Wiwo-Ranking Die etwas andere BWL-Professorin

Ruth Stock-Homburg ist die forschungsstärkste Frau ihrer Zunft in Deutschland. Dabei sitzt die 46-Jährige ungern am Schreibtisch – und beweist, wie breit das Fach BWL heute ist.

Stefan Reccius |

Die etwas andere BWL-Professorin

Stock-Homburg

Ruth Stock-Homburg ist Professorin für Marketing und Personalmanagement an der TU Darmstadt.

An ihrem bevorzugten Arbeitsplatz ist Ruth Stock-Homburg stets in Gesellschaft. Im Erdgeschoss eines Backsteingebäudes in einem Darmstädter Wohngebiet tummeln sich mehrere Roboter. Einer von ihnen heißt Elenoide und ist so etwas wie das Lieblingsstück der BWL-Professorin.

Elenoide ist ein sogenannter Android: Ein Roboter, der dem Menschen zum Verwechseln ähnlichsieht, kommunizieren, lachen und Gefühle zeigen kann. Noch steht er zu Forschungszwecken im Darmstädter „Leap-in-time-Labor“, aber bald schon könnten Androide wie Elenoide auch im hiesigen Arbeitsleben zum Einsatz kommen. Dieses Zukunftslabor hat Ruth Stock-Homburg vor einigen Jahren gegründet und Räume außerhalb des Uni-Geländes angemietet.

BWL ist mehr als Bilanzen

Die 46-Jährige ist die bestplatzierte Frau im BWLer-Ranking der WirtschaftsWoche. Maßgeblich dafür sind die Veröffentlichungen, die harte Währung der Betriebswirtschaftslehre. Stock-Homburg publiziert zwar nicht so häufig wie viele ihrer Kollegen, dafür aber zumeist in den renommiertesten Fachzeitschriften. Ihr Labor zieht Stock-Homburg Schreibtisch und Hörsaal vor. Und sie beweist, dass BWL viel mehr ist als Bilanzen lesen.

In ihrem Arbeitszimmer an der TU Darmstadt trifft man sie jedenfalls selten: „Ich arbeite nicht gern hinter verschlossenen Türen im Professoren-Büro. Da ist es einsam.“ Deswegen verlegt sie Seminare auch schon mal in ihr Labor – und klopft mit ihren Studenten die hier erforschten Technologien auf ihre künftige Relevanz für Unternehmen ab. Seien es Roboter, Virtual-Reality-Brillen oder „smarte“ Tische, die ähnlich wie Tablet-Computer funktionieren.

Die gebürtige Hessin aus der Nähe von Limburg war 33, als sie 2005 in Hohenheim Professorin wurde. Damals war sie deutschlandweit die Jüngste im Fach Betriebswirtschaftslehre. Seit zwölf Jahren ist die Mutter von zwei Kindern Professorin für Marketing und Personalmanagement in Darmstadt, unterbrochen nur von einem Forschungsaufenthalt am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Freiheit wichtiger als Geld

Sie hätte in die Wirtschaft gehen können. Mehrmals, erzählt sie, habe man ihr Jobs als Geschäftsführerin angeboten. Stock-Homburg lehnte ab. Die Freiheit, wissenschaftlich nach eigenen Maßstäben und Ideen zu arbeiten, habe sie stets mehr gereizt „als Geld und ein Fahrer“, sagt die Frau, die im Sommer ihre zweite Dissertation abgeschlossen hat.

In ihrem Zukunftslabor, wo sie sich nach eigener Aussage fast täglich aufhält, steuert Stock-Homburg auf eine Schaufensterpuppe zu. Schüler der Darmstädter Edith-Stein-Schule haben im Rahmen des Nachwuchswettbewerbs „Jugend forscht“ zwei mechanische Arme für die Puppe entwickelt, die sie in einen Dolmetscher für Gebärdensprache verwandeln. Im Labor haben die Schüler die Roboterarme so weit entwickelt, programmiert und ihre Bewegungen verfeinert, dass Stock-Homburg sagen kann: „Mittlerweile kann er das gesamte Gebärdensprachen-Alphabet“.

Wie gehen Mensch und Maschine miteinander um?

Kooperation mit Schulen, Zusammenarbeit mit Unternehmen: In ihrer Forschung geht Stock-Homburg ungewöhnliche Wege. An diesem Vormittag sind Vertreter des Darmstädter Pharmakonzerns Merck zu Gast. Ein Besucher macht den Test: Er soll bei Roboter-Concierge Elenoide fiktiv in ein Hotel einchecken. Hinter einem Vorhang beobachten die anderen Gäste samt Versuchsleiter das Experiment durch die Kamera-Augen des androiden Roboters.

Merck wird das erste Unternehmen sein, das Elenoide, den menschenähnlichen Roboter, einsetzt. Details kann Stock-Homburg noch nicht verraten, nur so viel: Aus der Interaktion von Mitarbeitern und Roboter will sie neue Erkenntnisse zum Zusammenspiel von Mensch und Maschine gewinnen.

Und auch der Roboter soll dazulernen: Bislang gibt ein Mitarbeiter am Computer Elenoide die Antworten vor, bald soll ein Chatbot automatisch die passenden Antworten und Gesprächsfetzen finden. „Wir setzen hier quasi ein Programm zum maschinellen Lernen auf“, sagt die BWL-Professorin, die dafür Hilfe von einem IT-Fachmann hat.

Wenn die Umwelt schlapp macht, wird kein Roboter mehr gebraucht

Regelrecht pathetisch wird Stock-Homburg, wenn es um ihre Herzensangelegenheit geht: den verschwenderischen Lebensstil unserer Gesellschaft und die Konsequenzen für die Natur. Dann klingt sie, auch wenn sie das nicht gerne hört, wie eine Umweltaktivistin. Aber was hat das Sinnieren über Ressourcen- und Umweltprobleme mit ihrem Beruf zu tun? „BWL-Professorin zu sein heißt nicht, dass man blind ist für alles andere, was um einen herum passiert“, sagt Stock-Homburg. „Sondern dass man versucht, seine Fähigkeiten zu nutzen, um etwas zu bewegen.“

Sie schreibt gerade ein Buch darüber, macht einen Selbstversuch in Sachen Umweltbewusstsein und hat eine Kampagne ins Leben gerufen. Ein Jahr lang jeden Monat eine neue Maßnahme, dafür will sie möglichst viele Gleichgesinnte mobilisieren: Weniger online bestellen, keine Einwegbecher nutzen, Fleischkonsum einschränken – egal was. „Wir reden viel über Zukunft und Technologie, aber wenn zwischendurch die Umwelt schlappmacht“, mahnt sie, „dann wird uns keine Künstliche Intelligenz und kein Roboter helfen.“

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