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Umgang mit Stress Schiedsrichter, Sportler und Piloten verraten ihre Tricks

Welche Taktiken es gibt, um mit Leistungsdruck umzugehen. Karriere.de hat sich beim ehemaligen Schiedsrichter Urs Meier und der Biathletin Franziska Hildebrand umgehört. 

Management | Von Camilla Flocke |

Schiedsrichter, Sportler und Piloten verraten ihre Tricks

Schiedsrichter Urs Meier

Seine Entscheidungen brachten Urs Meier mitunter sogar Morddrohungen ein. Doch der Schiedsrichter hielt dem Druck stand. Er vertraut auf die Weisheit: „Angst ist kein guter Ratgeber.“

Foto: Thorsten Doerk

Die schnelllebige Arbeitswelt und der Anspruch auf ständige Erreichbarkeit führen bei vielen Arbeitnehmern zu vermehrtem Stress und Leistungsdruck. Das kann sich negativ auf die Arbeitsqualität sowie das körperliche und psychische Wohlbefinden auswirken. Schiedsrichter, Biathleten, Piloten, Köche und Notärzte verraten, wie sie mit ihrem alltäglichen Stress umgehen.

Urs Meier, 60, ehemaliger Schiedsrichter

Es war im Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft 2004 beim Spiel zwischen England und Portugal, als Urs Meier in der 89. Minute beim Spielstand von 1:1 ein Tor des Engländers Sol Campbell annullierte. Das Foul des englischen Nationalspielers John Terry an dem portugiesischen Torhüter Ricardo hatte Meier nicht direkt gesehen, aber: „Das Bild stimmte nicht. Campbell war mit seinem Kopf fast auf drei Meter Höhe, doch es war keine Hand des Torhüters zu entdecken“, erzählt Meier. „Mein Bauchgefühl sagte mir: Das ist kein reguläres Tor.“ Das Spiel endete mit einem Elfmeterschießen, das England schließlich verlor.

Erst nach dem Spiel sah der ehemalige Schiedsrichter im Fernsehen, dass er richtiggelegen hatte. Das interessierte die englischen Fußballfans reichlich wenig. Meier erhielt Morddrohungen und Protest-Mails.

Es wurde so schlimm, dass er für einige Wochen untertauchen musste. Eigentlich hatte Meier nach der EM aufhören wollen: „Nach dem Spiel und den Reaktionen habe ich mich aber dagegen entschieden. Sonst hätte es so ausgesehen, dass ich dem Druck nicht Stand halte“, erklärt er, „Aber ich habe ja richtig entschieden.“ Also machte er noch ein halbes Jahr weiter.

Angst vor einer möglichen Fehlentscheidung hatte der ehemalige ZDF-Experte aber nie, wie er erzählt: „Angst ist ein schlechter Ratgeber in einer Situation, in der man etwas entscheiden muss.“

Seine Strategie vor zum Beispiel einem Champions-League-Spiel war es, sich beim Einschlafen positive Bilder vorzustellen: „Ich habe daran gedacht, wie ich das Spiel in einem vollen Stadion abpfeife, die Mannschaften aufeinander zugehen, sich abklatschen und Mannschaften und Schiedsrichter das Spielfeld gemeinsam unter Applaus verlassen.“

Falsche Entscheidungen getroffen, hat Meier als Schiedsrichter natürlich trotzdem: „Das war häufig in den Situationen, in denen ich meinem Bauchgefühl nicht vertraut habe.“

Auf seinen Bauch zu vertrauen, musste er aber erst lernen, genauso wie den Umgang mit dem Druck von Medien oder Freunden. In diesen Situationen konzentrierte sich der Schweizer auf einen normalen Ablauf, um den Druck nicht an ihn heranzulassen. Meier sagt: „Sobald ich im Stadiontunnel zum Einlaufen bereitstand, machte der Druck der Freude Platz. In dem Moment war ich nur noch fokussiert.“

Franziska Hildebrand, 31, Biathletin

Ein Leistungssportler hat häufig mit den Erwartungen an sich selber aber auch von außen zu kämpfen – so auch die deutsche Biathletin Franziska Hildebrand. Die 31-Jährige will selbstverständlich immer ihre Bestes leisten. Um den Druck zu reduzieren, hilft es ihr, wenn sie bei den Trainingseinheiten gute Laufzeiten abgeliefert hat und ein gutes Gefühl am Gewehr hat: „Dann kann ich selbstbewusst ins Rennen gehen“, sagt sie.

Beim Biathlon entscheidet sich häufig am Schießstand, ob der Sportler eine Spitzenplatzierung erreicht. Entsprechend hoch ist manchmal der Druck. Hildebrand meint: „Am besten ist es, wenn ich nicht über das Schießen nachdenke, ganz bei mir bleibe und alles so mache, wie ich es im Training schon tausendmal gemacht habe.“

So wie beim Weltcup in Oberhof vor ein paar Wochen. Beim Staffelrennen der deutschen Biathletinnen schoss sie sowohl beim Liegend- als auch beim Stehendschießen keinen Fehler. Hildebrand erinnert sich: „Als ich an den Schießstand fuhr war ich wie in einem Tunnel, ich weiß sogar nicht mehr, ob die Zuschauer hinter mir gejubelt haben.“ Ihre Leistung wurde belohnt: Am Ende erreichte die deutsche Staffel den zweiten Platz hinter der russischen Damenmannschaft.

