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Unternehmen statt Uni: Warum diese Naturwissenschaftler lieber für Firmen forschen

Unternehmen statt Uni Warum diese Naturwissenschaftler lieber für Firmen forschen

Forscher gelten als ehrgeizig und intelligent. Ihnen winkt Weltruhm, wenn sie eine besondere Entdeckung machen. Doch was macht die Arbeit in einer Firma reizvoll? Drei Naturwissenschaftler erzählen.

Von Lena Bujak |

Warum diese Naturwissenschaftler lieber für Firmen forschen

Naturwissenschaftler in der Privartwirtschaft

Viele Naturwissenschaftler forschen lieber für Firmen.

© imago images westend 61

Patricia Haremski besuchte gerade die zehnte Klasse, als ihr neuer Physiklehrer sie für die Naturwissenschaften begeistert hat. Die 28-Jährige erinnert sich noch heute an den Tag, an dem er bei einem Experiment das ganze Klassenzimmer mit Wasser flutete. Seitdem brennt sie für Experimente und Formeln. Mittlerweile ist Haremski selbst Physikerin beim Technologiekonzern Bosch.

Naturwissenschaftler wie sie fühlen sich gewöhnlich mit Zahlen sehr wohl. Das gilt auch auf dem Arbeitsmarkt. Mit einer Arbeitslosenquote von etwa zweieinhalb Prozent herrscht unter den Akademikern Vollbeschäftigung. Einzig die Biologen zählen zu den Ausreißern – und auch unter ihnen sind gerade einmal 4,2 Prozent auf Jobsuche.

„Die Attraktivität von Naturwissenschaftlern auf dem Arbeitsmarkt ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass sie häufig flexibel in verschiedensten Berufsfeldern tätig sein können – auch außerhalb der Naturwissenschaften“, sagt Claudia Suttner von der Bundesagentur für Arbeit.

So macht nur ein knappes Viertel aller Naturwissenschaftler tatsächlich Karriere in der Wissenschaft. Der Großteil arbeitet in Unternehmen – teils als Mathematiker oder Chemiker, aber auch in Feldern wie der Informatik und der technischen Forschung und Entwicklung (F&E).

Der Schritt in die Privatwirtschaft lohnt sich gerade am Anfang auch finanziell. „An der Universität gibt es ein höheres Risiko bei gleichzeitig überschaubareren Karrieremöglichkeiten“, sagt Matthias Schwarzkopf, der Wissenschaftlern bei der Karriereplanung hilft. Während an der Universität oder im öffentlichen Dienst die Gehaltsaussichten über die gängigen Tarifverträge gedeckelt sind, können Naturwissenschaftler in der freien Wirtschaft gleich von Beginn an gut verdienen.
Beispiel: Postdoktoranden werden, wenn sie an der Universität bleiben, anfangs oft nach der Entgeltgruppe 13 bezahlt. Heißt: 50.000 Euro Jahresgehalt, Sonderzahlungen eingerechnet. Zum Vergleich: Das Gehalt in einer F&E-Abteilung mittlerer Größe liegt laut Gehaltsreport der Jobplattform Stepstone bei rund 67.000 Euro im Jahr. Als Führungskraft sind gut 80.000 Euro drin.

Doch es nicht allein das Gehalt, das Naturwissenschaftler motiviert ins Unternehmen statt an die Uni zu gehen. Welche das sind – Karriere.de hat drei Forscher getroffen.

Die Ergebnisorientierte: Heike Riel, 48

Neben ihrem Bett hat Heike Riel immer ein Notizbuch liegen. Schließlich könnte die nächste geniale Idee im Schlaf kommen. Oft liege sie mit offenen Augen auf ihrem Kissen und grüble, erzählt die 48-Jährige.

Riel ist Physikerin und forscht seit rund 20 Jahren für den IT-Riesen IBM. Als Abteilungsleiterin im Bereich „Internet of Things“ und „Artificial Intelligence“ hat Riel auch Personalverantwortung. Sie selbst steht kaum noch im Labor. Zwar vermisst sie das Experimentieren, sie ist sich jedoch bewusst, dass es in ihrer Position nicht anders geht.

