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Corona-Pandemie Was die Jobangst mit uns macht

Die Sorge vor dem Jobverlust wirkt massiv auf Körper und Geist. Doch es gibt Auswege.

Arbeit und Coronavirus | Von Claudia Obmann |

Seit Corona häufen sich bei Christian Graz die Anrufe der Kollegen aus der Kardiologie der Max-Grundig-Klinik. Sie wollen dem Chefarzt der psychosomatischen Abteilung ihre Patienten schicken. Denn die Manager und Unternehmer, auf deren medizinische Checkups die Klinik im Schwarzwald spezialisiert ist, klagen über Herzrhythmusstörungen - dabei ist organisch bei ihnen alles bestens.

Damit werden sie zu Fällen für Spezialist Graz. Der Mediziner weiß: „Wer um seinen Job oder seine wirtschaftliche Existenz fürchtet, ist gestresst. Und Stress ist Nährboden für psychosomatische Erkrankungen.“

Diese entwickeln sich quasi entgegengesetzte zur Wirtschaft. Flaut diese ab, haben die Erkrankungen Hochkonjunktur. Die Arbeitsplatzunsicherheit führt derzeit verstärkt zu körperlichen und psychischen Beschwerden.
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Typische Symptome sind Kopf- und Rückenschmerzen, gepaart mit Schlaflosigkeit. Nachts noch drehen sich die Gedanken um die Sorgen oder Alpträume plagen die Patienten.

Tagsüber fühlt man sich dann erschöpft, unkonzentriert, antriebslos, reizbar. Und verhält sich sogar den Liebsten gegenüber unfair oder aggressiv.

Unsicherheit belastender als die Arbeitslosigkeit

Graz meint: „Der zunehmende Tunnelblick führt schließlich dazu, dass man sich, andere und die Zukunft nur noch als schlecht wahrnimmt“. Alarmstufe rot.

Hauptauslöser all dieser Symptome sind Ängste und Kontrollverlust. Manchmal kann sogar „Arbeitsplatzunsicherheit belastender sein als die Arbeitslosigkeit selbst“, sagt Hannes Zacher, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie von der Uni Leipzig.

Denn die Kündigung beende immerhin eine nervenzerrende Situation. Die Lage ist danach möglicherweise objektiv oder durch die finanzielle Brille betrachtet, schlimmer als zuvor. Doch für den Betroffenen zählt nur, dass endlich eine Entscheidung gefallen ist und er sich wieder als Herr der Lage fühlt. Und er zum Beispiel damit beginnen kann, sich beruflich neu zu orientieren.

Je länger jedoch das Gefühl drohender Arbeitslosigkeit anhält, umso schwerwiegender sind die Folgen: Aus einer üblicherweise vorübergehenden Niedergeschlagenheit oder natürlichen Angst vor Einkommensverlust kann eine chronische Depression werden. Mit dramatischen Folgen für sich und andere. Mitunter endet die Panik-Spirale sogar tödlich.

Suizidgefahr steigt

Krankheit, Geldnot, Streit in der Familie. „Je mehr Stressoren zusammenkommen, umso größer das Suizid-Risiko“, warnt Graz. Alkohol, Tabletten, aber auch Online-Glücksspiel und der Konsum von Pornos, die die Hoffnungslosigkeit betäuben sollen, verschlimmerten das Gefühl „ich halt das nicht mehr aus“ letztlich nur. Ausweglosigkeit, Scheitern, fehlende Perspektive.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, welche Auswirkungen das hat. So war während der Finanz- und Wirtschaftskrise die Selbstmordrate weltweit erhöht. Auf ihrem Höhepunkt 2009, stieg die Suizidrate in Europa und den USA um mindestens neun Prozent im Vergleich zu 2007, zeigt eine Studie des britischen Ärzteblatts BMJ von 2013.

Managerarzt Graz befürchtet so wie seine Kollegen in anderen Kliniken, mit denen er sich dazu austauscht, hierzulande nun erneut steigende Opferzahlen. Die Krise habe ja erst begonnen, Lockerungen und die Rückkehr zum gesellschaftlichen Leben dürften sie beschleunigen. Wodurch Angsterkrankungen in der Bevölkerung erst recht zunehmen könnten.

Angsterkrankungen werden zunehmen

Seit die Covid-19-Pandemie Deutschland erreicht hat, die Menschen zur Isolation zwingt und sich um Gesundheit, aber auch um ihre wirtschaftliche Existenz sorgen lässt, mehren sich jedenfalls die Anfragen von Hilfesuchenden bei psychologischen Beratungsstellen.

Die Volksseele leidet. „Ängste sind ansteckend“, warnt Hannes Zacher von der Uni Leipzig. Wirtschaftspolitische Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld oder Steuerstundung seien existenziell wichtig. Es gelte aber darüber hinaus, die Menschen emotional mehr zu unterstützen und ihnen wo immer möglich, Sicherheit zu geben.