Es kann aber auch ganz anders laufen: „Beim Massenstart in Ruhpolding habe ich auf dem Weg zum Schießstand bereits über das Schießen nachgedacht“, erzählt sie, „Das hat dann direkt zu Fehlschüssen geführt.“

So sehr negativer Stress bedrückend sein kann, genauso sehr ist ein Leistungssportler auf positiven Stress angewiesen, wie die zweifache Weltcupsiegerin erzählt: „Beim Aufwachen vor einem Wettkampf brauche ich das Kribbeln, um mich auf den Wettkampf zu fokussieren und meine beste Leistung zu bringen.“

Janis Schmitt, 39, Pilot der Eurowings Gruppe

Auf einem Flug von Hamburg nach Düsseldorf fielen auf einmal alle Geschwindigkeits- und Höhenanzeigen des Flugzeuges aus – eine Situation, die Janis Schmitt in seiner Zeit als Pilot auch noch nicht erlebt hatte. Die Warnleuchten blinkten. Doch Schmitt blieb ruhig und gelassen: „Wir Piloten trainieren derartige Situationen, sodass Automatismen im Kopf ablaufen.“

Sowohl in der Ausbildung als auch danach verbringen Piloten mehrere Tage im Jahr im Flugsimulator. Bei Schmitt sowie bei vielen anderen Fluggesellschaften sind es zweimal zwei Tage im Jahr. Dort spielen die Piloten sämtliche jemals vorgekommene Extremsituationen durch. Für einige Notlagen müssen sie sogar Checklisten auswendig lernen.

Auch wenn der Pilot, der für die Eurowings Gruppe fliegt, auf dem Flug von Hamburg nach Düsseldorf ruhig geblieben ist, machte ihm der Druck zu schaffen: „Als ich um halb zwölf Uhr nachts nach Hause gekommen bin, habe ich mir erst einmal meinen Hund geschnappt und bin mit ihm eine große Runde im Wald spazieren gegangen“, erzählt er. Das sei für ihn eine gute Möglichkeit Stress abzubauen, ebenso wie mit dem Fahrrad von und zur Arbeit zu fahren. Andere Kollegen würden hingegen nachts noch ins Fitnessstudio gehen.

Jens Woitzik, 40, Koch

Es gibt Tage im Restaurant von Jens Woitzik, an denen kaum ein Tisch reserviert ist, um halb zwölf die Tür aufgeht und eine halbe Stunde später der Gastraum rappelvoll ist. Das bedeutet Stress für die Küche, denn alle Gäste wollen gleichzeitig ihr Essen. „Das ist für uns aber nicht machbar, auch wenn wir unser Bestes geben“, meint Woitzik.

Zusätzlich muss auch noch alles klappen: „Als Koch hast du nur die eine Chance“, erklärt er, „Wenn das Gericht die Küche verlässt, kann man es nicht zurückholen und nachträglich etwas ändern.“ Aber dem 40-Jährigen hilft es, gut vorbereitet zu sein, um im Stress nicht den Überblick zu verlieren: „Ich kann es mir nicht leisten morgens eine Stunde länger im Bett liegen zu bleiben“, sagt er, „Mit der Vorbereitung steht und fällt alles.“ Daher fängt er meist schon gegen 9 Uhr in der Küche an das Gemüse zu schneiden oder die Kartoffeln zu schälen.

Doch am Ende des Tages, wenn er das Restaurant verlässt, sagt er sich: „Der Tag ist gelaufen. Morgen geht es von Neuem los.“ Zu Hause entspannt er gemeinsam mit seiner Familie oder beschäftigt sich mit seiner Wellensittichzucht: „Das ist für mich wie Urlaub und beruhigt mich.“

Franziska Hilbig, 39, Ärztin in der Notaufnahme und Notärztin

Am Silvesterabend wurde es in der Notaufnahme wieder einmal sehr stressig für Franziska Hilbig. Gleich fünf Rettungswagen auf einmal lieferten Patienten an. In diesen Situationen muss die 39-Jährige schnell entscheiden, um wen sie sich als erstes kümmert. Entscheidend hierfür ist die Übergabe mit dem Rettungsdienst. Dieser erzählt Hilbig, was er bisher über den Patienten herausgefunden hat.

Wenn gleich fünf Rettungswagen gleichzeitig kommen, ist das herausfordernd: „Dabei muss ich die Situation schnell erfassen. Ich versuche aber stets ruhig zu bleiben und eine Aufgabe nach der anderen abzuarbeiten.“ Zu Gute kommt ihr dabei auch ihre langjährige Erfahrung, denn Hilbig hat bevor sie Ärztin wurde, als Krankenschwester in der Notaufnahme gearbeitet.

An dem besagten Silvesterabend wurde nach der ersten Laboranalyse deutlich, dass eine ältere Dame in einem viel schlechteren Zustand war, als vorher angenommen. Die Fehleinschätzung sei durch eine schlechte Übergabe durch den Rettungsdienst beeinflusst gewesen, sagt Hilbig.

Sie und ihr Team mussten schnell handeln. Die Patientin kam auf die Intensivstation. Im Verlauf der Nacht verstarb sie aber leider dennoch. Hilbig erfuhr davon erst am folgenden Morgen: „Das war eine schwierige Situation für mich, denn ich fragte mich, ob wir noch eine Chance gehabt hätten, wenn wir früher erkannt hätten, wie kritisch die Lage ist.“

Hilbig sprach den Dienst daraufhin noch einmal mit ihrem Team durch. So wie sie es immer macht, wenn ein Patient stirbt. Gemeinsam kamen sie zu dem Schluss, dass es unklar ist, ob sie die Patientin überhaupt hätten retten können. Hilbig meint: „Es ist dramatisch, aber ich konnte es in dieser Situation nicht abwenden.“

Das Wichtigste ist für sie: „Man muss am Abend mit einem guten Gefühl nach Hause gehen und von sich sagen können, ich habe getan, was ich kann und habe mir nichts vorzuwerfen.“

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