Daran forscht Heike Riel: Eines der Themen, die Riel nachts beschäftigen, sind Quantencomputer. Im Januar hat IBM den ersten kommerziellen Quantencomputer vorgestellt. Diese neue Generation von Computern ist sehr leistungsstark. Herkömmliche PCs können nicht jede Matheaufgabe lösen oder brauchen dafür sehr lange.

Ein Quantencomputer berechne die Eigenschaften beispielsweise einer Legierung exakt – und kann damit viele Problem schneller lösen: „Wie beispielsweise kann ich Strom ohne Verluste transportieren? Das experimentell herauszufinden könnte viele Jahre dauern. Der Quantencomputer kürzt das ab“, so Riel.

Deshalb will Heike Riel nicht an die Uni: Die Physikerin arbeitet gern in der Industrie, weil sie dort die Ergebnisse ihrer Forschung auch angewandt sieht. Sie liebt es, Grundlagen zu erforschen und Ideen zu erfinden. Doch sie will auch über diese Grenze hinauswachsen, sagt sie – einen Nutzen schaffen, nicht nur für wissenschaftliche Panels, sondern auch für Unternehmen, Institutionen und Menschen. So wie 2003, als sie mit ihrer Forschung dazu beitrug, dass Smartphone-Displays heute so dünn sind und farbintensiv leuchten.

In der Industrie hätten Wissenschaftler immer das Ergebnis in der Anwendung vor Augen, sagt Riel. Anders an Universitäten: „Ich habe es oft erlebt, dass mich ein Student an der Uni verwirrt anschaute, wenn ich ihn nach dem Ziel seiner Arbeit gefragt habe.“

Der Helfer: Christoph Schüll, 34

Medizin oder Chemie? Diese Frage beschäftigte Christoph Schüll in seiner Jugend. Irgendwann entschied er sich, aus dem „oder“ ein „und“ zu machen – und studierte Biomedizinische Chemie in Mainz und Massachusetts. Das Wissen, das er im Studium mühsam erworben hat, wendet er heute bei 3M in Neuss an. Seit 2016 ist er Produktentwickler für Medizinprodukte.

Daran forscht Christoph Schüll: Der 34-Jährige entwickelt Klebstoffe, die direkt auf die Haut aufgetragen werden, solche etwa, die in Pflastern oder Wundverbänden vorkommen. Auf der Haut können die Stoffe etwa zu starken Rötungen führen, vor allem bei älteren Menschen, Kleinkindern oder Kranken. „Deshalb ist es wichtig, Klebstoffe zu entwickeln, die besonders für diese Patienten geeignet sind“, erklärt der Chemiker.

Ein- bis zweimal die Woche tüftelt er im Labor an den Klebstoffen. Ansonsten ist er viel unterwegs – in Produktionsstätten oder Krankenhäusern. Dort schaut er sich an, wie das Produkt angewendet wird und wo es eventuell noch Schwachstellen gibt. Für seine Arbeit wurde Schüll schon mehrfach ausgezeichnet.

Deshalb will Christoph Schüll nicht an die Uni: „Erfolg ist mehr, als nur Preise zu gewinnen“, sagt Schüll. „Erfolg ist vor allem auch das positive Feedback unserer Kunden.“ Ein Gefühl, das er an der Universität höchstens indirekt spüre.
„Während ich als Wissenschaftler an einer Hochschule zum Beispiel der Frage nachgehe, warum sich Moleküle auf eine bestimmte Weise verhalten, würde ich im Unternehmen eher danach schauen, was ich mit den Molekülen machen kann, um dem Kunden zu helfen.“

Schülls Motivation: mit seiner Arbeit zum Wohlbefinden von Millionen Patienten beitragen. Aus jedem Kundengespräch nimmt er neue Ideen mit, um seine Forschung weiter zu verbessern.

