Social Sabbatical Von Stuttgart in die Subsahara – warum Auszeiten der Karriere nicht schaden, sondern sie beschleunigen können

Ein Jahr lang stieg Frauke Uekermann von ihrem Job als Strategieberaterin aus, um sich sozial zu engagieren. Was danach passierte, hätte auch sie nicht für möglich gehalten.

Von Claudia Obmann |

Von Stuttgart in die Subsahara – warum Auszeiten der Karriere nicht schaden, sondern sie beschleunigen können

World Food Programm (WFP): Hilfsmaßnahmen gegen den Hunger

Frauke Uekermann berät als Expertin für den Bereich "Social Impact" soziale Organisationen.

Foto: WFP/Ricardo Franco

Für die promovierte Psychologin Frauke Uekermann sind weder ein dicker Dienstwagen noch ein zusätzlicher MBA-Titel erstrebenswert. Statt Statussymbole und weitere akademische Schulterklappen anzuhäufen, reizte die junge Projektleiterin im Fachbereich Automobil mit Fokus auf Marketing und Vertrieb nach zehn Berufsjahren vielmehr eine Auszeit, um sich sozial zu engagieren. Diese Lehren hat sie von Ihrer Auszeit mitgenommen:

Lehre 1: Wenn der Chef nicht mitspielt, geht es nicht

Ihr Arbeitgeber, die Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) – jahrzehntelang bekannt für seine rigide Leistungsvorgabe "Up or out" an die Mitarbeiter, die es einmal zur Spitzenposition als Partner bringen wollten - stellte die Mitdreißigerin für zwölf Monate frei, damit sie ein sogenanntes Social Impact Secondment einlegen konnte. Inklusive Rückkehr-Garantie und Bezahlung.

Christian Krammer, für Personalmanagement zuständiger Partner bei BCG, erklärt, warum die Beratungsfirma seit einiger Zeit ungewöhnliche Karriereverläufe jenseits vom schnurgeraden Aufstieg ermöglicht, und nicht länger nur Auszeiten zur akademischen Fortbildung der Kollegen förderte: "Wir müssen mehr zeitliche Flexibilität für persönliche Leidenschaften und soziales Engagement bieten." So wurde das sogenannte Social Impact Secondment erfunden, an dem auch Ueckermann teilnahm.

Lehre 2: Einer Passion muss man folgen

Uekermann arbeitete über den Jahreswechsel von 2013 auf 2014 für die Reach-Initiative der Vereinten Nationen, die Unterernährung bei Kindern in Entwicklungsländern bekämpfen will. Dafür verlegte Uekermann nicht nur die ersten acht Monate ihren Schreibtisch von Stuttgart nach Rom, um sich mit der Hilfsorganisation vertraut zu machen, sondern verbrachte anschließend auch vier Monate in Maputo im ostafrikanischen Mosambik. Dort entwickelte sie mit Mitarbeitern aus verschiedenen Ministerien eine Datenbank, mit der die Regierungsverantwortlichen Fortschritte im Kampf gegen Mangelernährung verfolgen können. "Auf Reisen durch Afrika und Asien habe ich gesehen, wie Organisationen mit tollen Einzelprojekten die chronische Unterernährung von Kindern bekämpfen. Aber um solch ein komplexes Problem wirklich nachhaltig zu lösen, braucht es systematische, datengetriebene Lösungen. Hierzu wollte ich einen Beitrag leisten und war überzeugt, dass meine Erfahrungen aus der Beratung helfen können."

Lehre 3: Skills sind universell

Für die Datenbank legte Uekermanns Team 20 Indikatoren fest: Von regelmäßigen Wurmkuren bei Grundschülern bis hin zur Fortbildungsquote von Lehrern. "Die Datenbank war ein komplexes Projekt, bei dem ich mein Kommunikationsgeschick im Umgang mit den unterschiedlichsten Entscheidungsträgern sowie mein Know-how zu strukturierter Datenanalyse und Programmevaluationen für einen guten Zweck einbringen konnte", sagt Uekermann. Die engen Kontakte zu den weltweiten Entwicklungshilfeorganisationen wie dem World Food Programme, aber auch zu den mosambikanischen Expat-Kreisen, wo sie selbst nach nur einer Woche im Hotel ein WG-Zimmer fand, pflegt sie noch heute. Besonders gefreut hat sie, dass die afrikanischen Kollegen sich auch später gelegentlich mit Fragen zur neuen Datenbank an sie gewandt haben. Denn auch wenn Uekermann klar ist, dass der Kampf gegen Mangelernährung langwierig ist, "zeigt es mir, dass meine Arbeit noch immer fruchtet".

Lehre 4: Eine Auszeit kann der Karriere einen Extra-Schub geben

Nach ihrem Einsatz in der ehemaligen portugiesischen Kolonie, die noch immer Latino-Flair versprüht, ging es für Frauke Uekermann in Deutschland beruflich bergauf.  Nicht nur, dass ihr wichtigster Kunde aus der Autobranche sie sofort nach ihrer Rückkehr wieder als Beraterin beauftragte, schon ein Jahr später wurde sie bei BCG zur Prinzipalin befördert – einer Vorstufe zur Partnerin.

Uekermann, die inzwischen die Expertenlaufbahn eingeschlagen und sich auf den Bereich "Social Impact" spezialisiert hat, arbeitet heute in Stuttgart. Sie berät soziale Organisationen wie das World Food Programme dazu, welche neuen Hilfsmaßnahmen sie installieren sollten, um zum Beispiel Flüchtlinge aus Krisengebieten wie Syrien besser zu versorgen. So ist aus der sozialen Auszeit inzwischen Uekermanns Hauptberuf geworden. 

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