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Tag der Deutschen Einheit Vier Gründe, warum Ostdeutsche so selten Karriere machen

Auch 30 Jahre nach der Wende besetzen sie nur vier Prozent der Top-Positionen in Deutschland.

Führungskraft | Von Michael Scheppe |

Vier Gründe, warum Ostdeutsche so selten Karriere machen

Gefeierte Einheit

30 Jahre nach der Wende besteht der Riss zwischen Wessis und Ossis weiterhin: besonders, wenn es um Top-Positionen in deutschen Unternehmen geht.

Foto: imago images / imagebroker

Deutschland mag zwar eine Kanzlerin haben, die in der Uckermark groß geworden ist. Und viel weiter als die gebürtige Ostdeutsche Hiltrud Werner, die Rechtsvorständin bei Volkswagen ist, kann man in der deutschen Wirtschaft kaum aufsteigen.

Doch die beiden Erfolgsfrauen sind Exoten.

In der DDR aufgewachsen und einen Spitzenposten im wiedervereinten Deutschland – selbst 30 Jahre nach dem Mauerfall ist das selten: Nur 4,2 Prozent der Elitepositionen in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft sind von Menschen mit Ost-Hintergrund besetzt.

Dabei leben in den neuen Bundesländern 15 Prozent aller Deutschen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine noch unveröffentlichte Studie der Universität Leipzig im Auftrag von WDR und MDR, die dem Handelsblatt vorliegt. Selbst in Ostdeutschland sind ostdeutsche Führungskräfte in der Minderheit, sie besetzen nur ein Viertel der Top-Posten.

Wessis und Ossis: Der Riss in Deutschland besteht

Unter den 100 größten deutschen Firmen zählen die Leipziger Forscher gerade einmal zwei Vorstandschefs aus dem Osten. Bei den 190 Dax-Vorständen sieht es mit lediglich vier Ostdeutschen ähnlich mau aus.

Dazu passt, dass kein Dax-Konzern seine Zentrale in den neuen Bundesländern hat.

Die Zahlen zeigen: Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall geht durch Deutschland ein Riss. Auf der einen Seite die „Wessis“, die die Republik verwalten, regieren und gestalten.

Auf der anderen die „Ossis“, die unter den Mächtigen und Einflussreichen kaum zu finden sind.

Doch warum ist es eigentlich so, dass nur wenige Ostdeutsche Karriere machen?

Grund 1:
Die Zeit nach der Wende

Ein Grund lässt sich mit der Historie erklären. Die Treuhandanstalt hat damals nur einen Bruchteil der volkseigenen Betriebe der DDR an Ostdeutsche verkauft.

Die meisten DDR-Firmen haben sich Konzerne aus der alten Bundesrepublik einverleibt.

In der DDR gab es auch weniger Akademiker als im Westen, weniger Menschen also mit dem klassischen Qualifikationsprofil für Führungsposten.

Oft fehlten auch Rollenvorbilder für Topjobs, schließlich gehen Elitenforscher davon aus, dass die meisten Führungskräfte schon in ihrem Elternhaus mit dem richtigen Chef-Habitus sozialisiert werden.

Grund 2:
„Führungskräfte-Import“ aus dem Westen

In den neuen Ländern waren zudem Experten aus dem Westen gefragt, die Erfahrung mit dem westlichen Rechts- und Wirtschaftssystem hatten.

„Es gab einen enormen Führungskräfteimport aus dem Westen“, sagt Holger Lengfeld, Soziologe an der Universität Leipzig. So wurden binnen kurzer Zeit die Führungseliten zwischen Thüringen und Mecklenburg ausgetauscht – eben durch Westdeutsche.

Diejenigen, die damals jung in den Osten gingen, besetzen heute noch vielfach die Top-Positionen.

Grund 3:
Wessis befördern lieber Wessis

Es mag verständlich sein, dass ostdeutsche Richter nach der Wende nicht einfach als Gerichtspräsident weitermachen konnten.

Doch dass von den 45 Bundesrichtern, die 2018 und 2019 bestellt wurden, nur drei aus dem Osten kommen, lässt sich nicht allein mit Demografie erklären.

Aber es muss auch etwas mit Diskriminierung zu tun haben: Ostdeutsche steigen nur so selten auf, weil Menschen lieber ihresgleichen befördern. Sie sehen oft diejenigen positiv, die eine ähnliche Ausbildung, Herkunft oder Einstellung haben.

So wie Männer eher anderen Männern den Aufstieg zutrauen, befördern Wessis eben bevorzugt Wessis.

Soziologe Michael Hartmann, der lange an der Universität Darmstadt gelehrt hat, sagt: „Die Maßstäbe, die in Unternehmen angelegt werden, sind westdeutsche Maßstäbe, so sind Manager sozialisiert.“

Grund 4:
Manchmal fehlt „Ossis“ auch der Mut

Dass Ostdeutsche nur selten Chef werden, mag auch mit ihrer Mentalität zu tun haben.

So wünscht sich etwa VW-Rechtsvorständin Werner, dass ostdeutsche Fachkräfte selbstbewusster auftreten: „Man braucht für eine spannende Erwerbsbiografie die Bereitschaft, Risiken einzugehen.“

Dass Ostdeutsche risikoaverser sind als Wessis, zeigen viele Statistiken: So halten sie etwa weniger Aktien und gründen seltener Firmen.

„Wer Familienmitglieder erlebt hat, die ihren Job und manchmal ihre Lebensleistung verloren haben, der geht lieber einen sicheren Weg“, sagt Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. Nur führe der eben selten in Spitzenpositionen.

Zugleich ist es nicht unplausibel, dass Menschen, die in einem System aufgewachsen sind, das auf Gleichheit bedacht war, seltener einen unbedingten Aufstiegswillen haben und dafür auch die Ellenbogen ausfahren.

Dabei wäre es wünschenswert, dass mehr Ostdeutsche die vereinte Republik mitgestalten, meint Soziologe Hartmann: „Diejenigen, die in der DDR aufgewachsen sind, können sich weit besser in die ostdeutsche Bevölkerung reinversetzen und deren Situation bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.“

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