Vorstandschefs MBA spielt noch Nebenrolle

Anders als in den Vereinigten Staaten haben nur wenige Konzernlenker in Deutschland die drei Buchstaben auf der Visitenkarte. Doch das könnte sich bald ändern.

Axel Gloger |

MBA spielt noch Nebenrolle

MBA spielt in Deutschlands Vorstandsetagen keine große Rolle

Foto: denisismagilov / fotolia.com

Große Versprechungen macht heute wohl jede Managementhochschule, neudeutsch Business-School: "Es geht um Ihre Karriere. Es geht um Ihre Zukunft. Es geht um Ihren Erfolg", ruft die Berliner ESMT den Besuchern ihrer Webseite zu. Konkurrenten wie HHL Leipzig Graduate School of Management oder auch das Schweizer IMD sprechen vom "Karriereschub", den die Absolventen bekommen sollen. Mit dem Spruch "Work hard, play hard, go far" lässt auch die französische Business-School Insead keinen Zweifel daran, wo es hingehen soll: ganz nach oben, ins Topmanagement.

Botschaften wie diese sind in der Branche gang und gäbe. Sie variieren im Ton, aber nie im Inhalt. Aufstiegsrhetorik gehört zum festen Bestandteil der Werbung für das Managementstudium mit Abschluss Master of Business Administration (MBA). In den USA, dem Mutterland der MBA-Ausbildung, wird er auch eingelöst: "Dass ich da bin, wo ich heute stehe, verdanke ich der Tuck School", lässt etwa Eric Spiegel verlauten, Firmenchef von Siemens USA.

Top-Leute haben in den USA meist MBA im Gepäck

Auch Jeff Immelt ging diesen Weg: Den Harvard-MBA schloss er 1982 ab, es folgen anderthalb Jahrzehnte Aufstieg, dann die erste Vorstandsposition, im Jahr 2000 wird er Vorstandschef des Industriekonzerns General Electric. Sein Banknachbar aus dem Studium, Jamie Dimon, ist heute Vorstandschef des Bankhauses J.P. Morgan Chase, der etwas ältere Harvard-Absolvent James McNerney war bis vor kurzem Chairman des Flugzeugbauers Boeing.

40 Prozent der Vorstandschefs amerikanischer Firmen haben einen MBA. "Es ist der verbreitetste akademische Grad unter den Topleuten", zählte das Blatt "U.S. News & World Report". Das Magazin wertete dafür die Abschlüsse der Firmenchefs der 500 größten Unternehmen des Landes ("Fortune 500") aus.
In Deutschland aber zeigt sich ein ganz anderes Bild. In der Topliga ist der MBA nicht wirklich angekommen. Auch die neuesten Auf- und Umsteiger haben ihn nicht: Werner Baumann, der im Mai an die Spitze des Bayer-Konzerns treten wird, hat ganz konventionell ein Wirtschaftsstudium an der Universität Köln abgeschlossen. Der letzte Abschluss von Kasper Rørsted, der im Oktober als Vorstandschef zu Adidas geht, ist ein Wirtschafts-Bachelor von der International University in Kopenhagen.

MBA-Absolventen seien "eine Randerscheinung", so eine Analyse der Abschlüsse jener Firmenchefs, die die 100 größten Unternehmen leiten. Gerade einmal sechs Prozent der Vorstandsvorsitzenden haben einen MBA, fand Michael Hartmann, Elitensoziologe an der TU Darmstadt, heraus. Die Chefetagen sind nach wie vor in der Hand von Absolventen deutscher Universitäten und einer Handvoll Technischer Universitäten. Business-Schools spielen für den Ausbildungsweg dieser Konzernchefs eine ebenso geringe Rolle wie Fachhochschulen.

Nur wenige Ausnahmen in Deutschland

Davon gibt es nur wenige Ausnahmen, wie der Blick auf Topmanager zeigt, die ihre Karriere in Deutschland gemacht haben: "Von diesen Dax-Vorstandschefs haben gerade einmal drei einen MBA-Abschluss", sagt Hubertus Graf Douglas, Deutschland-Chef des Headhunters Korn Ferry. Oliver Bäte, 51, seit 2015 der neue Mann bei der Allianz, erwarb seinen MBA an der New Yorker Stern School, Commerzbank-Chef Martin Blessing, 52, bringt den Abschluss von der University of Chicago mit, und Fresenius-Chef Ulf Schneider, 51, ist ein Harvard-Absolvent. "Beim Rest der Firmenchefs liegt meist ein Abschlusszeugnis in der Dokumentenmappe, auf dem in großen Lettern das Wort ,Diplom‘ steht", so die Botschaft von Korn Ferry.

An welcher deutschen Universität das erworben wurde, spielt für die Aufsichtsräte kaum eine Rolle. "In Deutschland sind die Systeme eben sehr deutsch", kommentiert Kai Peters, Leiter des Weiterbildungsanbieters Ashridge.

"Der MBA bringt für diese Leute keinen Mehrwert", beschreibt Ulrich Steger, ehemaliger Vorstand eines großen Automobilbauers, eine verbreitete Einschätzung. Industrieunternehmen hierzulande interessieren sich kaum für Business-School-Absolventen, so Steger, der als Professor an der EBS, am IMD und der Universität St. Gallen wirkte. Weil nur wenig MBA-Absolventen rekrutiert werden, seien sie auch an der Spitze kaum vertreten.

In den USA hingegen sei das ganz anders, sagt der Emeritus: "Hier ist die Managerausbildung eliteorientiert." Wer mit dem Zeugnis von Harvard, Stanford oder Wharton auf den Arbeitsmarkt geht, signalisiert damit, dass er sich für höhere Aufgaben empfiehlt – und Firmen bedienen diese Erwartung: Ein Drittel der Fortune-500-Vorstandschefs mit MBA-Abschluss hat diesen an einer dieser drei Business-Schools gemacht.

Doktor statt MBA hierzulande populär

Zum Standard in Deutschland hingegen gehört der Doktortitel: Jeder zweite Vorstandschef, der hier Karriere machte, trägt ihn. "Diese Quote ist seit Jahrzehnten stabil", sagt Forscher Hartmann. Selbst Ulf Schneider hatte schon Jahre einen Doktortitel in Volkswirtschaftslehre, ehe er nach Harvard ging.

Dass so wenig MBAs an der Firmenspitze ankommen, hat aber noch einen anderen Grund: Ein Großteil der Absolventen geht den Konzernen schon früh verloren. "Wer an einer Top-Hochschule seinen Abschluss gemacht hat, geht mit hoher Wahrscheinlichkeit entweder in die Unternehmensberatung oder die Finanzbranche", sagt Ex-Vorstand Steger.

Dennoch stehen die Chancen gut, dass bald mehr deutsche Konzernchefs einen MBA-Abschluss haben. In den nächsten zehn Jahren werden Vorstände berufen, die in den 1990ern und den Jahren um die Jahrtausendwende im Business-School-Alter waren. Um diese Zeit gab es auch in Deutschland schon einige MBA-Programme. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis einige von ihnen auf der obersten Etage ankommen.

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