Seitenwechsel Festanstellung statt Gründertraum

Maximilian Kerz hat gleich nach der Uni mit einer neuartigen Geschäftsidee seine Firma gegründet. Nun arbeitet er für Bayer – als Festangestellter. Ein Seitenwechsler erzählt.

Von Michael Scheppe |

Festanstellung statt Gründertraum

Maximilian Kerz

Der 25-Jährige machte sich zuerst selbstständig - nun ist er bei Bayer angestellt.

© Privat

Geld mit Patientendaten verdienen, so hatte sich Gründer Maximilian Kerz das gedacht. Die Vision: Alle relevanten Infos vom Blutdruckwert bis zur persönlichen Krankengeschichte müssten zentral gespeichert sein, jederzeit elektronisch abrufbar. Ein Blick auf den Bildschirm, und jeder Arzt hätte alle Angaben über den Patienten parat, um schneller und genauer zu diagnostizieren. Auch der Betroffene selbst könnte mit Kerz‘ digitalem Datenbank-Service per Smartphone seinen Gesundheitszustand oder den Erfolg einer Therapie beobachten.

Doch aus der Idee des 25-Jährigen, der in London den Doktor im Bereich Gesundheitsinformatik gemacht hat, wurde nichts: Kerz machte die Erfahrung, dass das britische Gesundheitssystem nicht transformationsfreudig genug ist. Er hatte unterschätzt, dass es nicht nur Monate, sondern Jahre dauern würde, bis Krankenhäuser und Ärzte mitmachen. „Wir brauchten mit unserem Start-up viel Geld und einen langen Atem.“ Beides hatte Kerz nicht. Seit September arbeitet er in Berlin, als Chief Technologist beim Pharmahersteller Bayer. Festanstellung statt Gründertraum.

Zurück in die Befehlskette – das passiert immer häufiger

Ein Karriereschritt wie der von Kerz lässt sich immer häufiger beobachten. Nach letzter Zählung des Statistischen Bundesamtes 2017 haben rund 97.000 Unternehmer in Deutschland ihre berufliche Selbstständigkeit für eine Festanstellung aufgegeben – ein Viertel mehr als noch 2014.

Ein Grund: Die Haltung der Unternehmen gegenüber externen Spezialisten hat sich gewandelt, wie Torsten Schneider, Präsidiumsmitglied im Bundesverband der Personalmanager, beobachtet: „Seitenwechsler sind eine echte Bereicherung für die Personalentwicklung“. Das gelte gerade bei Digitalisierungs- oder IT-Themen. „Unternehmen wollen die selbstständigen Experten, weil sie sich schnell auf neue Themen einstellen können und es gewohnt sind, agil zu arbeiten.“

Zur Entwicklung passt auch, dass hierzulande immer weniger Menschen ihre eigene Firma gründen wollen. Gerade mal 380.000 Menschen wagten nach Angaben des Wirtschaftsministeriums zuletzt den Schritt in die berufliche Unabhängigkeit. Das könnte daran liegen, dass einem Drittel aller Start-ups innerhalb der ersten drei Jahre die Puste ausgeht – ohne, dass sie je einen einzigen Euro Gewinn eingebracht haben.

Angestellter oder Gründer: Karriere-Optionen, die sich früher auszuschließen schienen, vermischen sich immer mehr. „Die Offenheit für einen Seitenwechsel ist gestiegen“, sagt Lutz Rachner, Partner bei der Managementberatung Kienbaum. Da falle es schwer, Festanstellung oder Selbstständigkeit kategorisch auszuschließen. Gerade jüngere Menschen planten ihre Karrieren heute eher kurzfristig, so Rachner. Das Motto: Mal sehen, was nach dem Studium kommt – wer eine gute Idee hat, legt los.

„Ich hatte Angst zu enttäuschen“

So wie Kerz. Mit 15 zog es ihn ins Vereinigte Königreich. Eigentlich hatte er nur einen dreimonatigen Aufenthalt bei einer Gastfamilie geplant. Doch ihm gefiel es so gut, dass er fast eine Dekade bleiben sollte. Kerz machte zunächst seinen Schulabschluss und studierte später am renommierten King‘s College in London Molekulare Genetik und Bio-Informatik. 2017 machte er seinen Doktor – mit gerade mal 24 Jahren.

Den Master durfte er überspringen, weil er seinen Doktorvater schon mit der Bachelorarbeit überzeugt hatte. Während seiner Dissertation reifte bei Kerz der Gedanke, ein Start-up im Bereich der Digitalen Gesundheit zu gründen. Unterstützt durch seine Universität und öffentliche Gelder gründete er in der britischen Hauptstadt schließlich die Firma Vivum Health.

In der Branche hat Kerz damit international von sich reden gemacht: Im Sommer bot ihm Bayer eine Festanstellung an. Das Angebot des Dax-Konzerns kam ihm gelegen. Schließlich lief es mit der eigenen Idee eher schlecht als recht. Kerz entschloss sich für das Angestelltenverhältnis – und den Umzug nach Berlin.

