Sie habe einen solch starken Willen bewiesen, wie sie ihn manchmal bei den Menschen in ihrem eigenen Umfeld vermisst. Von Anfang an hätte Lina den Plan gehabt, Chirurgin zu werden. Fast alle sagten ihr, dass das zwar ein schöner Traum wäre, aber höchstwahrscheinlich auch einer bleiben würde. Sie ist dabei, allen das Gegenteil zu beweisen.

Das hat Latif von ihr gelernt: "Wenn man wirklich etwas will, dann bekommt man das auch." Sich um das verwaiste Mädchen zu kümmern war zwar eine Verpflichtung – "aber eine schöne". "Uns geht es so gut. Deshalb wollte ich der Gesellschaft etwas zurückgeben", sagt die 31-Jährige. Gemeinsam haben sie es geschafft, die Grundlage für Linas Leben in Deutschland zu legen.

Wenn Laetitia weiß, dass sie Julia Segnitz ganz für sich allein hat, dann kommt sie am liebsten. Laetitia ist neun Jahre alt und ein "Cleverling" – Julia Segnitz ist 39 Jahre alt und seit zehn Jahren Managerin bei SAP. Die Klasse, in die Laetitia geht, besucht das Software-Unternehmen jede zweite Woche. Sie wurde für das Pilotprogramm "Cleverlinge" ausgewählt, weil ihre Schule in einem Stadtteil liegt, in dem fast alle Kinder aus Familien mit ausländischen Wurzeln kommen.

Für viele ist der Firmenbesuch ein Ausflug in eine völlig neue Welt. Sie kennen oft nur ihr Viertel.

Pünktlich um viertel vor eins hält der Bus am Eingang, die Kinder erhalten ihren Besucherausweis. Zuerst geht es zum gemeinsamen Mittagessen in die Kantine, da beginnen schon die Gespräche an den zwei großen Tischen: Wie geht's in der Schule? Was hast du zum Geburtstag bekommen?

Gemeinsame Zeit

Über solche Dinge reden auch Julia Segnitz und Laetitia. Anschließend geht sie mit ihrer Mentorin am liebsten in den Fitnessraum aufs Laufband. Die Projektmanagerin spielt lieber Karten mit ihr. Die beiden haben aber auch schon mal ein kleines Spiel programmiert.

Obwohl das Mädchen glaubte, dass sie das gar nicht kann. Mit einer Extra-Software für Grundschulkinder hatte sie aber schnell raus, wie das geht. Um viertel nach drei ist die gemeinsame Zeit vorbei.

Verschiedene Lebens- und Arbeitsmodelle

Als sie sich für das Programm bewarb, dachte Mentorin Segnitz, sie würde mit Laetitia für die Schule lernen und könnte ihr in Mathe, Chemie oder Physik helfen. Aber nichts da, Laetitia hat in vielen Fächern eine eins, sie wird aufs Gymnasium gehen. Segnitz will ihr zeigen, wie viele verschiedene Lebens- und Arbeitsmodelle es für Frauen gibt. Sie selbst ist verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet Vollzeit.

"Ich will, dass sie andere Einblicke bekommt und ihr wichtige Werte vermitteln. Je mehr Möglichkeiten sie sieht, wie sie eines Tages ihr eigenes Leben gestalten könnte, desto besser." Darüber hinaus sei es gut für das Selbstbewusstsein, wenn sie alleine Kontakt zu einer Erwachsenen aufbaue. Segnitz fühlt sich wohl in der Rolle einer großen Schwester, keineswegs als Lehrerin oder Ersatzmutter.

Treffen während des Arbeitstages

Ein Jahr lang begleitet sie Laetitia. Weil ihre eigenen Kinder erst zwei und vier Jahre alt sind, war ihr Mann nicht angetan, als Segnitz von ihrem Plan erzählte. Dafür sei die gemeinsame freie Zeit mit den eigenen Kindern zu wertvoll. Nur weil sie Laetitia während des Arbeitstages treffen kann, ist sie Mentorin.

Die Treffen sind aber ihre Freizeit. Wann sie die Stunden nachholt, ist ihre Entscheidung. Die Termine mit Laetitia sind im Kalender geblockt, Chef und Kollegen respektieren, dass Segnitz dann keine Zeit hat. "Wenn etwas Dringendes passiert, fängt das Team das auf", sagt sie.

Beim Projekt "Schlau" in München geht es um Unterricht für minderjährige Flüchtlinge, die allein nach Deutschland kommen. Die Jugendlichen, die oft traumatisiert sind, lernen Deutsch und sollen einen Hauptschulabschluss machen, um einen Ausbildungsplatz zu finden.

Bei all dem werden die Jugendlichen von Paten unterstützt, auch finanziell.

Mit dem Projekt "Cleverlinge" ermöglicht die Organisation Big Brothers Big Sisters Deutschland (BBBSD) Mentoring am Arbeitsplatz. Eine vierte Klasse kommt regelmäßig ins Unternehmen und trifft Mitarbeiter, die ihre Mentoren sind.

Das soll Kindern aus bildungsfernen Familien den Übergang in die weiterführende Schule erleichtern. BBBS wurde 1904 in den USA gegründet, seit 2007 ist die Organisation in Deutschland aktiv.

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