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Coronakrise Das Resilienz-Workout

Die gute Nachricht angesichts von Corona und persönlichen Katastrophen: Genau wie Muskeln lässt sich Widerstandskraft trainieren.

Arbeit und Coronavirus | Von Claudia Obmann und Michael Scheppe |

Es gibt Manager, die sind wie Angela Merkel. Egal ob Banken-, Euro-, Flüchtlings- oder Coronakrise. Merkel blieb besonnen, beruhigte – und strahlte einen gewissen Optimismus aus. Anders als die Krisenkanzlerin wäre manch einer an den Herausforderungen zerbrochen.

Doch warum sind manche Menschen erstaunlich robust – und warum werden andere schon bei kleinsten Problemen aus der Bahn geworfen? Psychologen erklären das mit der unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeit, mit Belastungen fertig zu werden – mit der psychischen Widerstandskraft. Fachleute sprechen von Resilienz.

In der Coronakrise ist Resilienz wichtiger denn je. Der Begriff kommt ursprünglich aus der Materialkunde, beschreibt die Spannkraft und Belastbarkeit von Werkstoffen, die verformt sind und dann wieder ihre ursprüngliche Form annehmen. Je länger die Krise dauert, desto wichtiger ist es auch für die Menschen, wieder zu ihrer ursprünglichen Stärke zurückzufinden, wenn nicht sogar über sich hinaus zu wachsen.

Psychologe Kastner: Wir müssen uns um die psychischen Widerstandsfähigkeit kümmern

Doch gerade in der Pandemie ist das nicht einfach: Überall in der Republik haben Unternehmer existenzielle Ängste. Zigtausende Menschen sind in Kurzarbeit und können Kredite nicht mehr bedienen, wieder andere fühlen sich einsam im Homeoffice. Hinzu kommen Sorgen, ob Freunde und Angehörige dem Virus zum Opfer fallen werden.

Für den Psychologen Michael Kastner ist gerade ein „Ausmaß erreicht, für das der Mensch nicht gemacht ist“. Kastner leitet das Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke. Er mahnt: „Wir müssen uns dringend um die Verbesserung unserer psychischen Widerstandsfähigkeit kümmern.“

Doch wie kann das gelingen? Erste Antwort: „Ein gewisser Anteil unserer persönlichen Stressresistenz ist genetisch bestimmt“, sagt Kastner. Wer ein ausgeglichenes Naturell hat, intelligent und offen ist, wer auch in schwierigen Lagen Chancen erkennt, der hat es in Krisen tendenziell einfacher, belegen Studien.

Auch diejenigen, die stabile soziale Kontakte haben, kommen besser durch Krisenzeiten. Freunde, Familie, aber auch der Sportverein oder die Arbeitskollegen können Halt geben. Wer jemanden hat, mit dem er über seine Sorgen und Ängste reden kann, wird resilienter. Gerade in der Krise gilt es also, die sozialen Kontakte aktiv aufrecht zu erhalten – um sich auch mal in sein soziales Netz fallen lassen zu können.

Wichtigster Tipp: Druck rausnehmen

Mediziner und Psychologe Kastner hat aber auch eine gute Nachricht für alle, denen krisenfeste Eigenschaften nicht in die Wiege gelegt wurden: „Resilienz lässt sich wie Muskeln trainieren.“

Sein wichtigster Ratschlag, um in der aktuellen Situation Druck rauszunehmen: eine Tagesroutine schaffen – und das fange beim Aufstehen und Anziehen an und reiche bis hin zu klar definierten Phasen der Arbeit und Freizeit. Das biete Sicherheit, Vorhersehbarkeit, Planbarkeit und erfülle den Tag mit Sinn. Damit ließen sich „Ängste oder Gefühle wie Hilflosigkeit oder Kontrollverlust reduzieren“.

Für Manager und Mitarbeiter, die Resilienz aufbauen möchten, gibt es spezielle Coachingangebote. So wie das von Jutta Heller in Nürnberg. Die 58-Jährige sagt: „Menschen, die Probleme in Krisen haben, sollten nicht zu sehr mit der Situation hadern.“ Hilfreich sei, zu akzeptieren, die Lage nicht ändern zu können.

Jenen, die gerade finanzielle Sorgen plagen oder womöglich vor dem wirtschaftlichen Aus stehen, mag dieser Ratschlag trivial erscheinen. Und doch bestätigen wissenschaftliche Studien genau das.

Eine aktuelle Studie des Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz mit anderen europäischen Forschern zeigt: Die Resilienz setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen. Aber am besten kommen Menschen durch die Coronakrise, wenn sie versuchen, die Widrigkeiten positiv zu bewerten und optimistisch zu denken, zu kommunizieren und zu handeln – sofern sie die Lage nicht verharmlosen.

Eine Freudetagebuch kann helfen

Menschen, die dagegen nur noch die Katastrophe sehen, kommen in einen Teufelskreis aus negativen Gefühlen und werden auf Dauer psychisch krank. Wer existenzielle Ängste hat, dem mag es schwerfallen, positive Facetten zu finden. Doch genau das bringe weiter, sagt Neurowissenschaftler Raffael Kalisch: „Wer sich auf seine Stärken besinnt und nach produktiven Lösungsansätzen sucht, wird in der Krise wachsen.“

Selbst in der Krise könne man lernen, optimistisch zu sein, meint Heller, etwa mit einem Freudetagebuch, indem man jeden Tag die drei Dinge festhalten solle, die einen erfreut haben und was man selbst dazu beigetragen habe. „Das stärkt den inneren Zustand – und die Resilienz.“ Wer nur die Katastrophe voraussieht, schaltet sein Stresssystem unnötig an, so die Beraterin.

Dazu zählt auch, bewusst mit Informationen umzugehen. Experten raten deshalb Abstand vom Newsticker zu nehmen, um zwischendurch abschalten zu können. Die Studie des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung zeigt, dass 93 Prozent der Befragten in der Coronakrise durch Medienberichte gestresst werden.

Wichtig ist laut Heller auch, aus der Opferrolle herauszukommen, indem man sich auf seine Stärken besinnt. Dazu könnten Erfahrungen aus vergangenen Krisen helfen. „Wenn wir uns bewusst machen, wie wir vergangene Situationen gemeistert haben, werden uns Strategien bewusst, die auch jetzt hilfreich sind.“

Alkohol eher meiden

Organisationspsychologe Kastner rät dazu, sich viel zu bewegen und ausreichend zu schlafen, Alkohol aber lieber zu meiden. Belohnungen seien zwar wichtig, etwa dafür, dass lang liegengebliebene Arbeiten endlich erledigt worden seien. Aber dann ein gutes Buch zu lesen, sich einen Spaziergang zu gönnen oder mit Freunden zu telefonieren, wirkten vielfach positiver.

Es gehe darum, selbst in der Isolation noch sinnvolle Erfolgserlebnisse zu haben. Dabei helfe es, sich Ziele zu setzen und sich auszumalen, wie schön zum Beispiel die erste Reise oder das Wiedersehen mit Freunden und Familie nach der Corona-Pandemie aussehen kann.

Und wenn trotz aller Bemühungen gar nichts mehr geht und die Depression überhand zu nehmen droht? Dann sollten Betroffene sich keinesfalls scheuen, bei der Telefonseelsorge, dem Notdienst oder in einer psychiatrischen Klinik professionelle Hilfe zu suchen.

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