Arbeitgeber und Gewerkschaften zum Beispiel sollten sich nicht nur um den Schutz vor Ansteckung, sondern auch um das psychische Wohlbefinden der Beschäftigten kümmern. „Man weiß, dass die Corona-Epidemie auch zu erhöhten Fällen psychischer Angsterkrankungen führt“, sagt Graz. Aber wer für präventive psychologische Maßnahmen bezahlen soll, sei ungeklärt. Da verhielten sich Arbeitgeber, Krankenkassen und Rentenversicherung ähnlich wie in Fällen von Burn-out.

Mitarbeiter umfassend informieren und Ängste teilen

Mehr als an die Personalabteilung, den Betriebsrat oder die Telefonseelsorge zu verweisen, ist bei den meisten Unternehmen nicht drin. Nur die wenigsten Arbeitgeber leisten sich externe Spezialisten, um Mitarbeitern in emotional belastenden Situationen beizustehen.

Dabei sollten sich Chefs schon aus purem Eigennutz darum sorgen, dass sich der Motivations- und Produktivitätsverlust ihrer Belegschaft in Grenzen halten.

Das meint auch Katharina Lochner. Die Expertin für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der University of Applied Sciences Europe rät Geschäftsführern und Vorständen dazu, „nicht im Hintergrund versuchen alles allein zu richten, sondern Mitarbeiter über akute und geplante Maßnahmen, mögliche Szenarien und den Plan B offen zu informieren, um Ängste rauszunehmen.“

Nur dann entstehe das Gefühl, der Arbeitgeber ist verlässlich und kümmert sich. Lochner: „Das stärkt die Zuversicht.“

Rückkehr zur Normalität wird es nicht geben

Der gesamtwirtschaftliche Schaden durch Massen-Panik unter Arbeitern und Angestellten ist nicht einschätzbar. Weil niemand weiß, wie lange die bedrohliche Situation für uns alle noch anhält.

Wie lange es dauert, bis ein wirksamer Impfstoff gefunden ist – sind es Monate oder vielleicht Jahre? Oder was nach der Kurzarbeit kommt – Hochkonjunktur, um die Ausfälle rasch aufzuholen oder die Kündigung, weil die Kundschaft des einstigen Exportweltmeisters Deutschland nicht mehr existiert?

Nur so viel scheint sicher: Eine Rückkehr zur beruflichen Normalität wie wir sie von vor Corona in Erinnerung haben, wird es nicht geben.

Was hilft? Alles was Halt gibt

Die gute Nachricht lautet: Die Angst vor dem Jobverlust oder davor, was nach Corona, Kurzarbeit oder Kündigung kommt, lässt sich in den Griff bekommen. „Posttraumatisches Wachstum“ nennen es die Psychologen, wenn Betroffene aus einer Krise gestärkt hervorgehen. Graz beruhigende Botschaft lautet: „Sogar aus Kontrollverlust lässt sich viel lernen.“

So könnten wir gerade täglich beobachten, wie Politiker angesichts der Krise statt zu lamentieren, schnellstens ins Tun kommen.“ Vorbild Angela Merkel. Die Krisenkanzlerin zeigt wieder einmal, wie sie mit ruhiger Situationsanalyse das Problem Schritt für Schritt angeht und einen klaren Kopf behält. Hilfreich sind dazu das Gefühl, etwas bewirken zu können. Halt geben aber auch der Glaube, ein geordneter Tagesablauf, sinnvolle Tätigkeiten und das Hinarbeiten auf ein konkretes Ziel.

Blick auf die Erfolge richten

Und nicht zuletzt die Freude über bereits erreichtes und Erfolge. Mediziner Graz: „Wir alle sollten uns ruhig mal selbst auf die Schulter klopfen zu dem, was wir schon alles geschafft haben.“ Homeoffice und Homeschooling von heute auf morgen. Kurzarbeit statt Massenentlassungen, einen geringeren Anstieg der Arbeitslosigkeit als in anderen Ländern etwa in den USA, große gesellschaftliche Solidarität und Erfindungsgeist.

Aber diese „Mutmacher gehen zur Zeit vielfach in der ganzen Schwarzmalerei unter“, sagt Katharina Lochner. Die Wirtschaftspsychologin bewertet die Entwicklungen in Deutschland durchaus positiv: „So schwer die Krise die Gesellschaft und Wirtschaft auch beutelt, sie wird die digitale Transformation befeuern und Innovationen beschleunigen und vor allem lenkt sie den Blick auf die Institutionen und Berufe, die wir brauchen, um unsere Gesellschaft am Laufen zu halten."

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