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Alkohol Suchtfalle Homeoffice

Ohne soziale Kontrolle kann aus dem Feierabendbier eine ausgewachsene Alkoholsucht werden. Doch es gibt wichtige Warnzeichen.

Arbeit und Coronavirus | Von Carina Kontio und Angelika Ivanov |

Das Coronavirus zwingt die Menschen seit Wochen zu Hause zu bleiben. Bars und Restaurants sind geschlossen, auch Partys sind verboten. Warum dann das Feierabendbierchen nicht schon vorziehen? Im Homeoffice merkt es ja niemand. Denn die Grenze zwischen Privat und Arbeit verschwimmt. Die soziale Kontrolle durch Kollegen oder Freunde fällt weg. Eine gefährliche Mischung, meint Christina Rummel von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.

„Es ist auch verständlich, dass angesichts der derzeitigen Lage Entspannung gesucht wird – in welcher Form auch immer“ sagt sie. „Die Gefahr ist, dass man sich an den Konsum gewöhnt und der regelmäßige Konsum zu einer Suchtproblematik führen kann.“

Heißt: Die Coronakrise begünstigt Alkoholismus.

Denn gerade hat Angst die Menschen im Griff. Das zeigt auch der Konsumklimaindex, der anzeigt wie viel Geld wir ausgeben. Derzeit befindet er sich auf einen historischen Tiefstand gedrückt, wie der Nürnberger Marktforscher GfK mitteilte. „Die Verbraucher befinden sich in einer Schockstarre“, sagte GfK-Experte Rolf Bürkl. Doch wenn die Menschen Dinge kaufen, dann Alkohol: Vor Ostern deckten sich die Verbraucher nach Angaben der Wiesbadener Behörde vermehrt mit Bier oder Wein ein.

Auch in der Schweiz stellt der Detailhändler Coop einen „merklichen Anstieg der Nachfrage bei alkoholischen Getränken“ fest, meldet das Nachrichtenportal Blick.ch. Das gelte sowohl für Bier, Wein wie auch Spirituosen.

Dabei ist Alkohol ohnehin ist Volksdroge Nummer eins. Auf alle umgerechnet stieg im Jahr 2018 der Gesamtverbrauch um 0,3 Liter auf insgesamt 131,3 Liter alkoholische Getränke pro Jahr und Einwohner. Heißt: Jeder Deutsche schlürft übers Jahr verteilt eine Badewanne an Bier, Wein, Sekt oder Schnaps. Weil manche Menschen gar nicht trinken oder zu jung sind, muss die Menge pro Trinker erhöht werden. So weit, so schockierend.

Doch ab wann wird es gefährlich Alkohol zu trinken? Wo finden Betroffene Hilfe, wenn gerade viele Beratungsstellen geschlossen sind? Ein Überblick mit Hilfe von Andreas Jähne. Er ist Humanmediziner, Psychiater und ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Rhein-Jura in Bad Säckingen.

1. Wie wirken Isolation und Angst auf uns?

Die aktuelle Situation ist für viele Menschen herausfordernd. Für Selbstständige genauso wie für Manager, genauso wie für alleinerziehende Mütter oder chronisch Kranke. Gerade jetzt haben viele Menschen Angst vor ihrem Jobverlust. „Das sind oft Auslöser für den Griff zur Flasche, um diese Ängste zu betäuben“, warnt Jähne.

Doch wirklich verlässliche Zahlen könne derzeit niemand liefern, weiß er. Doch: „Wenn ich mich auf meine eigenen Eindrücke verlasse oder das, was mir Kollegen berichten, gibt es Hinweise, dass der häusliche Konsum von Alkohol gerade auch bei Jüngeren in der Pandemie und mit den Restriktionen zunimmt. Zudem kennen wir das Phänomen auch aus anderen Situationen, wo Menschen entweder isoliert zu Hause oder nah beieinander sind, etwa an Weihnachten oder in den Ferien.“

Sein Rat: Jeder sollte sich immer wieder bewusst machen, dass Alkohol weder Sorgen im Job noch Probleme mit dem Partner löst. „Meistens werden sie gerade durch den Konsum noch größer.“

2. Welche Warnsignale gibt es bei Alkoholkonsum?

Wer im Homeoffice sitzt, muss vielleicht telefonieren. Aber hier kann niemand eine Alkoholfahne riechen oder negativ kommentieren. „Es besteht die Gefahr, dass Alkoholkonsum nicht erst mit dem berühmten Feierabendbier um 18 Uhr beginnt, sondern vielleicht schon zum Mittagessen mit einem Glas Wein“, sagt Jähne.

Da hilft nur Disziplin oder eine andere soziale Kontrolle, etwa durch eine abendliche Verabredung. Funktioniert das nicht mehr oder ist der Druck zu trinken größer, sollten die Alarmglocken schellen.

Der Experte meint: „Ein Warnsignal auf Verhaltensebene sollte sein, wenn Alkohol nicht mehr bei gesellschaftlichen Anlässen, sondern allein und gezielt wegen der vermeintlich entspannenden oder schlaffördernden Wirkung konsumiert wird.“ Also wenn man trinkt, um seine Sorgen zu vergessen oder einzuschlafen.