Die Teamplayerin: Patricia Haremski, 28

Im Fernsehen läuft „The Big Bang Theory“, jene US-Serie, in der eine Gruppe intelligenter Nerd-Freunde sich über Wissenschaft unterhält, gemeinsam zu Abend isst und Spiele spielt. Die junge Physikerin schaut gebannt vor dem Fernseher zu. Es ist, als halte man ihr einen Spiegel vor. „Ein bisschen nerdig waren wir schon“, gibt Patricia Haremski zu. Das war während des Studiums.

Ihren Abschluss hat die 28-Jährige inzwischen. Nun will sie ihren Doktor machen. Vor rund einem Jahr fing Haremski mit ihrer Promotion beim deutschen Hersteller Bosch an. Dafür ist sie an der Uni eingeschrieben, tatsächlich ist sie jedoch Vollzeit im Unternehmen beschäftigt. Mit ihrem Doktorvater tauscht sie sich nur in Details ihrer Arbeit aus. Das Doktorandenprogramm bei Bosch dauert drei Jahre.

Daran forscht Patricia Haremski: Haremski will die Alterung der Brennstoffzelle verlangsamen. Wissenschaftler sehen in der Vorrichtung zum Umwandeln chemischer in elektrische Energie eine wichtige Zukunftstechnologie, schließlich entstehen bei der Verbrennung der verwendeten Brennstoffe kaum Emissionen. Nicht nur im Automobilbereich, auch in der Stromversorgung könnte die Brennstoffzelle eine Alternative zu erneuerbaren Energien sein.

Die junge Akademikerin wünscht sich für die Zukunft, dass sich irgendwann jeder Haushalt selbst mit Strom aus Brennstoffzellen versorgt. Bis es so weit ist, muss allerdings noch einiges getan werden: „Das Problem bei der Brennstoffzelle ist im Moment noch der Preis sowie die Lebensdauer“, sagt Haremski. Um eine Lösung zu finden, steht sie deshalb jeden Tag im Büro.

Deshalb will Patricia Haremski nicht an die Uni: Auch wenn das Programm noch gute zwei Jahre läuft, für Haremski steht fest: Sie will bei Bosch bleiben. Vor allem die Teamarbeit motiviert die Doktorandin.
Während an der Uni oft jeder für sich forsche, bearbeite sie im Unternehmen ein Problem oft im Zusammenspiel mit anderen. Sie diskutiert ihre Ergebnisse mit Kollegen, sucht nach Lösungsansätzen. Ein neuer Blickwinkel reicht oft schon, um aus einer schwierigen Situation herauszukommen.

Bei Bosch hat Haremski die Möglichkeit, sich allein hierzulande mit 300 anderen Doktoranden auszutauschen. Ganz zu schweigen von dem umfangreichen Netzwerk an Experten aus verschiedenen Disziplinen, auf das sie bei Fragen gern zurückgreift: „Hier bin ich keine Einzelkämpferin.“

Fazit: Leidenschaft und Loyalität, das zeichnet die Forscher aus

Die Leidenschaft für den Job ziehen die drei Forscher vor allem aus dem hohen Praxisbezug der eigenen Arbeit, dem hohen Maß an Kundenorientierung und dem Arbeiten im Team. Zwei der drei vorgestellten Forscher stehen zwar nicht mehr allzu oft selbst im Labor. Doch es scheint genau diese Art der Abwechslung zu sein, die die Topleute reizt.

Die Forscher sind ihren Arbeitgebern gegenüber auch sehr loyal. Riel ist seit mehr als zwei Jahrzehnten in verschiedenen Positionen bei IBM tätig. Und auch die Berufsanfängerin Haremski würde gerne bei Bosch bleiben. „Meist bekommen Wissenschaftler in industriellen Forschungsabteilungen nach spätestens zwei Jahren einen unbefristeten Arbeitsvertrag“, sagt Karriereberater Schwarzkopf.

Diese Sicherheit hätten die Spezialisten an Universitäten unterhalb einer Professur in der Regel nicht. Nach der Promotion können Wissenschaftler nur sechs Jahre lang befristet beschäftigt werden, Mediziner neun Jahre.

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