„Ich hatte anfangs große Probleme öffentlich über meinen Wechsel in die Festanstellung zu sprechen“, sagt Kerz. „Es wirkt für Außenstehende so, als ob man seinen Traum, an dem man jahrelang gearbeitet hat, einfach so aufgibt.“ Viele Freunde und Bekannte von ihm haben ebenfalls eigene Firmen gegründet. Mit ihnen war es noch schwieriger über das Thema zu sprechen, erzählt Kerz. „Ich hatte Angst sie zu enttäuschen.“

Ein Seitenwechsel wird noch oft mit Scheitern verbunden

Dass Ex-Gründer so offen über ihren Weg zurück in die Befehlskette reden, ist nicht selbstverständlich. In Gründerkreisen gilt oft erst als etablierter Unternehmer, wer eine Handvoll Unternehmen und das eigene Konto an den Rand des Ruins getrieben hat. Umgekehrt fürchten Gründer, als Festangestellte das Wort „gescheitert“ auf der Stirn zu tragen.

Eine Befürchtung, die auch Kerz hatte. Gerade die ersten Tage im neuen Job hätten sich „falsch angefühlt“. Nun aber, ein Vierteljahr später, bereut Kerz den Seitenwechsel nicht. Er hat die Vorteile eines großen Konzerns kennengelernt. Für Regulierungs- und Vertragsfragen etwa gibt es bei Bayer eigene Abteilungen mit jahrzehntelanger Erfahrung. In seinem Start-up musste sich Kerz das alles mühsam erarbeiten – quasi nebenher. Nun kann er sich auf seine eigentliche Tätigkeit konzentrieren. „Das Rad an dem ich hier drehen kann, ist extrem viel größer als in meinem Start-up.“

Kerz arbeitet für den Bayer-Accelerator Grants4Apps (G4A). Die 2013 gegründete Initiative unterstützt Start-ups im Bereich der Digitalen Gesundheit. Gründer mit innovativen Ideen bekommen durch das Programm finanzielle Hilfe, Labor- und Büroräume werden für sie gestellt und vom Rat der Bayer-Experten sollen sie auch profitieren.

Kerz wählt die Start-ups aus, betreut die Gründer und eruiert, inwieweit die Ideen auch Bayer voranbringen. Er arbeitet in einem kleinen Team von zwei Dutzend Leuten. In seinem neuen Job bewegt sich Kerz in einer ähnlichen Umwelt wie früher – nur lastet nicht mehr die ganze unternehmerische Verantwortung auf ihm.

Wenn Gründer Kerz über seine Karriere spricht, nutzt er fast in jedem Satz einen englischen Begriff. Er spricht von einer „Journey“, erinnert an seine „Company“ und den „Value“, den er mit seiner Arbeit generieren möchte. Der Wert seiner Arbeit ist dem 26-Jährigen auch wichtiger als die Vergütung, die er dafür bekommt. „Ich habe keinerlei finanzielle Verpflichtungen, deshalb spielt Geld eine weniger große Rolle für mich.“ Dabei hat sich der Wechsel in die Festanstellung für den Junggründer auch finanziell gelohnt – er verdient mehr als vorher. Und er hat geregelte Arbeitszeiten.

Was sich noch für ihn verändert hat? Die Abstimmungsprozesse dauern nun länger. In seinem Start-up hatte sich Kerz mit seinem Co-Gründer schnell abgesprochen, die Entscheidungsmühlen des Dax-Konzerns mahlen eben langsamer. Und die Strategie, die kann Kerz auch nicht mehr bestimmen.

Experte Schneider kennt diese Erfahrung: „Das Schlimmste für Seitenwechsler ist, sich in den meist etablierten Entscheidungsstrukturen und -prozessen zurechtzufinden und sich mit der aus ihrer Sicht oft zweit- oder gar drittbesten Lösung zufrieden geben zu müssen.“

Rückkehr in die Selbstständigkeit nicht ausgeschlossen

Dass nun andere die maßgeblichen Entscheidungen treffen, sieht Bayer-Mitarbeiter Kerz sogar als Vorteil. „Ich lerne in meiner Festanstellung, wie große Organisationen funktionieren.“ Eine wichtige Erfahrung, die dem Akademiker zuvor fehlte. Die Denkweisen und Strukturen etablierter Unternehmen zu kennen, das könnte ihm noch nützlich werden. Denn Kerz schließt nicht aus, erneut zu gründen. Und dann kann er mögliche Kunden und Kooperationspartner besser einschätzen als beim ersten Mal.

Ein Hintertürchen hat er sich jedenfalls aufgelassen; seinen früheren Gründer-Kollegen steht er noch immer beratend zur Seite. „Wenn man einmal die Luft eines Entrepreneurs geschnuppert hat“, sagt Kerz, „dann kommt man davon nicht mehr wirklich los.“

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