Medizinisch betrachtet werde es gefährlich, wenn man eine körperliche Gewöhnung feststellt und immer mehr Alkohol brauche, um dieselbe Wirkung zu erzielen. Genauso gefährlich sei es, wenn man nicht mehr aufhören kann zu trinken, also mehr und länger konsumiert als beabsichtigt.

Ein absolutes Warnzeichen ist Alkohol am Morgen. „Der Schluck zum Kaffee, damit es einem besser geht. Das können bereits Entzugssymptome sein, die durch den Alkohol reduziert werden“.

3. Wer ist besonders gefährdet?

Besonders gefährlich ist die Situation für Menschen, die Alkoholabhängigkeit in der Familie haben. „Wir gehen mittlerweile davon aus, dass die Neigung zur Alkoholabhängigkeit zu 50 bis 60 Prozent vererbt wird, “ so Jähne. Mittlerweile wisse man, dass diejenigen, die eine hohe Toleranz haben und relativ viel Alkohol vertragen, tatsächlich auch mehr trinken. „Und wenn jemand viel Alkohol über längere Zeit trinkt, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, alkoholabhängig zu werden“.

Riskant sei es aber auch für Menschen, die andere psychische Probleme wie zum Beispiel Depressionen haben. So berichtet Jähne von Patienten mit chronischen Schlafstörungen, die über das „Schlafmittel“ Alkohol in die Abhängigkeit rutschen. Oder auch von Menschen mit Angst- und Panikstörungen, die mit Alkohol zur Ruhe kommen wollen.

4. Was tun, wenn man Alkoholmissbrauch bei anderen feststellt?

„Grundsätzlich würde ich jedem Menschen raten, Alkohol komplett sein zu lassen“, sagt der Suchtexperte. „Früher hieß es, das eine Glas am Abend sei medizinisch noch in Ordnung. Es gibt aber mittlerweile eine starke Evidenz dafür, dass selbst das zu viel ist und beispielsweise das Krebsrisiko steigt, wenn man über Jahre konsumiert. Gerade im Homeoffice ist die Abstinenz der sicherere Weg.“

Bei Folgen von Alkohol würden viele nur an Lebererkrankungen denken. Dabei gebe es kaum ein Organ, das nicht durch Alkohol geschädigt wird. „Alkohol ist auch kein Schlafmittel, es reduziert sogar die objektive Schlafqualität und erhöht das psychische und körperliche Erkrankungsrisiko. Es gibt keinen ungefährlichen Alkohol und keine wirklich sichere Konsumgrenze,“ sagt er. Radikal formuliert: „Es gibt keine absolute Menge, ab der der Konsum problematisch ist.“

Wichtiger ist die Gewöhnung oder Toleranz und der Verlust der Kontrollfähigkeit. Dieser Prozess sei sehr individuell.

Entscheidend sei also, ob man in der Lage ist, den Konsum aus eigener Kraft zu unterbrechen. Geht das nicht mehr, liegt ein Problem vor.

Bekommen Angehörige oder Freunde einen problematischen Alkoholkonsum mit, haben sie es sehr schwer. „Sie stecken in dem Dilemma, auf den Konsum hinweisen zu müssen und gleichzeitig zurückgewiesen zu werden. Dabei ist es wichtig, dass nahestehende Menschen sehr wohl darauf hinweisen, dass der Alkoholkonsum auffällt. Oft muss jemand von außen sagen: „Das ist nicht mehr richtig, was du hier tust.“ Ohne Wenn und aber,“ sagt Jähne.

Doch seiner Erfahrung nach helfen weder Verbote noch Mahnungen. Alkoholiker müssen selbst erkennen, dass sie ein Problem haben und Hilfe annehmen. Doch das kann dauern. „Manche erleben den Führerscheinentzug durch Alkohol, eine Abmahnung vom Chef oder die Scheidung – und selbst dann wird das Problem noch kleingeredet “, so Jähne.

5. Fragebogen zur Orientierung: Habe ich ein Alkoholproblem?

Laut Jähne kann ein kurzer Fragebogen helfen um herauszufinden, ob man ein Problem hat:

  • Haben Sie jemals daran gedacht, Ihren Konsum an alkoholischen Getränken zu verringern?
  • Haben Sie sich schuldig gefühlt wegen Ihres Konsums?
  • Haben Sie andere Menschen verärgert, weil Sie deren Meinung nach zu viel getrunken haben?
  • Haben Sie schon einmal am Morgen Alkohol gebraucht, um in Form zu sein?

„Wenn eine Antwort davon positiv ist, sollte man zumindest mal weiter fragen. Zwei positive Antworten entsprechen einer Abhängigkeitswahrscheinlichkeit von 60 Prozent, “ sagt er.

6. Hier finden Sie Hilfe:

Seine Klinik bietet auch in der Coronakrise Hilfe an. „Man muss nicht allein mit diesen Problemen klarkommen, gemeinsam findet man oft leichter eine Lösung. Wir wollen für unsere Patienten da sein und Hilfe ermöglichen. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass es weiterhin auch andere Krankheiten gibt, die nicht Corona heißen“, sagt der Direktor. Hier gehts zur Video-Sprechstunde Oberberg-Kliniken.

Doch auch andere Organisationen bieten Anlaufstellen bei Suchtmissbrauch:

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